Kommt es tatsächlich zur erneuten Rückkehr des verlorenen Sohnes? Lars Ricken hat mit wenigen Sätzen eine große Debatte entfacht. Denn seine Aussagen zu Jadon Sancho klingen wie ein vorsichtig geöffnetes Fenster.
Und genau das reicht, um bei vielen Fans von Borussia Dortmund alte Sehnsüchte zu wecken. Die Vorstellung einer Rückkehr des einstigen Publikumslieblings wirkt verlockend. Doch nüchtern betrachtet wäre sie vor allem eines: Ein Schritt in die falsche Richtung.
Rickens Aussagen bleiben bewusst vage
Ausgangspunkt der Diskussion ist ein einziger Satz aus einem knapp zweiseitigen Interview mit dem Sport-Geschäftsführer. Angesprochen auf Sancho, wird Ricken wie folgt zitiert: „Wir beschäftigen uns derzeit mit sehr vielen Spielern und durchleuchten sie. Wir prüfen, ob sie uns besser machen können. Das machen wir auch bei Jadon.“
Mehr Bestätigung braucht es kaum, um die Fantasie der BVB-Fans anzuheizen. Und doch bleibt die Aussage bewusst vage.
Ricken weiß genau, wie sensibel das Thema ist. Im Umfeld von Hans-Joachim Watzke ist die Wertschätzung für Sancho ungebrochen, und auch große Teile der Anhängerschaft würden eine Rückkehr feiern.
Ein klares Nein wäre unpopulär, also entscheidet man sich für die diplomatisch klügste Variante: Nichts ausschließen, aber auch nichts versprechen.
Sancho? Nicht mehr als romantische Verklärung
Die Argumente der Befürworter liegen auf der Hand. Dortmund hält wieder Ausschau nach dynamischen Flügelspielern, nach Akteuren, die im Eins-gegen-Eins den Unterschied machen können.
Genau dafür stand Sancho einst. Dazu kommt die Hoffnung auf einen günstigen Deal – womöglich ablösefrei und mit reduzierten Gehaltsvorstellungen. Kombiniert mit der Erzählung von der „Liebe zum Verein“ ergibt das für viele ein stimmiges Gesamtbild.
Doch diese Sichtweise ist vor allem eines: Romantisch verklärt. Sie blendet aus, dass Sancho seit seinem Abgang nie wieder an seine Dortmunder Glanzzeiten anknüpfen konnte.
Die Idee, er könne einfach in sein altes Umfeld zurückkehren und sofort wieder funktionieren, basiert mehr auf Erinnerung als auf Realität. Seine sportliche Entwicklung zeigt nämlich ein anderes Bild: Wechselhafte Leistungen in der Premier League, ausbleibende Konstanz und auch international längst ist er kein Unterschiedsspieler mehr. Das zeigt ein Blick auf seine Nationalmannschaftskarriere: Sein bislang letzter Einsatz für die „Three Lions“ stammt aus dem Oktober 2021. Das ist kein Detail, sondern ein deutliches Signal.
Sancho-Verpflichtung wäre kein Neuanfang
Emotional hat sich Sancho bei seiner zweiten Rückkehr perfekt eingefügt. Mit ihm zog der BVB sogar bis ins Königsklassen-Finale nach Wembley ein. Und dennoch: Selbst, wenn man die sportlichen Fragezeichen wohlwollend bewertet, bleibt ein viel größeres Problem bestehen: Die Wirkung nach außen.
Denn eine Verpflichtung würde dem widersprechen, was der Klub zuletzt selbst als Ziel ausgegeben hat. Carsten Cramer formulierte es vor knapp einem Monat gegenüber der WAZ so: „Wir wollen den nächsten Schritt gehen. Dafür muss man hier und da eine Neujustierung vornehmen und bereit sein, alte Zöpfe abzuschneiden.“
Eine Rückkehr Sanchos wäre jedoch kein Neuanfang, sondern ein Rückgriff auf Vergangenes. Sie stünde sinnbildlich für genau das, wovon man sich in Dortmund eigentlich lösen wollte.
Sebastian Kehl wurde in der Vergangenheit häufig mangelnder Mut und zögerliches Handeln vorgeworfen, sowie der Hang zum bereits Bekannten. Am Ende kostete ihm das sogar den Job als Sportdirektor. Ein Sancho-Transfer würde dieses Muster eher bestätigen als widerlegen. Und mit Neu-Sportdirektor Ole Book sollte der Anspruch eigentlich ein anderer sein.
Sancho passt nicht in die BVB-Marschroute
Interessant ist zudem, dass Ricken selbst im weiteren Verlauf des Interviews eine klare Marschroute vorgibt, indem er betont, „einiges anders machen“ zu wollen und erklärt weiter: „Da geht es nicht um Kreativität, sondern auch um Schnelligkeit, um Mut und um Aggressivität auf dem Transfermarkt.“ Worte, die kaum zu der Idee passen, einen Spieler zurückzuholen, dessen beste Zeit im eigenen Trikot bereits hinter ihm liegt.
Der BVB steht an einem Punkt, an dem Entscheidungen richtungsweisend sind. Es geht nicht nur um Qualität im Kader, sondern auch um Glaubwürdigkeit in der strategischen Ausrichtung.
Eine Rückholaktion mag kurzfristig Emotionen bedienen – langfristig wäre sie jedoch schwer zu rechtfertigen. Die Sehnsucht der Fans nach einem Spieler, der mit seiner Art und Weise mitreißt, ist nachvollziehbar. Und dennoch: Eine erneute Verpflichtung von Jadon Sancho wäre kein cleverer Coup, sondern ein Rückschritt. Es wäre daher nur fair, den BVB-Fans diese Illusion ein für alle Mal zu nehmen. Denn Romantik ist kein Transferkonzept.(NEWS: Alles zum Transfermarkt im SPORT1-Transferticker)