Ein einziges Mal zeigte Monica Seles, eine der größten Rivalinnen der deutschen Tennis-Heldin Steffi Graf, noch einmal in voller Wucht, wozu sie fähig war. Bis zu den Australian Open 1996 schien ihre Karriere nahtlos dort anzuknüpfen, wo sie drei Jahre zuvor so abrupt unterbrochen worden war.

Seles gewann zunächst das Vorbereitungsturnier in Sydney gegen Lindsay Davenport und sicherte sich wenig später in Melbourne ihr insgesamt neuntes Grand-Slam-Turnier. Bei ihrem vierten Start in Australien blieb die ehemalige jugoslawische und US-amerikanische Tennisspielerin ungeschlagen. Das Finale gewann sie am 27. Januar 1996. Ein großes Ausrufezeichen, das nun genau 30 Jahre her ist.

Mit den Spielen, die sie im folgenden Jahr bei den Australian Open für sich entscheiden sollte, brach sie den 73 Jahre alten Rekord der Tennislegende Suzanne Lenglen. Insgesamt war Seles nach ihrem ersten Start in Australien 33 Matches hintereinander unbesiegt. Auf dem Weg zum letzten Titel besiegte sie unter anderem Anke Huber, Conchita Martínez und Jana Novotná – und kehrte in die Top Ten der Weltrangliste zurück.

Doch es sollte ihr letzter großer Grand-Slam-Triumph bleiben. An die überragende Form früherer Jahre konnte Seles nicht mehr dauerhaft anknüpfen. Chronische Verletzungsprobleme und der Tod ihres Vaters im Frühjahr 1998 warfen sie immer wieder zurück. Und den schrecklichen Zwischenfall, der ihre Karriere zuvor ausgebremst hatte, schüttelte sie nie vollständig ab.

Tennis: Das Attentat auf Seles

Lange gab es keine Konkurrentin, die Graf vom Thron hätte stoßen können. 1302 Tage in Folge führte sie die Weltrangliste an – bis plötzlich eine 17 Jahre alte Nachwuchshoffnung aus dem damaligen Jugoslawien auftauchte. Am 11. März 1991 zog Seles schließlich an Graf vorbei. Es war der Beginn einer neuen Ära, zumindest schien es so.

Seles gewann im selben Jahr alle drei Grand-Slam-Turniere, an denen sie teilnahm. Doch dann kam der Tag, der die Tenniswelt erschütterte und ihr Leben für immer veränderte: der 30. April 1993. Beim Turnier am Hamburger Rothenbaum hofften die Fans auf ein Traumfinale zwischen Graf und Seles. Im Viertelfinale jedoch geschah das Unfassbare. Günter Parche, ein fanatischer Graf-Anhänger, griff Seles mit einem Messer an.

Der Attentäter nutzte einen Seitenwechsel im Match gegen Magdalena Maleeva. Von hinten stach er der auf der Bank sitzenden Weltranglistenersten mit einem Messer zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt. Das Messer drang glücklicherweise „nur“ wenige Zentimeter in den Rücken ein – Seles hatte sich gerade nach vorne gebeugt. Zuschauer und Ordner überwältigten Parche, Seles schrie, stand auf und taumelte Richtung Netz. Im Rollstuhl musste sie vom Platz gebracht werden.

Seles-Attentat brachte auch Graf in Bedrängnis

Ihre äußeren Wunden heilten schnell. Die inneren nicht. Zwar kehrte Seles 27 Monate nach dem Attentat auf die WTA-Tour zurück, doch an ihre frühere Dominanz konnte sie nie mehr anknüpfen – mit Ausnahme der Australian Open 1996. Und während sie um ihre Rückkehr und ihre alte Stärke kämpfte, wurde eine wieder erstarkte Graf zur konkurrenzlosen Dominatorin und Grand-Slam-Seriensiegerin.

Dass die Bluttat dabei stets mitschwang, brachte auch Graf in eine schwierige Lage. „Man hat mich immer wieder auf Monica angesprochen, ich fühlte mich am Ende mitschuldig“, sagte sie später in einem Interview. Nach ihrem French-Open-Sieg 1993 wurde ihr vorgehalten, Seles in der Siegerrede nicht erwähnt zu haben. Sie habe es vorgehabt, beteuerte Graf, es in der Aufregung aber vergessen: „Ich bin nun mal keine Maschine.“

Graf war vom unterschwelligen Vorwurf, nicht genug Mitgefühl gezeigt zu haben, schwer getroffen. „Wann immer ich auf das Thema angesprochen werde, gebe ich eine Antwort“, sagte Graf. Auch sie sei betroffen gewesen, schließlich sei der Täter ihr Fan gewesen. Die Situation habe „wahnsinnig wehgetan“.

Weggefährtin und Rivalin Martina Navratilova äußerte später mehrfach die Überzeugung, dass Seles ohne das Attentat zur Grand-Slam-Rekordsiegerin aufgestiegen wäre. Die bittere Erkenntnis im Rückblick: Günter Parche erreichte mit seiner Tat sein Ziel.