Von Stefan Schnürle

Der 2. Juli 2014 ist in die Geschichte des kanadischen Tennis eingegangen.

Damals qualifizierten sich in Wimbledon mit Eugenie Bouchard und Milos Raonic zum ersten Mal zwei Kanadier für ein Halbfinale bei einem Grand Slam. Während es für das Duo noch nicht zum Titel reichte, gewann mit Vasek Pospisil ein anderer Kanadier überraschend die Doppel-Konkurrenz (US Open, tägl., ab 17 Uhr im LIVE-TICKER).

Großen Anteil am Aufschwung Kanadas hat die Entscheidung des Verbands, mehr in den Tennissport zu investieren und Trainingsstätten in Vancouver, Toronto und Montreal zu errichten.

Bouchard liebt die große Bühne

Nicht minder wichtig im Einzelsport Tennis sind jedoch die Persönlichkeiten von Bouchard und Raonic. Beide zeichnet eine enorme Reife und ihre Einstellung aus. Von klein auf mussten sie nie zum Training getrieben werden. Mehr Gemeinsamkeiten haben die beiden Aufsteiger aber nicht.

Bouchard, die die Mentalität der Deutschen bewundert, liebt die große Bühne. Daher ist „Genie“ auch die einzige Spielerin, die 2014 bei allen drei Grand-Slams mindestens das Halbfinale erreicht hat. Öfter in Folge ist dies bisher nicht einmal Serena Williams gelungen (DIASHOW: DER Favoritencheck)

Die Frage, ob ihr manchmal nicht alles zu schnell geht, versteht Bouchard nicht: „Tennis ist eine kurze Karriere. Ich will zehn erfolgreiche Jahre haben – nicht fünf mäßige und dann fünf gute.“

Entscheidung fällt mit Neun

Ihr Entschluss Profi zu werden fiel mit neun Jahren, als sie bei einem Turnier in ihrer Heimat Montreal 12-Jährige vom Platz fegte: „Das hat mir gezeigt, wozu ich fähig bin“, sagt Bouchard rückblickend.

Die 1,78 m große Blondine ist aber nicht nur selbstbewusst, sondern auch selbstkritisch.

So sagt sie, als sie nach der Final-Niederlage in Wimbledon bei der Pokalübergabe riesigen Beifall bekommt: „Das ist sehr nett, aber ich glaube nicht, dass ich euren Applaus heute verdient habe.“

Petkovic lobt Bouchard

Ein Hammer-Aufschlag wie Williams oder eine tödliche Vorhand wie Steffi Graf fehlt Bouchard zwar – doch sie ist eine Allrounderin ohne große Schwächen. „Sie übt ständig Druck auf dich aus. Genie spielt speziell die ersten zwei Bälle unheimlich aggressiv“, sagte Andrea Petkovic nach ihrer Niederlage in Wimbledon.

Dazu ist die 20-Jährige mental sehr stark. Bei Break- und Satzbällen zeigt sie selten Nervenflattern und folgt dem Leitsatz ihres Trainers Nick Saviano: „Spiel den Punkt, nicht den Spielstand.“

Keine Freunde auf der Tour

Ihre Fokussierung auf das Tennis geht so weit, dass sie keine Freunde auf der Tour möchte. Diese ist für sie ein Platz, um Turniere zu gewinnen – nicht Freunde.

So viel Abstand Bouchard zu ihren Gegnerinnen hält, so viel Nähe lässt sie zu ihren Fans zu. Da diese nach ihren Partien oft ein Selfie mit ihr wollen und sie fast nie „Nein“ sagt, braucht „Genie“ meist zehn Minuten länger in die Kabine als ihre Konkurrentinnen.

Und ihre Fans werden täglich mehr: Talent, Persönlichkeit, Aussehen: Bouchard bringt alles mit, um das zukünftige Gesicht des Tennis zu werden.

Bouchard verweigert Handshake

Doch bei aller Professionalität schießt sie auch einmal über das Ziel hinaus. Als sie sich vor einem Fed-Cup-Duell weigert, für ein Foto die Hand ihrer Gegnerin zu schütteln und ihr viel Glück zu wünschen, hagelt es Beleidigungen.

Bei SPORT1 erklärte sie ihre Entscheidung: „Für mich war es seltsam, ihre Hand vor dem Match schütteln zu sollen. Nach dem Match gebe ich allen die Hand. Es sollte nicht respektlos sein. Ich möchte meiner Gegnerin nur nicht vor dem Spiel viel Glück wünschen.“

Doch Aktionen wie diese sorgen dafür, dass Bouchard die Tennis-Fans spaltet wie kaum eine andere Spielerin. Entweder man hasst sie – oder man liebt sie.

Tägliches Training mit Ballmaschine

Der Aufstieg von Raonic ist weniger kometenhaft, aber ebenfalls bemerkenswert.

Mit drei Jahren verlässt seine Familie Montenegro und zieht nach Kanada. Dort muss er aus Kostengründen entweder sehr früh oder spät mit einer Ballmaschine Tennis trainieren und beginnt sich dabei einen der besten Aufschläge der Welt anzueignen.

Roger Federer vergleicht die Returnspiele gegen den 1,96 m großen Raonic sogar mit denen eines Torwarts beim Elfmeterschießen. Bereits im Vorfeld muss man sich für eine Seite entscheiden, um den Ball erreichen zu können.

Raonic voller Selbstbewusstsein

Raonic‘ Returnspiel ist hingegen noch ausbaufähig, weshalb er gegen die „Großen Vier“ (Novak Djokovic, Rafael Nadal, Andy Murray, Federer) bisher meist den Kürzeren zog. Doch nach dem Sieg in Washington und dem Gewinn der US Open Series strotzt der 23-Jährige vor Selbstvertrauen.

„Letztes Jahr war ich einen Punkt weg vom Viertelfinale. Darauf will ich aufbauen und schaffe hoffentlich meinen größten Durchbruch in New York“, sagte Raonic der ATP.

In New York geht er nach der Absage von Nadal als Nummer fünf so hoch gesetzt wie nie ins Turnier – und dank eines schwächelnden Djokovic sowie seines exzellentem Hartplatz-Sommers ist Raonic diesmal alles zuzutrauen.

Auf großer Bühne zu alter Stärke?

Bouchard kämpfte dagegen mit Knieproblemen und gewann seit Wimbledon nur ein Match.

Doch auch vor Wimbledon und den French Open war ihre Bilanz abgesehen vom Sieg in Nürnberg mau. Daher wäre es nicht überraschend, wenn Bouchard auf großer Bühne zu alter Stärke zurückfindet.

So oder so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Kanada über den ersten Grand-Slam-Titel im Einzel jubelt. Die Frage ist wohl nur: Wer schafft es zuerst?