Mit Kei Nishikori hat der meistdekorierte Spieler Asiens das Ende seiner Tennis-Karriere zum Saisonende angekündigt. Der Japaner gilt als einer der höflichsten und ruhigsten Spieler auf der Tennistour – umso kurioser ist es, dass es ausgerechnet ihm gelang, Tennis-Legende Rafael Nadal, welcher in seiner ganzen Karriere nicht einen Schläger aus Ärger zerbrach, wütender zu machen, als es Provokateur Nick Kyrgios je zu träumen vermochte.

Es waren die Olympischen Spiele 2016, bei denen Nishikori im Bronze-Match gegen Nadal um die Medaille kämpfte. Der Spanier hatte zuvor Ende Mai bei den French Open mit einer Handgelenksverletzung in Runde 3 nicht mehr antreten können und war nach über zwei Monaten Pause gerade noch rechtzeitig für Olympia fit geworden.

Nishikori verfügte anders als Nadal in dieser Phase über viel Spielpraxis und hatte sich mit dem Finaleinzug in Toronto zuvor ordentlich Selbstvertrauen für die folgenden Spiele in Rio de Janeiro geholt. Das machte sich in dem Duell zunächst bemerkbar, zumal Nadal eine lange Dreisatzschlacht im Halbfinale mit Juan Martin del Potro in den Knochen steckte.

Olympia 2016: Nishikori bringt Nadal zum Kochen

Nishikori schlug beim Stand von 6:2, 5:2 bereits zum Matchgewinn auf. Der große Traum einer Medaille war zum Greifen nah – doch das steigerte auch seine Nervosität, was gegen einen nie aufgebenden Nadal ein schlechter Ratgeber ist. Das Match kippte und Nishikori verlor Satz 2 sogar noch. Was folgte, waren zwölf Minuten, in denen nicht ein Ball gespielt wurde und über die später dennoch ausgiebiger diskutiert wurde als über das Match selbst.

Nishikori verschwand für eine Toilettenpause in den Katakomben des Olympic Tennis Centre. So weit, so gut und regelkonform – doch die Minuten vergingen und Nishikori kehrte einfach nicht zurück. Nadal wurde mit jeder verstrichenen Minute ungehaltener und beschwerte sich beim brasilianischen Schiedsrichter Carlos Bernardes bissig: „Ich mache jetzt eine Pause und hole mir eine Cola!“

Nadals Wut wurde noch dadurch gesteigert, dass Bernardes ausgerechnet jener Schiedsrichter war, der ihm bei einem ATP-Turnier in Rio gut ein Jahr zuvor verboten hatte, seine falsch herum angezogene Hose im dritten Satz in der Kabine zu wechseln. Stattdessen verpasste er Nadal eine Verwarnung wegen Zeitüberschreitung, als er dies auf dem Platz mit einem Handtuch bedeckt nicht schnell genug tat, was den Spanier erzürnte.

„In Rio hast du mir nicht mal erlaubt, dass ich meine Shorts wechsle, die ich falsch herum angezogen hatte“, schimpfte Nadal nun, während alle weiterhin auf Nishikori warteten.

Nishikori nutzt Nadals Zorn – Dusch-Vorwurf wird laut

Nach knapp zwölf Minuten kehrte der damals 26-Jährige dann auf den Platz zurück und nutzte sofort aus, dass Nadal für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange mit seinen negativen Emotionen aufgrund der langen Wartezeit zu kämpfen hatte.

Nadals Momentum und positive Einstellung nach dem gedrehten 2. Satz waren durch die lange Pause verschwunden und Nishikori hatte sich von seinem mentalen Einbruch erholt. So marschierte er schnurstracks zur Bronzemedaille (6:3 im dritten Satz). Der Handshake nach dem Matchball war wohl einer der kältesten, den Nadal je verteilt hatte, so verärgert war der Spanier immer noch.

Die Kontroverse ging nach dem Match aber noch weiter, denn die ebenfalls anwesende Conchita Martínez, Ex-Spielerin und damalige spanische Davis-Cup-Chefin, behauptete, Nishikori sei in der Pause zwischen den Sätzen duschen gewesen.

Eine Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete, die Nishikori aber stets als unwahr bezeichnete. Seine Erklärung lautete, dass das Personal ihn zu einer Toilette geführt hatte, die extrem weit vom Centre Court entfernt lag.

Nadal drückte seinen Ärger nach dem Match so aus: „Es ist nicht der Moment, um darüber zu reden, aber wenn man ein 2:5 mit Doppel-Break aufholt, den Satz gewinnt und der Gegner dann für zwölf Minuten im Bad verschwindet – es ist logisch, dass man damit nicht einverstanden ist.“

Verhältnis von Nishikori und Nadal verbessert sich wieder

Der am Ende seiner Karriere 22-malige Grand-Slam-Sieger konnte sich aber zumindest damit trösten, dass er kurz zuvor Doppel-Gold mit seinem Landsmann Marc Lopez gewonnen hatte. Die Olympia-Bronzemedaille war dagegen womöglich trotz eines Grand-Slam-Endspiels sowie zwölf Titeln auf der ATP-Tour der größte Erfolg Nishikori.

Auch Nadal, der bereits 2008 Olympia-Gold im Einzel gewonnen hatte, gönnt Nishikori trotz des Ärgers damals inzwischen sicher die Medaille, denn beide hatten schon wenig Zeit später wieder ein sehr von Respekt geprägtes Verhältnis.

Bei seiner Rückkehr nach langer Verletzungspause sagte Nishikori 2023 sogar, dass der Kampfgeist von Novak Djokovic und Nadal, die trotz ihres hohen Alters immer noch spielten, ihn motiviert hat, ebenfalls nicht aufzugeben und noch einmal zurückzukehren.

Nishikori gelang nach seinem Comeback noch der eine oder andere aufsehenerregende Sieg, wenngleich er nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen konnte. Inzwischen steht er nur noch auf Platz 464 in der Weltrangliste und wird häufiger von Verletzungen geplagt, weshalb er sich nun zum Rücktritt am Saisonende entschieden hat.

Nishikori-Vorfall sorgt für kuriose Disqualifikation

Wie ähnlich Nadal und Nishikori sich in Sachen Einstellung waren, zeigt die Abschiedsnachricht des Japaners, die in einigen Passagen so auch Wort für Wort von Nadal hätte stammen können: „Um ehrlich zu sein, würde ich mir immer noch wünschen, meine Karriere fortsetzen zu können. Wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt auf alles zurückblicke, kann ich mit Stolz sagen, dass ich alles gegeben habe.“

Und wer weiß, womöglich gibt es nach Nishikoris letztem Ball auf der Profitour sogar noch einmal ein Treffen der beiden, in dem aufgearbeitet wird, was in den zwölf berühmten Minuten exakt passiert ist, die den Spanier so wütend wie vielleicht nie zuvor auf einem Tennisplatz machten.

Übrigens: ATP und ITF verschärften danach die Regeln, wie lange eine Toilettenpause sein darf und auch, was man in dieser Zeit tun darf. Beim ATP-Challenger im griechischen Hersonissos wurde der deutsche Profi Mats Rosenkranz im vergangenen Jahr sogar disqualifiziert, weil er bei hohen Temperaturen laut eigener Aussage „für zehn Sekunden“ unter die Dusche gesprungen war, was jedoch nicht mehr erlaubt ist.

Ob durch falsche Anschuldigungen oder selbst verschuldet – auch diese Geschichte hinterlässt Nishikori dem Tennissport.