Kevin Krawietz und Tim Pütz sind im Doppel momentan die klare Nummer eins im deutschen Tennis – doch die Gewinner der ATP Finals 2024 könnten zukünftig Konkurrenz aus dem eigenen Lager bekommen. Mit Jakob Schnaitter und Mark Wallner stellt ein weiteres Duo aus Deutschland immer öfter das eigene Potenzial unter Beweis. 

Die beiden Oberbayern verbindet nicht nur ihre Herkunft und eine enge Freundschaft, sondern auch der Weg vom College in den USA auf die Profitour. Nach vielen Erfolgen auf der Challenger-Tour (Unterbau der ATP-Tour) etablieren sich Schnaitter und Wallner inzwischen auch immer mehr auf ATP-Ebene. Dort erreichten sie schon mehrere Halbfinals – doch das soll noch nicht das Ende sein.

Im Rahmen ihres Heimturniers, den BMW Open in München, spricht das Duo im exklusiven SPORT1-Interview über die bisherige Saison, den Stellenwert des Doppels im Allgemeinen und einen großen gemeinsamen Traum.

SPORT1: Herr Schnaitter, Herr Wallner, wir sind hier bei Ihrem Heimturnier in München. Wie besonders ist es für Sie beide, hier zu spielen?

Jakob Schnaitter: Sehr besonders. Unsere Familien und Freunde sind da, wir können zu Hause schlafen, was auch sehr angenehm ist. Es macht extrem viel Spaß, vor ihnen zu spielen. Man hat das Gefühl, man kann nach allem, was sie für uns gemacht haben, ein bisschen was zurückgeben. Das ist richtig schön.

Sieg über Krawietz und Pütz „von großem Wert“

SPORT1: Wenn man die Saison betrachtet, hatten Sie einige gute Turniere vor allem zu Beginn des Jahres, haben aber auch einige frühe Niederlagen einstecken müssen: Wie fällt die Zwischenbilanz aus?

Mark Wallner: Ja, es gab gute und schlechte Phasen. Ich glaube, das gehört auch dazu, da das Jahr relativ lang ist. Am Ende des Jahres ist es natürlich gut, wenn man mehr gute als schlechte Phasen hat, aber Stand jetzt ist es eine ganz solide und positive Saison.

SPORT1: In Rotterdam haben Sie in diesem Jahr unter anderem das beste deutsche Doppel Krawietz/Pütz geschlagen. Gibt so ein Sieg noch einmal extra Selbstvertrauen oder auch Zuversicht, dass es für noch mehr reichen kann in Zukunft?

Schnaitter: Der Sieg war auf jeden Fall von großem Wert für uns. Da kamen wir aus einer Phase, die nicht so einfach war und haben dann dieses enge Match gewinnen können. Sie sind ja seit Jahren das überragende deutsche Doppel, also zeigt uns das, dass wir mit ihnen mithalten und auch gewinnen können. Das hat uns schon viel Selbstvertrauen gegeben.

SPORT1: Auf der Challenger-Ebene waren Sie schon erfolgreich und sammelten dort auch Titel. Bei den Grand Slams und den ATP-Turnieren warten Sie noch darauf. Was fehlt noch, um auch dort einmal ein Endspiel zu erreichen?

Wallner: Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, dass wir uns da hinarbeiten. Wir sind noch relativ jung, spielen jetzt das dritte Jahr zusammen. Wir müssen einfach weiter jeden Tag das Beste auf dem Platz geben, uns jeden Tag ein bisschen verbessern und uns mit engen Siegen Selbstbewusstsein holen. Dann kann man auch bei den ganz großen Turnieren einen Titel holen.

Vom Tennis auf dem College zur Profi-Tour

SPORT1: Für diejenigen, die Sie beide noch nicht so gut kennen: Wie sind Sie Doppelspieler geworden, wie sah der Weg aus?

Schnaitter: Wir waren beide auf dem College und haben quasi zusammen die Uni abgeschlossen. Danach haben wir auf der Profitour angefangen. Wir sind im selben Verein und haben beim selben Trainer trainiert. Nachdem wir ein Jahr Einzel und Doppel gespielt haben, war die Ranglisten-Schere relativ weit auseinander. Wir haben beide gemerkt, dass unsere Stärken klar im Doppel liegen und uns dann entschieden, zusammen im Doppel voll anzugreifen.

SPORT1: Man verbringt als Doppel sehr viel Zeit miteinander. Geht man sich da manchmal auch ein bisschen auf die Nerven?

Wallner: Ich glaube, dass man sich ab und zu anschnauzt, ist relativ normal. Aber wir sind auch außerhalb des Platzes sehr gut befreundet, daher gab es noch nie wirklich großen Stress. 

Schnaitter: Ich kann da nur zustimmen. Wenn man alle Doppel anschaut, die es gibt, sind wir wahrscheinlich das Doppel, das sich am besten versteht. Das ist auch eine riesige Stärke von uns. Wir sind immer ein gutes Team, Doppel ist ein Teamsport, und da ziehen wir sehr viel raus.

„Glaube, dass sehr wenig Wert aufs Doppel gelegt wird“

SPORT1: Deutschland hat einige gute Doppelpaarungen hervorgebracht. Auf der Damenseite haben wir aktuell noch Laura Siegemund, dahinter gestaltet es sich allerdings aktuell schwierig. Rund um den Billie Jean King Cup gab es Kritik, dass der Nachwuchs nicht mehr wisse, wie man Doppel spielt. Wird das Doppel noch genug gefördert oder mussten Sie da auch sehr viel Eigeninitiative zeigen?

Wallner: Jedes kleine Kind, das mit Tennis anfängt, träumt natürlich von Grand Slams im Einzel und hat seine Einzel-Idole. Wir hatten das Glück, dass am College das Doppel sehr, sehr wichtig war, da wurde bei meiner Uni sehr viel Wert darauf gelegt. Ich habe das Gefühl, dass ich dort zum richtigen Doppelspieler ausgebildet wurde. Man könnte in der Jugend etwas mehr machen, damit junge Spieler schon bessere Doppelspieler werden. Ich weiß nicht genau, was die machen, aber die Australier und Inder sind zum Beispiel oft sehr gute Doppelspieler.

Schnaitter: Ich glaube, dass man generell schon sagen kann, dass sehr wenig Wert aufs Doppel gelegt wird – was, wie Mark schon sagte, auch verständlich ist. Aber es ist trotzdem ein Weg, den es gibt, und der super ist. Ich glaube auch, dass sich Einzelspieler durch das Doppel verbessern können, wenn sie das ab und an spielen. Wenn ich Trainer wäre, würde ich schon empfehlen, einen Mehrwert darauf zu legen.

Mixed-Revolution bei US Open? Das sagt das deutsche Doppel

SPORT1: Schauen wir mal generell auf die Bedeutung des Doppels. Bei den US Open gab es im vergangenen Jahr eine große Revolution im Mixed-Wettbewerb, die vor allem den Einzelspielern zugute kam. Haben Sie Sorge, dass solche Änderungen zukünftig auch das Doppel treffen könnten?

Schnaitter: Ich fand es eigentlich sehr cool, was bei den US Open mit dem Mixed gemacht wurde, weil wahnsinnig viel Aufmerksamkeit darauf lag. Klar, wir sind da natürlich voreingenommen. Aus unserer Perspektive wollen wir natürlich, dass die Doppelspieler auch eine Wertschätzung bekommen und gefördert werden. Aus Marktsicht versteht man aber, wenn mehr in Richtung der Einzelspieler gepusht wird. Vielleicht kann man eine Kombination finden und generell das Doppel als Spiel noch mehr promoten. Das würde mich freuen.

SPORT1: Welche Ziele stecken Sie sich noch für dieses Jahr?

Wallner: Für dieses Jahr wollen wir noch unbedingt einen großen Titel auf der ATP-Tour gewinnen und mindestens in die Top 30 der Weltrangliste einmarschieren.

Schnaitter und Wallner träumen vom Davis Cup

SPORT1: Wäre für Deutschland im Davis Cup zu spielen auch noch ein langfristiges Ziel?

Schnaitter: Auf lange Sicht wäre das auf jeden Fall ein Traum, den wir auch so im Kopf haben. Klar, Kevin (Krawietz) und Tim (Pütz) sind das überragende Doppel. Solange die fit sind, sind sie Stand jetzt natürlich gesetzt und auch das beste Team. Wir machen einfach unser Ding und wenn irgendwann einmal der Aufruf kommen sollte, wären wir auf jeden Fall bereit. Das wäre ein Traum für uns.