Alexander Zverev spielt eine starke Saison und erreichte bei fünf seiner sechs Turniere das Halbfinale – nur ein Titel blieb ihm noch verwehrt, da es vor allem an Jannik Sinner oft kein Vorbeikommen gab. Herren-Bundestrainer Michael Kohlmann blickt dennoch positiv auf die Entwicklung der deutschen Nummer 1 und ist überzeugt davon, dass diese auch in naher Zukunft mit einem Sieg gegen den Weltranglistenersten belohnt wird.
Im exklusiven SPORT1-Interview (das komplette Gespräch im Tennis-Podcast „Cross Court“) erklärt Kohlmann, warum er den Weltranglistendritten aktuell zudem als einzigen echten Herausforderer von Sinner und Carlos Alcaraz sieht. Der 52-Jährige spricht aber auch über strukturelle Defizite im deutschen Tennis, die Zukunft der Sportart sowie den deutschen Nachwuchs rund um Justin Engel, der einige Änderungen vorgenommen hat.
SPORT1: Herr Kohlmann, trotz der Halbfinal-Niederlage in München hat Alexander Zverev seit März oft sehr gutes und vor allem offensives Tennis gespielt. Ist das genau der richtige Weg?
Michael Kohlmann: Ich habe es schon Ende des vergangenen Jahres in Bologna so gesehen. Dort hat er angefangen, sein Spiel in diese Richtung anzupassen. Er hat gut gearbeitet und die Anpassungen haben gefruchtet. Klar, dieser letzte Sieg gegen (Carlos) Alcaraz oder (Jannik) Sinner fehlt noch. Aber ich habe das Gefühl, dass er sich von dem Rest der Weltspitze ein bisschen abgesetzt hat. Er ist für mich jetzt der einzige wirkliche Herausforderer gegenüber Sinner und Alcaraz. Ich bin mir sicher, dass er bei den anstehenden Masters oder Duellen auch irgendwann als Sieger vom Platz gehen wird.
Bundestrainer glaubt an Zverev-Sieg gegen Sinner
SPORT1: Zverev ist in den vergangenen Monaten immer wieder am selben Spieler gescheitert – Jannik Sinner. Wie schwierig ist das für den Kopf?
Kohlmann: Das ist schwierig, denn wenn man den Platz betritt, kommt das alles wieder hervor, was man in den Wochen davor erlebt hat. Das ist dann die Kunst und ich bin mir sicher, dafür ist er gut und erfahren genug, bei den nächsten Turnieren wieder mit einem neuen Matchplan und ein paar Anpassungen in die Partien zu gehen. Es sind nicht viele nötig, in Miami waren es ein, zwei Punkte. Ich glaube, dass gerade in der Sandsaison das ein oder andere Duell auch mal für ihn ausgehen kann.
SPORT1: Hinter Zverev gibt es aktuell noch eine größere Lücke, aber es kommen jetzt einige vielversprechende Talente nach – trotzdem scheint der letzte große Schritt oft schwerzufallen. Gibt es da auch von Seiten des DTB Möglichkeiten, die Spieler noch mehr zu unterstützen?
Kohlmann: Die Matches können wir nicht gewinnen (lacht). Tennis ist eine Weltsportart und leider kann nicht jeder mit 17 Jahren Wimbledon-Sieger werden. Das würden wir uns auch wünschen, aber das ist etwas Außergewöhnliches gewesen. Es ist ein harter, steiniger Weg, der Zeit benötigt. Man sieht es auch an Martin Landaluce zum Beispiel, dem Spanier, der gerade in Miami sehr gut gespielt hat. Da war es auch mal anderthalb Jahre relativ ruhig. Die Jungs brauchen Zeit und müssen sich langfristig weiterhin so gut entwickeln, wie sie es zuletzt schon getan haben. Der eine schafft es dann bei einem Turnier mal etwas schneller, der andere braucht ein bisschen länger. Es wäre schön, wenn man es beschleunigen könnte, aber das ist der Sport und das ist auch gut so, dass es nicht immer vorhersehbar ist.
Engel? „Die Kunst wird sein, Ruhe reinzubringen“
SPORT1: Justin Engel, der als einziger Spieler unter 19 Jahren unter den Top 200 steht, hat seit Kurzem einen neuen Trainer mit Dieter Kindelmann und ist zudem nach Monte Carlo umgezogen. Das sind gerade einige Veränderungen in jungen Jahren?
Kohlmann: Die Kunst wird es jetzt sein, Ruhe reinzubringen, eine gewisse Kontinuität und seine Rituale und seine Strukturen herzustellen. Wenn man den Wohnort und Trainer ändert, gibt es auch andere Anpassungen, die man in jungen Jahren hinkriegen muss. Es liegt jetzt an dem Team, da so schnell wie möglich wieder an die Arbeit zu gehen. Mit Carl-Uwe Steeb als Manager im Hintergrund haben sie ein erfahrenes Team und ich bin mir sicher, dass sie das hinkriegen.
SPORT1: Italien ist aktuell die beste Tennisnation der Welt. Dort gibt es sehr viele Turniere auf allen Leistungsebenen. Ist das ein Schlüssel zum Erfolg und gibt es diesbezüglich in Deutschland Nachholbedarf?
Kohlmann: Wir haben da noch Luft nach oben – sowohl im Herren- als auch im Damenbereich. Wir sind mit je vier Turnieren bei der ATP und WTA auf dem Top-Level mit Sicherheit ganz gut vertreten. Dass wir da mehr Turniere bekommen, ist utopisch. Auf dem Level darunter haben wir in den letzten Jahren leider einige Verluste hinnehmen müssen. Das tut uns weh, weil gerade das die Ebene ist, wo junge Talente immer wieder ihre Möglichkeit bekommen können, sich zu zeigen. Auf dem Einstiegsniveau, dem Future-Level, sind wir im Sommer sehr gut aufgestellt, im Winter sind da aber auch Lücken. Wir haben genügend Leistungszentren, wo wir mit Sicherheit auch auf diesem Level mehr Turniere veranstalten könnten, das würde uns definitiv helfen.
Kohlmann über Davis Cup: „Wollen den Titel gewinnen“
SPORT1: Sprechen wir über den Davis Cup, dem unter anderem Zverev in seiner aktuellen Form ja eher kritisch gegenübersteht. Wie sehen Sie die Entwicklung des Wettbewerbs?
Kohlmann: Ich finde, dass der Davis Cup in den vergangenen Jahren wieder (an Popularität) gewonnen hat. In den Jahrzehnten, wo Deutschland den Titel geholt hat, war er riesengroß, dann hat er verloren in den ersten Jahren nach den Reformen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Bedeutung gerade bei den jüngeren Topspielern wieder zugenommen hat, was gut für den Wettbewerb ist. Wir wollen den Titel gewinnen, das ist das große Ziel. Wir wollen Kroatien schlagen und uns für die Endrunde qualifizieren. Wir waren die vergangenen Jahre knapp dran, sind letztes Jahr vielleicht sogar als kleiner Favorit in die Endrunde gegangen, aber haben es leider nicht so hinbekommen, wie wir es uns vorgestellt haben.
SPORT1: Mit dem Modus haben Sie sich also angefreundet, dass es seit 2025 zwei Heim- und Auswärtsspiele gibt und dann ein Finalturnier ohne weitere Zwischenrunde?
Kohlmann: Ich denke, das war eine richtige Veränderung. Diese Zwischenrunde hat keiner richtig verstanden. So wie wir es jetzt spielen, kann man das wieder nachvollziehen. Ich glaube, dass man irgendwann vielleicht dahin kommt, den Davis Cup über zwei Jahre zu spielen. Ob das so passiert, da spielen andere Faktoren rein.Aber ich glaube, dass man sieht, dass die ersten zwei Runden mit Heim- und Auswärtsmodus greifen. Wir haben gegen Peru gespielt, das mit Sicherheit keine Topnation ist, aber die Halle war ausverkauft. Das sind die Events, von denen der Davis Cup zehrt.
Muss sich Tennis verändern? Das sagt der Bundestrainer
SPORT1: Bleiben wir beim Thema Veränderungen. Patrick Mouratoglou (unter anderem Ex-Trainer von Serena Williams, Anm. d. Red.) hat kürzlich Bedenken zur Zukunft des professionellen Tennis geäußert, da das Publikum immer älter wird und sich das Konsumverhalten bei den jungen Zuschauern stark verändert hat. Braucht es Anpassungen, damit der Sport langfristig attraktiv bleibt?
Kohlmann: Das ist eine schwierige Frage, weil die Veranstaltungen, die wir gerade in Deutschland haben, super besucht sind. Tennis ist gerade für junge Leute und Kinder eine tolle Sportart. Wenn ich so die Kinderzahlen auch hier im Verein MTTC Iphitos (Tennisklub, auf dessen Anlage die BMW Open stattfinden, Anm. d. Red.) anschaue, sind die seit Jahren extrem hoch. Ich habe das Gefühl, dass Tennis eigentlich ein ganz gutes Fundament hat, auch von der Fanbase her. Er (Mouratoglou) macht seine U.T.S- Serie. Ob das die Zukunft ist? Ich glaube es nicht, aber ich kann mir schon vorstellen, dass solche Events immer mal wieder auch Leute anziehen. Aber bei der ursprünglichen Sportart Tennis habe ich nicht das Gefühl, dass sie kurz vor dem Ende ist.
SPORT1: Abschließend: Was würden Sie sich für das deutsche Tennis noch wünschen für dieses Jahr?
Kohlmann: Ich würde mir einen Grand-Slam-Sieg von Sascha wünschen. Ich würde mir wünschen, dass die jungen Spieler ihre Entwicklung fortsetzen und auch in der Herren-Weltrangliste ihre großen Schritte oder ihre Entwicklung so fortsetzen, dass sie bei den Grand Slams dabei sind. Wir haben eine Menge an guten Spielern und ich hoffe, dass sie alle ihr Potenzial so ausschöpfen können, dass wir gerade auf dieser Ebene wieder die Anzahl an Spielern haben, die wir uns alle wünschen.
Das komplette Interview mit Herren-Bundestrainer Michael Kohlmann gibt es in der aktuellen Folge des SPORT1-Tennis-Podcasts Cross Court zu hören, dazu weitere Interviews mit Shootingstar Joao Fonseca, Daniel Altmaier und dem deutschen Top-Doppel Jakob Schnaitter/Mark Wallner.