Diese Rennen machen Hoffnung auf den ganz großen deutschen Coup! In der Saison nach seinem überraschenden Podest bei der Tour de France zeigt Florian Lipowitz, dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war.

Vielmehr überzeugt der Deutsche auch in dieser Saison und macht deutlich, dass er zur absoluten Weltspitze gehört. Zuletzt fuhr Lipowitz bei der Tour de Romandie sogar auf Augenhöhe mit Rad-Dominator Tadej Pogacar.

Florian Lipowitz zählt zu den besten Radfahrern der Welt
Florian Lipowitz zählt zu den besten Radfahrern der WeltFlorian Lipowitz zählt zu den besten Radfahrern der Welt© IMAGO/Geisser

Über sechs Tage trieb er den Slowenen auf sehr anspruchsvollen Etappen vor sich her. Am Ende hatte Pogacar zwar jeweils das bessere Ende für sich, Lipowitz lag in der Gesamtwertung aber nur 42 Sekunden hinter dem Slowenen. Auf der Strecke verlor er sogar nur 20 Sekunden. 22 Sekunden macht Pogacar durch Zeitbonifikationen gut.

„Florian Lipowitz entwickelt sich wirklich kontinuierlich und sehr gut. Er ist in sehr guter Form“, lobte der ehemalige Radprofi und jetzige Eurosport-Experte Jens Voigt in einer Presserunde, an der SPORT1 teilnahm: „Er ist definitiv nah dran an den absoluten Top-Fahrer.“

Voller Fokus auf Tour de France! Lipowitz lässt Giro aus

Zu einem erneuten Duell mit Pogacar beim anstehenden Highlight Giro d’Italia wird es nicht kommen. Beide Fahrer lassen den Klassiker, anders als Jonas Vingegaard, aus, um sich individuell auf die Tour de France vorzubereiten.

Voigt, der den Giro als Experte begleitet, machte auf SPORT1-Nachfrage deutlich, dass er dies nachvollziehen kann: „Es gibt einen Unterschied zwischen Florian und Jonas Vingegaard. Jonas braucht einfach mehr harte Kilometer, harte Rennen und Herausforderungen, um bereit zu sein. Florian ist ja noch vergleichsweise jung und zudem recht neu im Sport, er war ja zunächst Biathlet. Für ihn ist diese Art der Vorbereitung perfekt.“

„Er hatte jetzt einen harten Frühling, mit vielen anstrengenden und erfolgreichen Rennen. Jetzt braucht er eine kleine Pause und macht dann verschiedene Trainings-Camps, um sich speziell auf die Tour-Etappen vorzubereiten. Für ihn ist es an dem Punkt seiner Karriere bestimmt der richtige Weg. Ich bin mir sicher, dass er später in der Saison in absoluter Top-Form sein wird“, sagte Voigt weiter.

Insgesamt fehlen beim Giro, der neben der Tour de France und der Vuelta a Espana zu den drei wichtigsten Rundfahrten, mit Pogacar, Lipowitz, Titelverteidiger Simon Yates, Richard Carapaz oder Mikel Landa zahlreiche Top-Fahrer.

„Das ist tatsächlich ein heikles und schmerzhaftes Thema“, erklärte Voigt auf SPORT1-Nachfrage: „Aber: Es macht Jonas zum klaren Favoriten und öffnet auch die Türen für viele Top-Talente, auf das Podium zu fahren. Vielleicht sehen wir, wie sich beim Giro die Zukunft des Radsports zeigen kann und zu absoluten Top-Stars entwickelt.“

Kommt es bei Tour de France wieder zum Dreikampf?

Ohne die zahlreichen Top-Fahrer wäre es eine große Überraschung, wenn Jonas Vingegaard nicht seinen ersten Giro-Sieg holen würde, findet Voigt: „Ich bin mir sicher, dass Jonas den Giro gewinnt und damit Geschichte schreibt. Mit einem Sieg könnte er in einen elitären Kreis vorrücken.“

Bisher konnte der Däne zweimal die Tour de France und einmal die Vuelta gewinnen. Alle drei großen Rundfahrten konnten bisher nur sieben Fahrer gewinnen, Tadej Pogacar zählt übrigens nicht zu diesem Kreis. „Dieser Triumph wird ihn auch mit Blick auf den Juli und die Tour deutlich stärker machen. Er wird mit einem unglaublichen Selbstvertrauen anreisen. Deshalb finde ich, dass es eine gute Wahl von ihm ist, den Giro zu fahren“, sagte Voigt.

Großer Favorit auf den Tour-Sieg im Juli wird aber ganz sicher wieder Rad-Dominator Tadej Pogacar sein. Der Slowene gewann im vergangenen Jahr souverän zum insgesamt vierten Mal die Frankreichrundfahrt, damals vor Vingegaard und Lipowitz.

Mit seinem beherzten Auftritt bei der Tour de Romandie holte sich der Deutsche zusätzliches Selbstvertrauen und zusätzlich auch Respekt von Pogacar. Lipowitz‘ Angriff auf der Schlussetappe sei „ziemlich beeindruckend“ gewesen.

Tour-Sieg? Lipowitz fehlt „nur ein halbes Prozent“

„Ich bin mir sicher, dass wir im Juli bei der Tour die drei selben Fahrer auf dem Podest haben werden wie im vergangenen Jahr. In welcher Reihenfolge weiß ich aber noch nicht“, sagte auch Voigt in der Medienrunde lachend.

Kann Florian Lipowitz Tadej Pogacar gefährlich werden?
Kann Florian Lipowitz Tadej Pogacar gefährlich werden? Kann Florian Lipowitz Tadej Pogacar gefährlich werden?© IMAGO/MAXPPP

„Bei der Tour war er ja schon auf dem Podest und auch in dieser Saison ist er schon oft auf das Podium gefahren. Ihm fehlt wirklich nicht viel“, erklärte der ehemalige Tour-Etappensieger: „Vielleicht muss er in manchen Situationen noch etwas cleverer sein und noch einen größeren Killerinstinkt entwickeln. Ihm fehlt nicht mal ein Prozent zur Spitze, sondern vielleicht sogar nur ein halbes Prozent.“

„Am Berg kann er sich noch ein wenig entwickeln. Vielleicht sollte er öfter mal kurz antreten, sich dann wieder ausruhen und dann erneut antreten. Aktuell fährt er sehr schnell, aber eher kontinuierlich, wie eine Diesellokomotive. Er braucht noch etwas mehr Spritzigkeit und mehr schnelle Antritte. Das ist von außen gesehen das Einzige, was ihm noch fehlt“, analysierte Voigt.

So oder so ist Florian Lipowitz auf einem extrem guten Weg. In der Weltspitze festgesetzt hat er sich schon. Jetzt fehlt nur noch der absolute Coup. Vielleicht reicht es ja schon in dieser Saison.