„Kann es mir absolut nicht erklären“

Umspannwerk Schuld an Verletzungen? Ex-NFL-Star klärt auf
2:27

Umspannwerk Schuld an Verletzungen? Ex-NFL-Star klärt auf

Mark Nzeocha spielte in der NFL selbst für die San Francisco 49ers und Dallas Cowboys - im SPORT1-Interview spricht er über ein großes Rätsel bei den Niners, seine Funktion als Zugführer im Cowboys-Bandwagon und kuriose Tipps für seinen neuen TV-Job.

Die NFL-Saison steht in den Startlöchern – und auch auf Mark Nzeocha wartet eine neue Herausforderung. Der deutsche Ex-Profi ist in der kommenden Spielzeit wieder im Stadion und ganz nah dran, wenn er als Sideline-Experte für RTL berichten wird.

Von 2015 bis 2021 spielte er als Linebacker selbst in der besten Liga der Welt – für die Dallas Cowboys und San Francisco 49ers. Im SPORT1-Interview spricht Nzeocha über die mysteriöse Umspannwerk-Theorie bei den Niners, den Absturz seines Ex-Teamkollegen Brandon Aiyuk, warum er selbst den Bandwagon der Cowboys fährt – und welchen kuriosen Tipp ihm Markus Kuhn für den neuen Job gegeben hat.

Mark Nzeocha spielte in der NFL selbst für die San Francisco 49ers
Mark Nzeocha spielte in der NFL selbst für die San Francisco 49ersMark Nzeocha spielte in der NFL selbst für die San Francisco 49ers© IMAGO/ZUMA Press Wire

Das sagt Mark Nzeocha zur mysteriösen Umspannwerk-Theorie in der NFL

SPORT1: Herr Nzeocha, nachdem Ihr Ex-Team, die San Francisco 49ers, fast schon traditionell große Verletzungssorgen hat, kam die „Substation Theory“ auf. Also dass das Umspannwerk direkt neben dem Trainingsplatz dabei eine Rolle spielt. Gab es das schon zu Ihrer Zeit?

Mark Nzeocha: Die Theorie gab es tatsächlich noch nicht. Aber natürlich siehst du das Ding. Es ist irrsinnig riesig. Das Teil ist wahrscheinlich doppelt so groß wie unser Feld – und man weiß ja, wie groß so ein Footballfeld ist. Und das Ding grenzt direkt an den Zaun der Facility an. Es ist schon crazy, dass das direkt dort ist. Aber es war nie ein Thema, dass wir darüber gesprochen haben und dass das irgendwie diese ganzen Verletzungen verursachen könnte. Aber wer weiß?

SPORT1: Aber man fragt sich schon, warum ausgerechnet da ein Umspannwerk steht.

Nzeocha: Klar! Und wir fragen uns auch über die letzten Jahre schon, warum die Niners das meistverletzte Team waren. Wir sind ja erst 2013 nach Santa Clara gezogen, wo jetzt diese neue Facility ist. Ob das alles ein Zufall ist, weiß man nicht.

DEINE MEINUNG

SPORT1: Haben Sie eine Erklärung, was sonst hinter dieser Verletztenmisere stecken könnte?

Nzeocha: Ich kann es mir absolut nicht erklären. Oft wird ja die Schuld beim Strength und Conditioning Staff gesucht, wenn es viele Verletzungen gibt. Aber wir machen echt gute Sachen: Maßnahmen für Verletzungsprävention, es wird so viel gemessen. Wie ist deine Belastung? Die schauen wirklich drauf, dass du nicht übertrainierst, nicht untertrainierst. Die machen echt einen guten Job.

Die San Francisco 49ers trainieren direkt neben einem Umspannwerk
Die San Francisco 49ers trainieren direkt neben einem UmspannwerkDie San Francisco 49ers trainieren direkt neben einem Umspannwerk© IMAGO/Newscom World

Verletzungen: Wird bei den San Francisco 49ers falsch trainiert?

SPORT1: Was kann es dann sein?

Nzeocha: Es ist schon komisch. Worüber ich mit Jakob Johnson in unserem Podcast diskutiert habe: Dass wir vielleicht nicht hart genug trainiert haben. Er kommt von den Patriots, da ist harte Schule im Camp, wo sie jeden Tag mit Vollgas gehittet haben ohne Ende. Und die hatten nicht so viele Verletzte wie wir. Die Niners setzen eher auf Player Safety, damit die Jungs frisch sind am Wochenende.

SPORT1: Wie sieht das dann konkret aus?

Nzeocha: Da wird nicht viel mit Pads trainiert, da wird nicht immer Vollgas trainiert, da bleibt es oft nur beim Walkthrough. Dadurch hast du vielleicht die Belastung nicht, die du brauchst, um diese Verletzungsprävention zu haben. Das kann auch ein Thema sein.

SPORT1: Erstaunlicherweise blieb Christian McCaffrey gesund, hatte aber eine enorme Workload. Wie groß ist jetzt das Risiko, dass er dafür bezahlen muss?

Nzeocha: Bei seiner Verletzungshistorie ist natürlich immer eine Gefahr da. Aber gleichzeitig ist Christian einer, der sehr viel Geld, Zeit und Arbeit in seinen Körper investiert. Ich hoffe auch, dass sie dieses Jahr seinen Workload ein bisschen reduzieren. Dass der Backup ein paar mehr Plays bekommt. Ich bin guter Dinge und drücke die Daumen, dass er heil bleibt.

Niners-Neuzugang Mike Evans? „Ein Riesentyp, super cooler Leader“

SPORT1: Neuzugang Mike Evans könnte ihn entlasten, ist aber auch oft angeschlagen. Was hat er noch im Tank?

Nzeocha: Mein kleiner Bruder Eric hat zwei Jahre mit ihm bei Tampa gespielt. Und was er mir über Mike erzählt hat: Das ist echt eine Riesen-Addition im Locker Room! Ein Riesentyp, super cooler Leader auch. Er bringt mehr als nur sein Spiel zum Team. Aber natürlich geht er in Jahr 13 in der NFL – da spürst du schon einiges. Und natürlich hat er auch eine Vorgeschichte mit Verletzungen. Aber wenn er gesund ist, dann ist Mike Evans immer noch einer, der richtig produzieren kann.

SPORT1: Was trauen Sie den Niners diese Saison zu?

Nzeocha: Ich habe immer große Hoffnungen und ich glaube, auch dieses Jahr können wir sehr, sehr gefährlich werden. Seit Kyle Shanahan da ist, muss man wirklich immer mit den Niners rechnen. Wenn sie gesund bleiben, kann ich mir auf jeden Fall einen tiefen Playoff-Run vorstellen. Natürlich ist es nicht easy. Die NFC West ist eine der stärksten Divisions mit den Rams und den Seahawks, aber trotzdem.

Absturz von Brandon Aiyuk? „Eine Schande, dass es so weit kommen musste“

SPORT1: Theoretisch hätte auch Brandon Aiyuk helfen können, nach diversen Skandalen ist er aber nicht mehr beim Team. Sie kennen ihn ja noch aus gemeinsamen Zeiten – sehen wir ihn überhaupt nochmal in der NFL?

Nzeocha: Ich habe es jetzt auch nur aus der Ferne verfolgt, hier und da aber mal einen ehemaligen Teamkollegen gefragt, was da los ist. Aber ich höre auch nicht viel. Ich habe Brandon damals als super coolen Mitspieler erlebt. Er war ja noch jung, aber ein harter Arbeiter, ein sehr talentierter Spieler. Ich war immer ein Fan von ihm, muss ich ganz ehrlich sagen. Er war echt immer korrekt zu mir. Aber nach den ganzen Dingern, die er gebracht hat – gegen die Organisation geredet, persönliche Angriffe – ich bin ganz ehrlich: Ich wäre überrascht, wenn ihn irgendein Team nochmal anfassen würde. Ich kann mir gut vorstellen, dass der sein letztes Spiel in der NFL gespielt hat.

Nächste NFL-Hoffnung? Nzeocha schwärmt von Klein
1:09

Nächste NFL-Hoffnung? Nzeocha schwärmt von Klein

SPORT1: Was macht das mit Ihnen?

Nzeocha: Es ist traurig, dass Spieler dadurch praktisch für ein Karriereende sorgen. Man weiß aber natürlich auch nicht genau, was da passiert ist. Aber es ist auf jeden Fall eine Schande, dass es so weit kommen musste. Dass du so ein Riesentalent bist und das dann so verschwendest.

SPORT1: Auch Niners-Owner Jed York hat mit seiner Festnahme im Prostitutionsskandal zuletzt für Wirbel gesorgt. Wie sehr ist sowas Thema in der Kabine?

Nzeocha: Tatsächlich glaube ich, dass das keine große Nummer ist. Du hörst die News, du redest vielleicht mal eine Sekunde drüber als Spieler im Locker Room und dann ist es auch gegessen. Ich glaube nicht, dass es eine große Ablenkung ist. Trotzdem wirft es ein schlechtes Licht auf die Organisation.

„Ich bin sehr weit auf den Cowboys-Bandwagon draufgesprungen“

SPORT1: Kommen wir zu ihrem zweiten Team, den Dallas Cowboys. Mit Quarterback Dak Prescott und den Receivern CeeDee Lamb und George Pickens haben sie ein Top-Trio – wo sehen Sie die drei im Ligavergleich?

Nzeocha: Top Drei auf jeden Fall, wenn nicht sogar auf der Eins. Die einzigen, die da mithalten könnten, wären wahrscheinlich die Bengals mit Joe Burrow, Ja’Marr Chase und Tee Higgins und die Rams mit Matt Stafford, Puka Nacua und Davante Adams. Aber mit zwei solchen Elite-Receivern in einem Team spielen sie ganz oben mit. Ich freue mich sehr auf die Cowboys-Offense! Gerade mit Pickens haben sie letzte Saison noch mehr gezeigt, wie explosiv sie sein können.

Mark Nzeocha im Trikot der Dallas Cowboys
Mark Nzeocha im Trikot der Dallas CowboysMark Nzeocha im Trikot der Dallas Cowboys© IMAGO/ZUMA Press Wire

SPORT1: Trotzdem war Dallas jetzt seit zwei Jahren nicht in den Playoffs. Was ist die größte Baustelle?

Nzeocha: Ich bin ja sehr, sehr weit auf den Cowboys-Bandwagon draufgesprungen. Also ich fahre den Zug quasi (lacht). Ich bin sehr gehyped. Sie haben dieses Jahr wirklich die Baustelle adressiert – und das war die Defense. Die ist komplett neu aufgestellt. Das fängt vorne mit der Line an, mit Kenny Clark und Quinnen Williams, damit du den Run stoppen kannst. Sie haben Rashan Gary an der Edge und Linebacker, die wirklich rennen können, sich bewegen. Die Cowboys sind sehr talentiert auf Linebacker und haben natürlich mit Caleb Downs einen der talentiertesten Safeties der Liga, schon als Rookie. Ich bin wirklich positiv gestimmt und ich denke, sie werden in der Defense richtig gut sein.

Sind die Los Angeles Rams mit Aaron Donald überhaupt zu schlagen?

SPORT1: Sie haben die Los Angeles Rams angesprochen. Gefühlt sind sie der haushohe Favorit diese Saison. Sind sie überhaupt zu schlagen?

Nzeocha: Ja, sie sind schon schlagbar – vor allem von meinen Niners! Aber klar, die Rams sind tough, vor allem auch defensiv. Myles Garrett ist da und jetzt kommt auch noch Aaron Donald zurück. Ich weiß nicht, wer die beiden stoppen will. Die Rams sind einfach in der Offensive so explosiv und was sie in der Defense gemacht haben, ist schon heftig.

Aaron Donald ist zurück in der NFL und zurück bei den Los Angeles Rams
Aaron Donald ist zurück in der NFL und zurück bei den Los Angeles RamsAaron Donald ist zurück in der NFL und zurück bei den Los Angeles Rams© IMAGO/Newscom World

SPORT1: Eine Story der Offseason war auch Deshaun Watson, der bei den Cleveland Browns startet – nach den Skandalen um sexuelle Übergriffe, seinem monströsen Vertrag, den Buhrufen der eigenen Fans. Wie sehen Sie das?

Nzeocha: Ich bin kein Fan der Entscheidung (Watson als Starter einzusetzen; Anm. d. Red.). Ganz abgesehen von allem, was neben dem Feld passiert ist: Ich bin auch kein Fan seines Spiels. Auch die ganze Preseason hindurch hat es sich wieder klar gezeigt: Dieses Experiment hat einfach nicht funktioniert! Das ist fehlgeschlagen. Und dann würde ich lieber einem Shedeur Sanders oder Dillon Gabriel die Chance geben. Schau dir doch die Jungs an, wo noch Potenzial ist! Gib ihnen den Raum, nach oben zu wachsen, und schau, was du an denen hast. Bei Watson weißt du genau, was du kriegst … Wenn es so läuft, wie ich erwarte, stehen die Browns dann bei 0-2 oder 0-3 und in Woche vier oder fünf spielt sowieso ein anderer Quarterback. Warum also nicht sofort?

So sieht Nzeocha die Chancen auf ein NFL-Team in Deutschland

SPORT1: Das Thema Internationalisierung ist für die NFL ein sehr wichtiges. Für wie realistisch halten Sie es, dass in Zukunft wirklich eines oder mehrere Teams in Deutschland oder in Europa stationiert werden?

Nzeocha: Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie realistisch es ist. Vom Business-Standpunkt der NFL macht es Sinn. Das würde natürlich noch mal dazu beitragen, diese Internationalisierung noch größer zu machen. Von der Spieler-Perspektive weiß ich nicht genau, wie man das wirklich umsetzen will. Die Jungs müssten dann da rüberziehen, Vollzeit dort drüben leben. Das ist ein komplett anderer Lebensstil. Und dann hast du diese langen Reisen. Viele von den Jungs haben ihre klaren Routinen, und plötzlich müsstest du zu jedem Auswärtsspiel acht oder mehr Stunden reisen. Ich würde es auf jeden Fall feiern. Das wäre geil, aber ob es realistisch ist, ist eine andere Frage.

SPORT1: Für Sie selbst geht es kommende Saison zurück ins Stadion, als Sideline-Experte für RTL. Steigt langsam die Spannung? Was haben Ihnen die Kollegen als Tipps mitgegeben?

Nzeocha: Ich freue mich mega darauf, wieder so nah am Feld zu sein, nachdem ich die letzten Jahre auf der Couch verbringen durfte! Das erste Telefonat ging an Markus Kuhn raus – der hat mir direkt erzählt: „Alles, was du machen musst, ist: Du musst einmal im Stadion in den Pool springen und dann lieben dich die Leute.“ Ja, alles klar, super. Aber natürlich haben wir geredet. Im Endeffekt will ich meine Erfahrung an die Leute weitergeben und erklären, wie ich das Spiel sehe. Ich habe natürlich nochmal eine andere Perspektive als Ex-Spieler, das ist nochmal ein anderer Blickwinkel. Das wird richtig cool.