Vom Ankläger zum Täter

"Ich hatte diesen Sport in der Hand"

"Ich hatte diesen Sport in der Hand"

Nick Kyrgios wird im Juli 2026 positiv auf Benzoylecgonin getestet. Nun holen den einst scharfen Kritiker von Jannik Sinner seine eigenen Worte ein.

Nick Kyrgios galt als einer der schärfsten Kritiker von Jannik Sinner, der im März 2024 zweimal positiv auf Clostebol getestet wurde. Sinner wurde im Februar 2025 schließlich „nur“ zu einer dreimonatigen Dopingsperre verurteilt. Die Erklärung des Weltranglistenersten: Die verbotene Substanz sei unabsichtlich in seinen Körper gekommen.

Nun steht Kyrgios selbst im Mittelpunkt: Der Australier wurde im Juni im Rahmen eines ATP-Turniers auf Mallorca selbst positiv getestet. Am 17. Juli stellte ein von der WADA akkreditiertes Labor Benzoylecgonin in seiner Probe fest. Die Substanz, ein Metabolit von Kokain, steht auf der WADA-Liste der verbotenen Substanzen, weshalb er vorläufig suspendiert wurde.

Nick Kyrgios wurde gesperrt
Nick Kyrgios wurde gesperrtNick Kyrgios wurde gesperrt© IMAGO/AAP

Kyrgios: „Habe einen riesigen Fehler gemacht“

Kyrgios hat bis zum jetzigen Zeitpunkt von seinem Recht auf Berufung keinen Gebrauch gemacht. Stattdessen zeigte er sich auf Instagram reumütig: „Ich habe einen riesigen Fehler gemacht und übernehme die volle Verantwortung dafür. Ich entschuldige mich bei meinen Fans, meiner Familie, meinen Sponsoren und allen Menschen, die mir nahestehen.“

Dass ausgerechnet der exzentrische Australier jetzt positiv getestet wurde, ist gleich in zweifacher Hinsicht pikant. Immerhin war es speziell Kyrgios, der nach Jannik Sinners positivem Test immer wieder öffentlich gegen den Italiener geschossen hatte.

„Lächerlich, ob nun versehentlich oder geplant! Er wurde zweimal auf eine verbotene Substanz (ein Steroid) getestet. Dafür sollte man zwei Jahre gesperrt werden. Die Leistung hat sich verbessert. Massagecreme, na klar“, schrieb Kyrgios im August 2024 in den sozialen Medien.

Im Herbst legte der Australier nach und unterstellte: „Clostebol wird benutzt, um einen Dopingzyklus zu verschleiern.“

Als die Polin Iga Swiatek bei einem ähnlichen Fall freigesprochen wurde, eskalierte er so richtig: „Es ist eine Schande für unseren Sport. Mit ihnen stehen zwei Top-Athletinnen im Zentrum von Dopingskandalen. Dieser Mangel an Integrität in den Institutionen ist erschreckend. Ich würde niemals in meinem Leben dopen.“

Kyrgios kritisierte Sinner mehrfach scharf

Eine Aussage, die nach den jüngsten Entwicklungen in einem ganz anderen Licht erscheint. Im Jahr 2025 teilte Kyrgios weiter aus. So twitterte er nach Sinners Triumph in Wimbledon mit einem einfachen Sternchen, hinter dem sich wohl eine pikante Message verbarg. Es taucht üblicherweise neben den Triumphen jener „verdächtigen“ Athleten auf, die positiv auf Doping getestet wurden.

Als Sinner, Fitness- und Athletiktrainer Umberto Ferrara, der beim Clostebol-Vorfall in den Mittelpunkt gerückt und anschließend gegangen war, im Juli 2025 wieder zurück in sein Team holte, kommentierte Kyrgios: „Leider sind wir nicht auf Tennis Centel“.

Damit spielte er auf einen Social-Media-Account an, der die Geschehnisse der Tenniswelt mit ironischen Beiträgen parodiert. Dann folgte der vielsagende Kommentar: „Er ist wieder beim selben Arzt (Anm. d. Red.: Ferrara ist kein Arzt). Meine Damen und Herren, wir wurden veräppelt!“

Ein besonderer Dorn im Auge war es Kyrgios, dass bei der ATP viele Entscheider Landsleute von Sinner seien. „Sie haben ganz klar versucht, ihn zu schützen. Und dann sind der CEO und alle wichtigen Leute bei der ATP Italiener. Die ganze Geschichte ist für mich Schwachsinn“, sagte er im Oktober 2025 in Josh Mansours Podcast „Unscripted“.

Auch gegen die ehemalige Weltranglistenerste Simona Halep, die wegen eines positiven Tests neun Monate gesperrt war, teilte Kyrios aus: „Ich könnte mir vorstellen, wenn ich ähnliche Substanzen nehmen würde, für die man vier Jahre gesperrt wird, hätte ich etwa fünf Grand-Slam-Titel. Kartoffel.“

Nun konterte Halep auf ihrer Instagram-Story: „Man sollte niemals auf jemanden eintreten, der am Boden liegt. Das Leben hat eine seltsame Art, die Rollen zu vertauschen. Und eine noch seltsamere Art, den Unterschied zwischen einem Zufall und einer Entscheidung deutlich zu machen.“

Kyrgios will „als besserer Mensch zurückkehren“

Jetzt wurde aus dem Ankläger Kyrgios selbst ein Täter. Zu seinen Taten steht der Australier immerhin. Als Grund für sein Vergehen führt er insbesondere Verletzungen an, die ihn körperlich und mental belastet haben sowie die Tatsache, dass er sich mittlerweile am Ende seiner Karriere befindet.

„Zu akzeptieren, dass ich mich nun dem Ende meiner Karriere nähere, war schwieriger, als ich es mir jemals hätte vorstellen können“, schrieb Kyrgios in seinem Statement: „Etwas loszulassen, das mein ganzes Leben ausgemacht hat, ist einer der schwierigsten Herausforderungen, denen ich mich je stellen musste.“

Für die nächste Zeit wird sich Kyrgios aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sich darauf fokussieren, wieder fit zu werden. Seine Mission hat er deutlich formuliert: „Ich werde als besserer Mensch zurückkehren.“