Olympia 1988: Matt Biondi avanciert zum Gold-Giganten
Sieben Rennen. Sieben Chancen auf Gold. Und der übermächtige Vergleich mit Mark Spitz. Matt Biondi soll bei Olympia 1988 Geschichte wiederholen – doch in Seoul wird er lieber zur eigenen Legende.
Ein Pianist habe dieses Gefühl für die Tasten, ein Künstler habe es für die Pinsel – und Matt Biondi habe es für das Wasser. Trainer Nort Thornton blieben nur sprachliche Bilder, um die Fähigkeiten seines Schützlings zu beschreiben. Und im September 1988 sollte die ganze Sportwelt sehen, was Thornton damit meinte.
Vor 38 Jahren stieg der damals 22 Jahre alte US-Amerikaner Matt Biondi bei den Olympischen Spielen in Seoul innerhalb von acht Tagen siebenmal auf das Podium – fünfmal davon sogar ganz nach oben. Eine Ausbeute, die den Star-Schwimmer zum erfolgreichsten männlichen Athleten der Spiele von 1988 machte.
Dabei begann der Goldrausch des Ausnahme-Schwimmers ausgerechnet mit zwei Rückschlägen. Und sie ließen einen Vergleich früh ins Wanken geraten, der Biondi schon vor seinem ersten Start begleitet hatte.
Sieben Starts – und ein übermächtiger Vergleich
Dass Biondi zum Star der Spiele von 1988 avancieren sollte, kam nicht überraschend. Bei den Spielen im Jahr 1984 in Los Angeles hatte er bereits Staffel-Gold gewonnen. Im August 1985 durchbrach Matt Biondi als erster Mensch die magische 49-Sekunden-Marke über 100 Meter Freistil und stellte innerhalb von 24 Stunden vier Weltrekorde auf. Der erst 22-Jährige war über die 100 Meter Freistil längst zum allübertreffenden Maßstab geworden – und kurz vor Olympia schneller denn je. Bei den US-Trials im August 1988 drückte Biondi seinen eigenen Weltrekord über 100 Meter Freistil auf 48,42 Sekunden.
Mit gleich sieben Starts hatte Biondi in Seoul ein gewaltiges Programm vor sich. 50 Meter, 100 Meter und 200 Meter Freistil, 100 Meter Schmetterling sowie drei Staffelwettbewerbe. Dieses Programm weckte Erinnerungen: 16 Jahre zuvor hatte sein Landsmann Mark Spitz bei den Olympischen Spielen in München sieben Goldmedaillen gewonnen. Nun trat mit Biondi wieder ein US-Schwimmer siebenmal an – und das mit erfolgsversprechenden Aussichten.
Der Vergleich war schnell gezogen – und die Erwartungen entsprechend riesig. Der frühere Olympiasieger Rowdy Gaines ging sogar noch weiter. Nach Biondis Weltrekord bei den Trials erklärte Gaines, dass er überzeugt sei, dass Biondi in Seoul alle sieben Goldmedaillen gewinnen werde.
Biondi selbst versuchte, den Hype zu bremsen. Jeder einzelne Wettbewerb erfordere „eine magische Leistung“. So etwas könne vielleicht einmal im Leben gelingen – aber nicht jeden Tag über acht Tage hinweg. „Die Last der öffentlichen Erwartungen ist gewaltig“, sagte Biondi im Vorfeld. Er verglich seine Karriere mit einer Leiter; sei man erst einmal ganz oben angekommen, gebe es keinen Weg mehr nach oben. Nur noch nach unten.
Der Gold-Traum bekommt erste Risse
Der Sieben-Goldmedaillen-Traum verpuffte bereits im ersten Einzelfinale. Dabei erwischte Biondi eigentlich einen optimalen Start. Über 200 Meter Freistil ging Biondi das Rennen direkt offensiv an und lag nach 150 Metern vorne. Doch auf der letzten Bahn kamen seine Konkurrenten immer näher: Der Australier Duncan Armstrong zog an Biondi vorbei und schwamm in 1:47,25 Minuten sogar zum Weltrekord. Auch der Schwede Anders Holmertz fing Biondi noch ab – das bedeutete Bronze.
Damit platzte vor allem ein Szenario, das Medien und Experten vor den Spielen groß gemacht hatten. Biondi selbst hatte den Medaillen-Vergleich mit Mark Spitz stets gebremst. Er selbst wollte seine Bronzemedaille deshalb nicht als Scheitern verstanden wissen. Er habe nie behauptet, Spitz kopieren zu wollen. Sein eigener Maßstab seien persönliche Bestzeiten gewesen.
Ein Finale, eine Hundertstelsekunde
Zwei Tage später stand Biondi im Finale über 100 Meter Schmetterling. Und dieses Mal sah lange Zeit alles ziemlich golden aus.
Biondi hatte sich die Führungsposition erkämpft. Auch kurz vor dem Anschlag lag der Amerikaner noch vorne, hinter ihm Anthony Nesty aus Suriname. Die Beckenwand näherte sich. Sollte Biondi noch einen kompletten Armzug machen? Oder mit Beinschlägen zum Anschlag gleiten?
Biondi entschloss sich für das Gleiten. Sein Konkurrent Anthony Nesty nicht. Der Surinamer erwischte den besseren Anschlag und ließ die Uhr bei 53,00 Sekunden stoppen – Biondi bei 53,01 Sekunden. Dem US-Amerikaner fehlte eine Hundertstelsekunde zum Sieg. Wenige Zentimeter. Vielleicht sogar noch weniger. Biondi suchte später selbst nach dieser winzigen Lücke. „Was ist eine Hundertstelsekunde? Was wäre gewesen, wenn ich meine Fingernägel zwei Wochen länger hätte wachsen lassen“, fragte er.
Das Rennen sollte eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere darstellen. Für Nesty hingegen wurde das Rennen historisch: Er gewann die erste olympische Medaille Surinames – und dann direkt Gold.
Viel Zeit, um darüber zu grübeln, blieb Biondi nicht. Vielleicht war das auch zu seinem Vorteil. Nur wenige Stunden später musste er wieder ins Wasser.
„Ich habe es satt, zu verlieren“
Am selben Abend stand die 4×200-Meter-Freistilstaffel auf dem olympischen Programm. Biondi sollte als Schlussmann für die USA ins Wasser gehen. Er erzählte später, dass seine Teamkollegen ihn zwischen den beiden Rennen aufgebaut hätten. Und einen Gedanken bekam er nicht mehr aus dem Kopf: „Ich hatte es definitiv satt, zu verlieren.“
Und das sollte Biondi eindrucksvoll zeigen. Vor dem letzten Wechsel lag die US-amerikanische Staffel auf Rang zwei. Doch dann lieferte Biondi eine furiose Schlussstrecke, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. In 1:46,40 Minuten schwamm er den damals schnellsten Staffelabschnitt überhaupt, fing die führende DDR noch ab und brachte die USA in Weltrekordzeit von 7:12,51 Minuten zur lang ersehnten Goldmedaille. Der Knoten war geplatzt.
Dieses Rennen sollte der Wendepunkt sein. Was folgte, war ein Goldrausch.
Der Goldrausch nimmt Fahrt auf
Am 22. September wartete die Disziplin, mit der Biondis Name längst untrennbar zusammengewachsen war: die 100 Meter Freistil. Und dieses Mal sollte der Weltrekordhalter keinen Zweifel aufkommen lassen, wer über diese Distanz der schnellste Mann der Welt war.
Biondi diktierte das Tempo. Nach 50 Metern wendete er als Führender – und in 23,21 Sekunden sogar vier Hundertstel schneller als bei seinem Weltrekord bei den Olympia Trials. Auf Bahn zwei ließ er nichts mehr anbrennen und schlug nach 48,63 Sekunden an. Olympiarekord. Gold. Und die damals zweitschnellste Zeit der Geschichte.
Zum ersten Mal hatte Biondi damit auch ein olympisches Einzelrennen gewonnen. Sein Teamkollege Chris Jacobs folgte in 49,08 Sekunden und machte den amerikanischen Doppelsieg perfekt. Nach Bronze über 200 Meter Freistil und der Hundertstelsekunden-Niederlage gegen Nesty hatte Biondi ausgerechnet in seiner Paradedisziplin die Antwort und die vermeintliche Erlösung geliefert.
Einen Tag später folgte direkt das nächste Gold. Gemeinsam mit Chris Jacobs, Troy Dalbey und Tom Jager gewann Biondi die 4×100-Meter-Freistilstaffel. Biondi übernahm als Schlussmann mit nur 0,09 Sekunden Vorsprung auf die Sowjetunion und schwamm in 47,81 Sekunden den damals drittschnellsten Staffelabschnitt überhaupt. Die USA gewannen schließlich mit fast zwei Sekunden Vorsprung – und erneut einem Weltrekord.
Aus zwei bitteren Einzelrennen war eine gewaltige Siegesserie geworden. Doch eine besondere Rechnung blieb noch offen.
50 Meter gegen den Dauerrivalen
Die 50 Meter Freistil standen in Seoul 1988 zum ersten Mal im Programm der Olympischen Spiele. Als Titel-Favorit galt allerdings nicht Biondi, sondern sein Teamkollege Tom Jager. Der US-Amerikaner hielt mit 22,23 Sekunden den Weltrekord und hatte die direkten Duelle mit Biondi über die Sprintdistanz zuletzt dominiert. Bei einem großen Wettkampf hatte Biondi ihn seit 1986 nicht mehr geschlagen. „Es ist so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann“, scherzte Biondi über seinen Dauerrivalen. Biondi schlüpfte in die Jägerrolle.
Die neu eingeführte Distanz bedeutete vor allem eines: Vollgas. Keine taktischen Spielchen, kein langes Abwarten. Biondi selbst hatte die Disziplin einmal ziemlich simpel und gleichzeitig treffend beschrieben: „Blast.“ Explodieren. Sein Rivale Tom Jager nannte sie dagegen „Fly and die“. Selbst zum Atmen blieb kaum Zeit: Die besten Sprinter holten auf der gesamten Bahn nur zwei- oder dreimal Luft.
Ausgerechnet für das olympische Finale nahm sich Biondi taktische Änderungen vor. In der Vergangenheit sei er die Rennen zu schnell angegangen und habe dadurch am Ende Kraft verloren. „Ich dachte, der beste Weg wäre, auf den ersten Metern sehr lange Züge zu machen und dann mein eigenes Rennen zu schwimmen“, erklärte er später. Und seine Taktik sollte aufgehen. In der ersten Rennhälfte lagen Biondi und Jager noch gleichauf. Dann begann Biondi sich uneinholbar abzusetzen.
Biondi jagte mit kontrollierten Armschlägen dem Anschlag entgegen. Und das in einer Unnachahmlichkeit, die Trainer Thornton mit dem Propeller eines Bootes verglich. In 22,14 Sekunden schlug Biondi an und sollte sich damit nicht nur zum Olympiasieger krönen, sondern auch zum neuen Weltrekordhalter. Jager erkannte die Niederlage anschließend ohne Umschweife an. „Ich bin ein gutes Rennen geschwommen. Matt ist ein großartiges Rennen geschwommen. Das ist der Unterschied“, sagte er.
Der goldene Schlusspunkt
Sechs Starts. Sechs Medaillen. Viermal Gold. Und noch war Biondi nicht fertig. Zum Abschluss der olympischen Schwimmwettbewerbe stand der 22-Jährige noch einmal mit der amerikanischen 4×100-Meter-Lagenstaffel am Beckenrand – Biondi übernahm die Schmetterlingsstrecke. Schlussmann Chris Jacobs schlug in 3:36,93 Minuten als Erster an. Das bedeutete erneut einen Weltrekord. Für Biondi war es die siebte Medaille im siebten Rennen – und die fünfte Goldmedaille.
Damit endeten acht außergewöhnliche olympische Tage, in denen Biondi zu einem Olympia-Giganten avanciert war. Vor den Spielen hatte er noch versucht, die gewaltigen Erwartungen zu bremsen. Nun verließ er Seoul mit sieben Medaillen aus sieben Starts.
Kein zweiter Mark Spitz – sondern Matt Biondi
Seoul blieb nicht sein letztes Olympia-Kapitel: 1992 startete Biondi in Barcelona bei seinen dritten Olympischen Spielen. Zwei weitere Goldmedaillen mit den US-Staffeln und Silber über 50 Meter Freistil brachten seine olympische Bilanz auf elf Medaillen: achtmal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze.
Damit stellte er damals sogar den US-Rekord von Mark Spitz und Sportschütze Carl Osburn für die meisten olympischen Medaillen ein. Zwölf individuelle Weltrekorde stellte Biondi im Laufe seiner Karriere auf, als erster Mann durchbrach er über 100 Meter Freistil die 49-Sekunden-Marke. Sowohl 1986 als auch 1991 siegte er bei den Weltmeisterschaften über 100 Meter Freistil. Dazu kamen 24 nationale Titel und 13 NCAA-Meisterschaften. Ein Vergleich mit Mark Spitz wurde nichtig.
Vielleicht hatte Nort Thornton ohnehin den treffenderen Maßstab für Biondis außergewöhnliche Karriere gefunden. Sein Trainer sprach nicht von Medaillen oder Rekorden, sondern von einem kaum greifbaren Gefühl für das Wasser – „dasselbe Gefühl, das ein Pianist für die Tasten oder ein Künstler für seinen Pinsel hat“.
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Biondi war nicht der zweite Mark Spitz geworden. Er hatte seine eigene olympische Geschichte geschrieben.