Wehrlein verspricht „neue Dimension“

Nach dramatischem Finale! Pascal Wehrlein erneut Formel-E-Weltmeister

Nach dramatischem Finale! Pascal Wehrlein erneut Formel-E-Weltmeister

Pascal Wehrlein ist zum zweiten Mal in seiner Karriere Formel-E-Weltmeister. Bei SPORT1 blickt er zurück auf ein nervenaufreibendes Finale zurück – und auf eine spannende Zukunft der Serie voraus.

Allen Dramen, Streitigkeiten und Kontroversen zum Trotz hat es Pascal Wehrlein geschafft. Der 31 Jahre alte Porsche-Pilot krönte sich am Wochenende zum zweiten Mal nach 2024 zum Weltmeister. Dieses Kunststück war zuvor lediglich Jean-Éric Vergne 2018 und 2019 gelungen. Weil die Formel E damals allerdings noch nicht den Status einer FIA-Weltmeisterschaft hatte, ist Wehrlein nun der einzige Doppelchampion in der Geschichte der Elektrorennserie. 

Im Herzschlagfinale von London ging er nach seinem Sieg am Samstag als Gesamtführender ins Sonntagsrennen. Nach einer Kollision mit Titel-Rivale Jake Dennis kam Wehrlein dort auf Platz 14 ins Ziel. Jaguar-Pilot Mitch Evans, der als dritter Fahrer noch Chancen auf den Gewinn der Meisterschaft hatte, wurde aber nur Vierter, was dem Deutschen wiederum reichte. Doch mit dem Fallen der Zielflagge kehrte keine Ruhe ein. Teamtaktiken, Rempeleien und gegenseitige Vorwürfe ließen die Emotionen aus allen Richtungen hochkochen. Im SPORT1-Interview blickt Wehrlein mit etwas Abstand zurück – und stimmt die Motorsport-Fans auf spannende Neuerungen in der kommenden Saison ein.

Pascal Wehrlein ist zum zweiten Mal Formel-E-Weltmeister
Pascal Wehrlein ist zum zweiten Mal Formel-E-WeltmeisterPascal Wehrlein ist zum zweiten Mal Formel-E-Weltmeister© IMAGO / PsnewZ

SPORT1: Pascal Wehrlein, erster Doppelweltmeister der Formel-E-Geschichte. Wie klingt das für Sie?

Pascal Wehrlein: Sehr gut. (lacht) Es war ein hartes Jahr, da fühlt sich der Titel umso schöner an. 

„Was Porsche in der Gen3-Ära aufgebaut hat, ist beeindruckend“

SPORT1: Eine erstaunlich nüchterne Antwort.

Wehrlein: Das Allerwichtigste ist erstmal, dem Team ein großes Dankeschön auszusprechen. Was Porsche in der Gen3-Ära aufgebaut hat, ist beeindruckend. Wir haben zwei Fahrertitel gewonnen, mehrfach die Hersteller- und Teamwertung für uns entschieden. Über die vergangenen vier Jahre gesehen sind wir das erfolgreichste Team dieser Generation. Dieser Titel ist noch einmal die Kirsche auf der Sahne. Jetzt genießen wir den Erfolg ein paar Tage. Danach richtet sich der Blick auch schon auf die Gen4-Ära. Unser Ziel bleibt dasselbe: möglichst viele Pokale und Meisterschaften zu holen.

SPORT1: Sie haben den Titel in London in einem Herzschlagfinale gewonnen. Wie wurde der Triumph gefeiert? 

Wehrlein: Relativ wild. Das ganze Team hat gefeiert, entsprechend spät wurde es. Irgendwann in den frühen Morgenstunden war dann Schluss. Am Montag bin ich nach Hause geflogen. Familie und Freunde waren noch da, das ist eher gemütlich gewesen. Wir haben zusammen Pizza gegessen, Kuchen gegessen und einfach zusammengesessen. Nach den intensiven Tagen tat das gut. Und ich habe endlich wieder ein bisschen mehr Schlaf bekommen. 

WM-Zoff? Wehrlein zeigt sich versöhnlich

SPORT1: Das entscheidende Rennen am Sonntag war von Chaos und Kontroversen geprägt. Jaguar, das Team von Mitch Evans, setzte Antonio Felix da Costa über weite Strecken als Bremsklotz ein, der mit teilweise extrem harten Bandagen gegen Sie vorging. Sie sagten danach, das sei eine der unsportlichsten und unfairsten Leistungen gewesen, die Sie jemals erlebt hätten. Wie sehen Sie das heute? 

Wehrlein: Viel entspannter. Direkt nach dem Rennen sind die Emotionen natürlich da. Aber je mehr Zeit vergeht, desto stärker überwiegt etwas anderes: Zufriedenheit und Genugtuung. Da ist überhaupt kein böser Gedanke mehr, was den Sonntag betrifft. Wir sind als Dritte in der Meisterschaft nach London gekommen und standen unter Druck. In solchen Momenten zählt nur, ob man liefert oder nicht. Und wir haben geliefert. Als Fahrer, als Team, alle zusammen. Darauf bin ich unglaublich stolz.

SPORT1: Das klingt fast versöhnlich.

Wehrlein: Absolut. Solche Wochenenden entscheiden Titel. Jeder weiß, wie viel davon abhängt. Wenn es funktioniert, wirst du dafür belohnt. Wenn nicht, fragst du dich noch lange, was du hättest besser machen können. Dass wir unter diesen Voraussetzungen so abgeliefert haben, spricht für die ganze Mannschaft. Auch Nico (Müller, Teamkollege bei Porsche; Anm. d. Red.) ist stark gefahren. Am Ende haben wir das gemeinsam geschafft, nur das zählt für uns. 

SPORT1: Spürten Sie während des Rennens trotzdem Momente, in denen Sie gedacht haben: „Das kann heute komplett schiefgehen?“

Wehrlein: An solche kann ich mich definitiv erinnern. Mit diesen Taktiken von Jaguar gab es einige Situationen, in denen ich kurz davor war, in der Mauer zu landen oder aus dem Rennen zu sein. Das Risiko war ständig da.

SPORT1: Was geht einem in solchen Augenblicken durch den Kopf?

Wehrlein: Eigentlich erstaunlich wenig. Mein Fokus lag nur noch darauf, das Beste aus der Situation zu machen und mich nicht provozieren zu lassen. Das war die größte Herausforderung, speziell in dem Fall mit Antonio. Er war schließlich nicht mein Meisterschaftskonkurrent. Wir haben auch um die Teammeisterschaft gekämpft, aber für uns hatte die Fahrer-WM Priorität. Und deshalb wäre es natürlich das Schlechteste gewesen, ausgerechnet mit jemandem zu kollidieren, der gar nicht um die WM kämpft.

Pascal Wehrlein spricht im SPORT1-Interview
Pascal Wehrlein spricht im SPORT1-InterviewPascal Wehrlein spricht im SPORT1-Interview© IMAGO/PsnewZ

So reagiert Wehrlein auf die Vorwürfe von Titel-Rivale Dennis 

SPORT1: Aber nicht nur Jaguar und da Costa, auch Sie selbst mussten nach einer Kollision mit Joel Eriksson und Jake Dennis am Rennende harte Kritik einstecken. Dennis sah sich von Ihnen um seine Titelchancen gebracht und sagte, es sei „peinlich, was wir heute von Pascal und Porsche gesehen haben“. Gab es hinterher noch eine Aussprache? 

Wehrlein: Nein. Wobei ich auch nicht sagen würde, dass wir aneinandergeraten sind. Wir hatten im Rennen unseren Kontakt und sind hart gegeneinander gefahren. Aber es stand eben auch sehr viel auf dem Spiel. Ich wusste, dass Jake mindestens drei Plätze vor mir ins Ziel kommen musste, um noch eine Chance auf den Titel zu haben. Zwei Plätze hätten ihm nicht gereicht, weil er fünf Punkte Rückstand gehabt hatte. Aus seiner Sicht war es also verständlich, dass er viel Risiko eingehen musste.

SPORT1: Verstehen Sie seinen Ärger?

Wehrlein: Direkt nach einem Meisterschaftsfinale sind die Empfindungen groß. Das ist ganz normal. Jeder kämpft für den Titel, jeder investiert über Monate hinweg unglaublich viel. Da fallen auch mal deutliche Worte. Ich war auch schon mal auf der anderen Seite. Wenn du um einen Titel kämpfst und merkst, dass er dir entgleitet, dann kommen die Emotionen hoch. Das gehört zum Sport dazu.

SPORT1: Letztlich waren Sie der glückliche Titelgewinner. Welches Bild des vergangenen Wochenendes ist Ihnen am präsentesten?

Wehrlein: Die Emotionen. Das ist für mich immer das, was bleibt. Die Emotionen während des Rennens und speziell danach, wenn es erfolgreich war. Es war toll zu spüren, wie emotional mein Team war und wie sehr es sich gefreut hat. Man hat die Anspannung und den Druck natürlich in der ganzen Mannschaft gespürt. Diese Motivation, diesen Hunger, dass man es unbedingt schaffen wollte. Und dann, als ich über die Ziellinie gefahren bin, zu sehen, wie mein Mechaniker in der Garage herumgesprungen ist. Später dann, als ich aus dem Auto ausgestiegen bin. Das sind für mich die schönsten Momente, die ich mit solchen Erfolgen verbinde: die Emotionen danach. 

Wehrlein: „Die Formel E geht mit dem Gen4-Fahrzeug in eine neue Dimension“

SPORT1: Schauen wir auf die nächste Saison, in der Formel E neue Autos zum Einsatz kommen. Die sogenannten Gen4-Boliden leisten 600 kW, also 816 PS, statt bislang 350 kW. Wie groß ist die Vorfreude?

Wehrlein: Riesig. Die Autos werden so viel schneller. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns alle extrem darauf freuen können.

SPORT1: Sie durften den neuen Wagen bereits testen.

Wehrlein: Genau, das war ein verrücktes Gefühl. Wir sprechen heute nicht mehr über die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h. Das passiert in deutlich unter zwei Sekunden. Wichtiger ist inzwischen die Beschleunigung auf 200 km/h. Das schaffen wir in etwa vier Sekunden, was wahnsinnige Werte sind. Wir testen das Auto seit Dezember vergangenen Jahres, da war unser erster Rollout. Entsprechend habe ich schon viel Erfahrung mit dem Auto. Wir wissen ungefähr, was uns erwartet, wo wir uns verbessern und woran wir arbeiten müssen, bis es im Dezember mit der neuen Saison losgeht. 

SPORT1: Die Formel E wird von manchen Motorsportfans noch immer „belächelt“. Können die neuen Autos das ändern?

Wehrlein: Ich bin mir sicher, dass sie viele Menschen überraschen werden. 

SPORT1: Auch Fans der Formel 1?

Wehrlein: Die Performance wird für sich sprechen. Wer sieht, welchen Schritt die Autos gemacht haben, wird beeindruckt sein. Davon bin ich überzeugt. Die Formel E stößt mit dem Gen4-Fahrzeug in eine neue Dimension vor.

SPORT1: Kommt die Formel E damit der Formel 1 näher?

Wehrlein: Vergleiche wird es immer geben. Aber unser Ziel ist nicht, die Formel 1 zu kopieren. Unser Ziel ist es, spektakulären Rennsport mit einer eigenen Identität zu bieten.