„Als stünde ich vor dem Tod“: Sprinterin Dobbin unheilbar erkrankt
Einst sprintet Beth Dobbin bei Olympia um Hundertstelsekunden, heute liegt die 200m-Sprinterin 22 Stunden täglich im Bett. Nach Corona und Pfeifferschem Drüsenfieber leidet sie an einer schweren chronischen Erkrankung – und zeichnet ein erschütterndes Bild ihres Alltags.
Der 200-Meter-Sprint war ihr Zuhause. Jahrelang versuchte Beth Dobbin, der Strecke immer noch ein paar Hundertstelsekunden abzuringen. Dafür trainierte sie hart, lief 2019 in 22,50 Sekunden zum schottischen Rekord und startete 2021 bei den Olympischen Spielen.
Fünf Jahre später ist selbst das Aufstehen eine Herausforderung. Ihr Alltag dreht sich längst nicht mehr um die Frage, wie und wo man noch die letzten Hundertstel auf der Tartanbahn herausholen kann: 22 Stunden am Tag liegt die Rekordhalterin in ihrem Bett.
Und selbst die 30 Minuten, in denen sie mit dem Nachrichtensender BBC über ihre Erkrankung spricht, sind ein hochgefährlicher Kräfteakt. Sie können ihren Zustand über Tage, Stunden oder Monate verschlechtern. Doch die 32-Jährige möchte ihre Reichweite nutzen, über eine Krankheit aufzuklären, die bislang noch nicht heilbar ist.
Dobbin habe „alles verloren“
Dobbin leidet an Myalgischer Enzephalomyelitis (ME), einer schweren, chronischen und komplexen Multisystemerkrankung, die das Nervensystem, das Immunsystem und den Energiestoffwechsel attackiert.
„Ich habe das Gefühl, alles verloren zu haben“, sagte die Schottin in dem emotionalen Gespräch mit dem britischen Nachrichtensender. „Ich habe zwar noch meine Familie, aber ich habe meine Unabhängigkeit, meine Gesundheit und die Fähigkeit verloren, zu arbeiten oder Sport zu treiben.“
Nur fünfmal hat Dobbin in diesem Jahr überhaupt ihr Haus verlassen. Gespräche, Licht, Geräusche – selbst minimale Veränderungen können ihren Zustand verschlechtern: „Und wenn ich ‚beeinflussen‘ sage, dann meine ich, dass es sich wie Sterben anfühlt.“
Nur zum Essen und für Toilettengänge verlässt sie ihr Bett. „Es fühlt sich an, als würde dein Körper herunterfahren, als wärst du nur noch wenige Tage vom Tod entfernt“, beschrieb sie ihre Symptome.
Vom Olympia-Traum zum Kampf mit dem Alltag
Begonnen hatten die gesundheitlichen Probleme im Winter 2021/22. Dobbin infizierte sich mit Corona und später mit dem Epstein-Barr-Virus, das Pfeiffersches Drüsenfieber auslöste. Zunächst bemerkte Dobbin lediglich, dass sie mehr Schlaf benötigte und ihre Sprintzeiten schlechter wurden: „Ich hatte Schwierigkeiten aufzustehen, habe sehr viel geschlafen und lag die ganze Zeit im Bett.“
Trotz zunehmender Beschwerden kämpfte sie sich 2022 noch zu den Welt- und Europameisterschaften sowie den Commonwealth Games. Bei der EM dann der Schockmoment: Im Startblock spürte sie ihre Beine nicht mehr, verursachte einen Fehlstart und konnte das Rennen nicht beenden.
Ihr Zustand verschlechterte sich weiter. Mehrere Fachärzte diagnostizierten schließlich ME – eine chronische Multisystemerkrankung, für die es bislang keine Heilung gibt.
Selbst ein Interview kann monatelange Folgen haben
Charakteristisch für ME ist die post-exertionelle Malaise (PEM): Bereits geringe körperliche oder geistige Anstrengungen können eine erhebliche Verschlechterung der Beschwerden auslösen. Diese kann Tage, Wochen oder sogar Monate anhalten.
Dobbin berichtet, dass sie nach einer einfachen Blutuntersuchung bereits monatelang ans Bett gefesselt gewesen sei. Selbst das halbstündige BBC-Interview könnte ihre Gesundheit noch im kommenden Jahr beeinträchtigen.
Den häufig verwendeten Begriff „chronisches Erschöpfungssyndrom“ hält die frühere Leistungssportlerin für irreführend. Müdigkeit kenne sie aus ihrer gesamten Karriere. Ihre heutige Erkrankung gehe jedoch weit darüber hinaus.
„Unsere Zukunft sieht leider sehr düster aus“
Auch ihre Familie leidet unter der Situation. Ihre Mutter Jean sorgt sich vor allem darum, wer sich eines Tages um ihre Tochter kümmern kann. Vater Jim, ehemaliger Profifußballer, klagte über die Hilflosigkeit angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten.
Dobbin selbst blickt mit großer Unsicherheit nach vorne. Ihre Zukunft sehe „leider sehr düster“ aus, sagt sie. Dennoch entscheidet sie sich bewusst dafür, ihre Geschichte öffentlich zu machen – obwohl sie damit eine Verschlechterung ihres Zustands riskiert. Viele ME-Erkrankte würden nicht ernst genommen und als faul abgestempelt.
Als ehemalige Olympia-Starterin mit medialer Reichweite sieht Dobbin deshalb eine besondere Verantwortung. Sie hoffe, ihre Bekanntheit nutzen zu können, um der Erkrankung mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.