Warum dieses Event spaltet
Die besten Leichtathleten der Welt, zehn Millionen Dollar Preisgeld - und ein Stabhochsprung-Weltrekordler, der seinen eigenen Song performt. Am Wochenende feiert ein neues Leichtathletik-Event Premiere. Doch nicht alle dürfen mitfeiern.
Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics hat den internationalen Kalender um ein neues Saisonfinale ergänzt. In Budapest will sie die Leichtathletik vom 11. bis 13. September neu inszenieren. Die „Ultimate Championship“ bringt die Weltspitze für 28 Entscheidungen zusammen – und wird zum Experimentierfeld des Weltverbands.
Das Konzept des neuen Events: kompakt, „Fans first” und „made for TV“. Statt eines klassischen Zeitplans folgt die Ultimate Championship einem „Show Script“, in dem laut Veranstalter jede Sekunde der jeweils dreistündigen Events durchgeplant ist. Die Athleten sollen dabei stärker denn je im Mittelpunkt stehen.
Und wer Leichtathleten ins Rampenlicht stellen möchte, der muss ihnen auch eine entsprechende Bühne bieten. In Budapest ist die nicht nur größer inszeniert, sondern auch höher dotiert als je zuvor.
In Budapest winkt ein Rekordpreisgeld
Zehn Millionen US-Dollar Preisgeld machen die Ultimate Championship zum höchstdotierten Leichtathletik-Wettbewerb der Geschichte. Einzelsieger kassieren 150.000 US-Dollar.
Das Rekordpreisgeld passt zur grundsätzlichen Linie des Weltverbands: Der Strategieplan „Pioneering Change 2024-2027“ nennt ausdrücklich als Ziel, Athleten stärker als Stars aufzubauen und ihre Verdienstmöglichkeiten durch Preisgeld und Vermarktung zu erhöhen.
World-Athletics-CEO Jon Ridgeon formuliert das noch deutlicher: Im vergangenen Olympiazyklus zahlte der Verband rund 25 Millionen US-Dollar Preisgeld, für den Zyklus 2024 bis 2028 habe der Weltverband diese Summe auf rund 50 Millionen verdoppelt.
Pläne für eine Leichtathletik 2.0?
Wie sich World Athletics die Leichtathletik von morgen vorstellt? In Budapest gibt sie darauf schon ziemlich konkrete Antworten. Bei der Ultimate Championship laufen viele der strategischen Ideen zusammen, mit denen der Weltverband die Leichtathletik an eine neue Medienwelt anpassen und vor allem für jüngere Fans attraktiver machen möchte: weniger Leerlauf, mehr Fokus auf die Persönlichkeiten, mehr Show. Kurzum: Die Leichtathletik soll cooler werden.
„Die Ultimate Championship gibt uns die Chance, neue Wege bei der Präsentation unseres Sports zu gehen“, erklärte Ridgeon. Wie weit der Verband dabei gehen will, zeigt schon der Blick ins Stadion: schwarzes Infield statt klassischem Stadionrasen, Lichtshow bei der Athletenvorstellung, Interviews direkt nach dem Wettkampf wie auf dem Centre Court. Schon die Red-Carpet-Gala am Vorabend versprüht eine Prise Showbusiness.
Das neue Format ist ein Wagnis, bei dem der Verband Fehlversuche einkalkuliert. Ridgeon wirbt um Nachsicht für das Experiment: „Einige Elemente werden besser funktionieren als andere, und das akzeptieren wir. Experimentieren ist wichtig.“
Bolt wirbt, Lyles heizt ein und Duplantis singt
World Athletics macht seine Top-Athleten zu zentralen Gesichtern des Events. Einige der bekanntesten Leichtathleten wurden eng in die Eventvorbereitung eingebunden: Weitsprung-Olympiasiegerin Tara Davis-Woodhall wurde zur „Lead Content Creatorin“ ernannt, Usain Bolt wirbt als „Ultimate Legend“ weltweit für das neue Format.
Eine besonders große Rolle übernimmt Noah Lyles. Der Sprintstar – der verletzungsbedingt seine Saison bereits beendet hat – ist als „Ultimate MC“ und „Creative Adviser“ eingespannt. Er war an der Planung der Athletenvorstellungen, Siegerehrungen und Fan-Aktionen beteiligt und soll in Budapest selbst durch Teile der Veranstaltung führen. Auch bei der Athletenparty „Club Ultimate“ mischt Lyles bei der Gestaltung mit.
Und dann ist da noch Armand Duplantis. Der Stabhochsprung-Weltrekordler liefert der Ultimate Championship ihren offiziellen Soundtrack. Am Sonntagabend performt Duplantis seinen Song „Gold“ zum Abschluss live im Stadion.
So funktioniert die Ultimate Championship
Das neue Format soll künftig alle zwei Jahre stattfinden. Ausgangspunkt war die Lücke im Vierjahreszyklus, in der weder Olympische Spiele noch Weltmeisterschaften stattfinden.
Startberechtigt sind ausschließlich Welt- und Olympiasieger, Diamond-League-Gewinner sowie die Top-Athleten der Weltrangliste. Zusätzlich vergibt der Weltverband gezielte Wildcards. Das bedeutet maximale Dichte im Teilnehmerfeld: 16 Startplätze bei den Laufdisziplinen, gerade einmal acht bei den technischen Wettkämpfen.
Der klassische Weg ins Finale wurde radikal verkürzt. Die 1500m und 5000m sind direkte Finals, auch in den technischen Disziplinen entfällt die klassische Qualifikation. Die 800m und die Sprintdistanzen starten im Halbfinale. Bei den technischen Disziplinen soll sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf mehrere Schauplätze verteilen. Der Zeitplan räumt ihnen nach Möglichkeit jeweils ein eigenes Zeitfenster ein: Fällt die Entscheidung im Weitsprung, soll nicht gleichzeitig der Speer fliegen.
Nicht alle Disziplinen passen in das Show Script
Der enge Zeitplan fordert seinen Tribut. 10.000m, 3000m Hindernis, Mehrkampf, Kugelstoßen und Diskus fehlen komplett; im Hammerwurf starten nur die Männer, im Dreisprung nur die Frauen. Dass klassische Disziplinen nur noch halbiert im Programm auftauchen, unterstreicht den kompromisslosen Fokus auf das dreistündige Show-Fenster.
Die Auswahl sei nicht willkürlich, sondern beruhe auf dreijähriger Markt- und Zuschauerforschung, so Sebastian Coe, Präsident von World Athletics. Bei drei Abenden à drei Stunden sei es unmöglich, alle Disziplinen unterzubringen. Disziplinspezifische Begründungen legte der Weltverband nicht offen. Fans kritisieren, dass vor allem die technischen Disziplinen dem strikten Ablaufplan zum Opfer fielen.
Das neue Format erntet prominente Kritik
Die grundsätzliche Kritik setzt allerdings schon einen Schritt früher an: Braucht die Leichtathletik dieses neue Format? „Es gibt eine Menge Konzepte, die einfach in der Hoffnung auf den Markt geworfen werden, dass irgendetwas davon funktioniert“, kritisierte Karsten Warholm, Olympiasieger über die 400m Hürden. Es gebe inzwischen eine „Inflation von Titeln“. Das Diamond-League-Finale und die Ultimate Championship an aufeinanderfolgenden Wochenenden? „Offensichtlich braucht man nicht beides“, so der Norweger.
„Das ist keine Leichtathletik, und es ist nicht gut für unseren Sport. Hört auf, uns auszuschließen“, forderte Dreisprung-Olympiasieger Pedro Pichardo aus Portugal, dessen Disziplin nicht Teil des Events ist.
Noch deutlicher fällt die Kritik an der Kommerzialisierung aus. Leichtathletik-Autor Daniel Yetman von The Oval Update begrüßt zwar höhere Preisgelder und den Versuch, den Sport fernsehtauglicher zu präsentieren. Bei der Auswahl der Disziplinen sieht er jedoch eine Grenze überschritten. Yetman spricht von einer „profitgetriebenen Entscheidung“ und kritisiert, dass Wettbewerbe außen vor bleiben, weil sie als weniger vermarktbar gelten. Die Ultimate Championship wirke dadurch wie eine Show, die vor allem Sponsoren gewinnen soll.
In Budapest sollen Rekorde fallen
So umstritten das Konzept, so hochkarätig das sportliche Geschehen. Am Wochenende könnte die konzentrierte Weltklasse in gleich mehreren Disziplinen historische Bestmarken ernsthaft ins Wanken geraten lassen. Für besonders viel Aufsehen dürfte dabei die Entscheidung über die 800 Meter der Frauen sorgen.
Mit der Schweizer Aufsteigerin Audrey Werro, Olympiasiegerin Keely Hodgkinson und Ausnahmeathletin Femke Broeders-Bol betritt ein Trio die Bahn, das Jarmila Kratochvilovas Uralt-Weltrekord aus dem Jahr 1983 (1:53,28min) ins Visier nimmt. Werro liegt mit ihren 1:53,70min nur noch einen Wimpernschlag entfernt.
Auch im Hochsprung ist das Feld hochkarätig besetzt. Mit Weltrekordhalterin Jaroslawa Mahutschich, Nicola Olyslagers, Eleanor Patterson, Angelina Topic und Iryna Gerashchenko haben gleich fünf der acht Starterinnen in diesem Jahr bereits die Zwei-Meter-Marke geknackt. Olyslagers und Patterson sprangen in der Freiluftsaison sogar jeweils 2,02 Meter.
Das Duell zwischen Weltrekordhalter Armand Duplantis und Verfolger Emmanouil Karalis verspricht Höhenflüge in Richtung neuer Rekorde – falls der Schwede starten kann. Beim Diamond-League-Finale fiel er aufgrund von Beschwerden im Leistenbereich kurzfristig aus.
Aus deutscher Sicht haben Speerwurf-Europameister Julian Weber, 1500m-Rekordhalter Robert Farken, Hammerwerfer Merlin Hummel sowie Emil Agyekum und Owe Fischer-Breiholz über die 400m Hürden einen der exklusiven Startplätze erlangt. Ebenfalls dabei ist die deutsche 4×100-Meter-Mixed-Staffel.
Jetzt muss sich das neue Format beweisen
Damit ist in Budapest alles angerichtet für drei Abende, die sportlich Rekorde versprechen und noch eine ganz andere Frage beantworten sollen: ob sich die Leichtathletik neu inszenieren lässt, ohne dabei zu viel von dem zu verlieren, was sie ausmacht. Ab Freitag zählt deshalb nicht nur, was am Ende auf der Anzeigetafel steht, sondern auch, ob das Experiment Ultimate Championship aufgeht.
Wie weit darf World Athletics seinen Sport für TV, Sponsoren und neue Zielgruppen verändern? Ab Freitag steht das neue Konzept in Budapest erstmals auf dem Prüfstand.