Vom Leichtathletik-Idol zum Geächteten
Sergej Bubka war früher das, was heute Armand Duplantis ist: der Rekordjäger und Superstar des Stabhochsprungs. Mittlerweile ist der Leumund des einstigen Volkshelden der Ukraine durch schwere Vorwürfe massiv beschädigt.
Er war früher das, was Armand Duplantis heute ist: der umjubelte Rekordspringer, der seine Disziplin in immer neue Höhen schraubte und so zu einem der absoluten Superstars der Leichtathletik aufgestiegen war.
Sergej Bubka war der Mann, der als erster Mensch überhaupt die historische Marke von sechs Metern im Stabhochsprung knackte und einen Meilenstein nach dem anderen folgen ließ. Der Ukrainer krönte sich sechsmal in Folge zum Weltmeister. Heute vor 38 Jahren wurde er zum Olympiasieger von Seoul 1988 und stellte insgesamt über 30 Weltrekorde auf.
Bubka – anfangs noch für die UdSSR startend – wurde ab 1991 ein sportlicher Volksheld seines unabhängig gewordenen Landes. Doch der heute 62-Jährige ist in der Gunst der Menschen in der Ukraine inzwischen tief gefallen.
Schwere Vorwürfe gegen Bubka
Bubka sieht sich aus Gründen, die nichts mit dem Sport zu tun haben, mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Er soll nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 gemeinsame Sache mit dem Aggressorstaat gemacht haben.
Eine umfassende Recherche von ukrainischen Investigativjournalisten der Medienplattform bihus.info förderte zutage, dass Bubkas Unternehmen „Mont Blanc“ in den von Russland annektierten Gebieten Treibstoff an die Besatzer verkauft haben soll.
Zunächst hatten die Journalisten drei Verträge des Unternehmens mit den Besatzern entdeckt, in denen es um Beträge von mehr als 800.000 Rubel geht, später noch zwei weitere über 73.000 sowie 2250 Rubel. Es geht vor allem um Gutscheine, die an den mindestens sechs Tankstellen eingelöst werden konnten, die Bubka mit seinem Bruder Wassyl in der besetzten Region Donezk betreibt, zudem um Gelder, die an den „Sergej Bubka Sports Club“ geflossen sein sollen.
Umgerechnet geht es dabei zwar nur um eine vergleichsweise geringe Summe von knapp 10.000 Euro, doch der Vorwurf einer möglichen Kollaboration hat Bubka einen Ruf als Landesverräter eingebracht.
Nachdem im Sommer 2023 die schwerwiegenden Vorwürfe aufkamen, soll der ukrainische Sicherheitsdienst SBU eine Untersuchung gegen die Brüder eingeleitet haben. Wassyl wird in allen Verträgen als Direktor des Unternehmens aufgeführt, habe sie unterschrieben – und wurde in Abwesenheit wegen Kollaboration sowie der „Unterstützung einer terroristischen Organisation“ angeklagt.
Bubka bestreitet Kollaboration
Laut den Journalisten gehe aus den Unterlagen auch hervor, dass Wassyl Bürger der Russischen Föderation sein soll. Sergej werde als ukrainischer Staatsbürger aufgeführt, habe aber eine „echte und derzeit aktive“ russische Steuernummer, wie es in einem Bericht auf bihus.info hieß.
Bubka wehrte sich im September gegen die Berichte, beteuerte in einem YouTube-Video, dass er „immer für die Ukraine gekämpft“ habe, „aber jetzt hat eine Kampagne gegen mich begonnen, um meinen Ruf zu zerstören“. Er sei seit 2014 nicht mehr in den besetzten Gebieten gewesen, habe deshalb etwa auch die Beerdigung seiner Mutter verpasst. „Ich habe nichts mit irgendwelchen Geschäften in den besetzten Gebieten zu tun“, so Bubka damals. Konkretere Fragen diverser Medien ließ er seitdem mehrfach unbeantwortet.
Viele aktuelle ukrainische Sportlerinnen und Sportler zweifeln laut an Bubkas Version der Geschichte. Die Stabhochsprung-Ikone konnte etwa Jaroslawa Mahutschich nicht überzeugen, die Weltrekordlerin und Hochsprung-Olympiasiegerin von Paris. „Als der Krieg begann, kooperierten alle Sportler und warteten zumindest auf eine Erklärung von Bubka. Wir haben einen Brief verfasst, aber er trug nie Bubkas Unterschrift“, wurde sie bei Politico zitiert.
Olympiasiegerin findet vernichtende Worte
Sie und andere Athleten hätten ihn angerufen und ihm geschrieben, doch er habe erst später seine Erklärung abgegeben, „aber die war bedeutungslos“, so Mahutschich, die vernichtende Worte für Bubka findet: „Ich respektiere ihn als Sportler, aber nicht als Mensch.“
Politico berichtete auch von Vorwürfen, dass Bubka seit 2022 bei Sportevents ukrainische Athleten meide, aber „weiter mit Repräsentanten der Aggressorstaaten rede, auch solchen, die den Krieg offen unterstützen“. In der Ukraine gibt es inzwischen regelmäßige Diskussionen, ob Bubka sein 2001 verliehener Titel als „Held der Ukraine“ wieder entzogen werden sollte.
Was weiteres Öl ins Feuer der Zweifel goss: Während der russische Angriffskrieg in der Ukraine weiterhin tobt, soll Bubka übereinstimmenden Medienberichten zufolge 2022 das Land dauerhaft verlassen und vollständig nach Monaco übergesiedelt sein. Er wurde immer wieder bei Fußballspielen der AS Monaco im VIP-Bereich gesehen. Der Klub gehört dem russischen Milliardär Dmitri Rybolowlew, gegen den ukrainische Sanktionen verhängt worden waren.
Auf dem öffentlichen Parkett vorsichtiger
Der Fall Bubka ähnelt – unter umgekehrten Vorzeichen – dem der weiblichen Stabhochsprung-Ikone Jelena Issinbajewa aus Russland. Issinbajewa, die lange eine treue Unterstützerin Wladimir Putins war, wird inzwischen von dessen Anhängern nicht mehr gern gesehen, weil sie infolge des Ukrainekriegs und der Sanktionen gegen das Land ihren Lebensmittelpunkt in den Westen verlagert hat.
Wie Issinbajewa hatte auch Bubka nach der Athletenlaufbahn in der Sportpolitik Karriere gemacht: Er wurde 2008 Mitglied des IOC, saß zwischen 2002 und 2006 im ukrainischen Parlament, war über viele Jahre der Leiter des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine sowie Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes.
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Außerhalb seiner Heimat ist Bubka auf dem öffentlichen Parkett weiter sehr präsent – agiert dort aber mittlerweile deutlich vorsichtiger als früher: Bis Anfang 2024 meldete er sich noch unregelmäßig auf der Social-Media-Plattform X und versicherte seiner kriegsgebeutelten Heimat seine Solidarität. Die Kommentarfunktion hatte er dabei standardmäßig deaktiviert. Inzwischen ist es auf seinem Profil ganz ruhig geworden.