Der lange Weg zurück
Niklas Kaul gewinnt in Birmingham EM-Silber. Hinter der Medaille steckt eine große Erkenntnis: Nach dem Olympia-Fiasko in Paris musste der 28-Jährige etwas Grundlegendes verändern.
Irgendwann sieht ein Zehnkampf nicht mehr nach Leichtathletik aus. Dann geht es nur noch darum, irgendwie die letzten Meter zu schaffen. In Birmingham schleppten sich Niklas Kaul und Leo Neugebauer nach zwei Tagen und zehn Disziplinen über die 1500 Meter ins Ziel. 38 Punkte entscheiden schließlich über Gold und Silber.
Für Kaul wurde es Silber. Doch hinter dieser Medaille stecken mehr als die 38 Punkte, die ihm zu Gold fehlen.
„Ich bin nicht mit der Einstellung in die Saison gegangen: Ich muss Europameister werden“, sagt Kaul im Gespräch mit SPORT1. „Ich wollte bei der EM einen guten Wettkampf machen und dann schauen, wozu es reicht.“ Es ist ein Satz, der viel darüber verrät, wie sehr sich Kauls Blick auf seinen Sport verändert hat.
Für Niklas Kaul kommt nach dem frühen Ruhm der Druck
Denn der 28-Jährige aus Mainz hat in Birmingham nicht einfach nur Platz zwei belegt. Er hat sich ein Stück von jenem Niklas Kaul zurückgeholt, der irgendwann auf dem Weg zwischen der Weltmeisterschaft 2019 und dem olympischen Traum verloren gegangen war. Von jenem Mann, der Zehnkampf machte, weil er „Spaß daran hatte, dass er das hier machen darf“ – und nicht, weil er glaubte, unbedingt gewinnen zu müssen.
2019 in Doha wurde Kaul mit 21 Jahren sensationell Weltmeister. 2022 folgte in München der EM-Titel. Es waren die großen Erfolge, von denen andere Sportler ein Leben lang träumen. Bei Kaul aber hinterließen sie irgendwann eine eigenartige Last: Wenn man schon Weltmeister und Europameister ist, was soll danach noch kommen?
„Ich war der Meinung, ab jetzt immer gewinnen zu müssen“, sagt Kaul heute. Doch die Antwort bekam er auf schmerzhafte Weise.
Viele Rückschläge und Tiefpunkt bei Olympia 2024 in Paris
Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 verstauchte er sich beim Hochsprung das Sprunggelenk, im 400-Meter-Lauf sackte er zusammen und musste im Rollstuhl aus dem Stadion gebracht werden. Die WM 2023 verpasste er verletzungsbedingt. Bei der EM 2024 wurde er Vierter – was sich damals wie eine Enttäuschung anfühlte und rückblickend fast wie ein Erfolg wirkt.
Denn dann kam Paris: Olympia sollte der nächste große Höhepunkt werden, doch für Kaul markierte der Wettkampf mit Platz acht einen Tiefpunkt. Er hatte sich so sehr auf die olympische Medaille fixiert, dass der Zehnkampf irgendwann nicht mehr das war, was er einmal gewesen war.
Später fand er dafür klare Worte. Er sei der olympischen Medaille „sehr verkrampft hinterhergerannt“ und dabei „total auf die Nase geflogen“.
Das hat Kaul nach der Olympia-Enttäuschung geändert
Kaul sagt es rückblickend so: „Ich habe relativ verbissen diese olympische Medaille gejagt, und das hat einfach nicht funktioniert. Für mich jedenfalls nicht.“ Also begann er, etwas zu verändern, das man auf keiner Trainingsbahn messen kann.
Er arbeitete an seiner Einstellung und seinem Umgang mit Druck. „Eigentlich schon im vergangenen Jahr. Da hat es angefangen“, erklärt Kaul. Die Verbissenheit loszuwerden, mit der er die olympische Medaille gejagt hatte, sei ein Prozess gewesen.
Deshalb habe er eine andere Herangehensweise an Training und Wettkampf benötigt: „Diese Restlockerheit braucht man einfach. Die habe ich mir in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet.“
Die Silbermedaille sei deswegen „eine Belohnung für die Arbeit, die bei mir im Kopf stattgefunden hat – und nicht nur für die Arbeit auf dem Trainingsplatz“.
Heute sei er deshalb „definitiv“ ein besserer Zehnkämpfer als 2019. Vor allem könne er „mit unterschiedlichen Wettkampfsituationen besser umgehen“. Mit 21 sei er noch völlig unvoreingenommen an seine erste Weltmeisterschaft herangegangen. „Man macht sich vorher keine Gedanken darüber, was passiert, wenn man bei einer WM Gold gewinnt, weil das so weit weg von dem ist, was man für realistisch hält.“
Den WM-Titel von 2019 bereut er trotzdem nicht. Im Gegenteil: „Die Goldmedaille ist mein größter sportlicher Erfolg. Ich würde sie für keine Punktzahl eintauschen.“
Hier will Kaul noch besser werden
Ob er noch einmal einen ähnlichen Erfolg feiern kann? Gut möglich. „Relativ viel Potenzial sehe ich im Stabhochsprung“, sagt Kaul. Auch Diskus, Kugelstoßen und Sprint bieten aus seiner Sicht Möglichkeiten. Im Speerwurf dagegen erwartet er keine Wunder mehr: „Klar würde ich gerne irgendwann noch einmal einen 80er werfen, aber im Zehnkampf wird es mit unserem Trainingsumfang keine Steigerung auf 85 Meter geben. Das funktioniert einfach nicht.“
Sein Ziel klingt ambitioniert, aber nicht verbissen. „Ich bin durch die Veränderungen im Training inzwischen in der Lage, bei schlechten Bedingungen 8573 Punkte zu machen.“ So wie in Birmingham. Unter guten Bedingungen müssten „auch 8700 bis 8800 Punkte möglich sein“.
Auch um die nächste Generation im deutschen Zehnkampf ist Kaul nicht bange. „Er hat das Potenzial, ein sehr, sehr guter Zehnkämpfer zu werden“, sagt er über Amadeus Gräber, der bei seiner ersten großen Meisterschaft Achter wurde. „Eigentlich ist er das heute schon. Um die Zukunft im deutschen Zehnkampf müssen wir uns deshalb erst einmal wenig Sorgen machen.“
Kaul peilt Olympische Spiele in Los Angeles 2028 an
Er selbst will noch einige Jahre Teil dieser Zukunft sein. „Ich werde das auf jeden Fall noch bis Los Angeles 2028 machen und dann schauen wir weiter.“ Ohne großen Druck und ohne es allen beweisen zu müssen, dass er der Beste ist.
„Ich wollte bei der EM einen guten Wettkampf machen und dann schauen, wozu es reicht“, sagt er. Genau das hat er getan. Und deshalb fühlt sich Silber für Niklas Kaul heute auch nicht wie verlorenes Gold an.