Die unbequeme Wahrheit hinter Mourinhos Wutauftritt
Mourinho zeigt Beweisstück
José Mourinho wird mit einem skurrilen Auftritt auf der Pressekonferenz nach dem Derby in Madrid seinem Ruf als „The Special One“ einmal mehr gerecht. Auch die Presse reagiert entsprechend. Dabei liegen Real Madrids Probleme tiefer.
Den bildlichen Beweis hatte José Mourinho ausgedruckt in Papierform mitgebracht. Auf der Pressekonferenz nach der 1:2-Niederlage im Derbi Madrileno bei Atlético präsentierte der Trainer von Real Madrid den Journalisten zwei strittige Szenen, in denen er seine Mannschaft benachteiligt sah.
„Das sind zwei klare Rote Karten“, dozierte Mourinho mit strenger Miene. Es folgte ein Rundumschlag gegen das ganze Schiedsrichter-Wesen. Der Referee Miguel Ángel Ortiz Arias, „der Arme“ wie Mourinho ihn in seinem Vortrag nannte, sei dem Spiel „nicht gewachsen“ gewesen.
Sein konkreter Vorwurf an den 41-Jährigen lautete: Die Atlético-Profis Cristian Romero und Kang-In Lee hätten für ihre Fouls an Jude Bellingham und Fede Valverde Rot sehen müssen. Es waren die Szenen, die auf seinem mitgebrachten Papier zu sehen waren. „Man kann sich ja vorstellen, wie 50 Minuten mit elf gegen neun ausgehen hätten“, sagte Mourinho.
Presse spottet: „Mourinho ist eine Kopie“
Mit seinem skurrilen Auftritt wurde „The Special One“ einmal mehr seinem Ruf gerecht. „Der alte Mourinho ist zurück“, schrieb die Mundo Deportivo. Die ebenfalls dem Erzrivalen FC Barcelona nahe stehende Zeitung Sport kommentierte mit süffisantem Unterton: „Mourinho ist eine Kopie. Genau wie der Ausdruck, den er den Medien vorlegte, als wäre er gerade auf einer Polizeiwache erschienen.“
Es sei die exakte Nachahmung der Geschichte, „die Real Madrid in den vergangenen Jahren ausgeheckt hat, um sein wiederkehrendes Scheitern zu rechtfertigen. Was im Metropolitano geschah, war eine Wiederholung früherer Spielzeiten.“
In der Tat erinnerte Mourinhos Auftritt an eine ähnliche Aktion aus seiner ersten Amtszeit bei den Königlichen. Im Dezember 2010 präsentierte er auf der Pressekonferenz nach einem Spiel gegen den FC Sevilla ein Papier mit einer Liste von 13 Fehlern, die der damalige Schiedsrichter begangen haben soll.
Reals Schiri-Attacken verklären die wahren Probleme
Die Attacken gegen die Schiedsrichter haben sich zu einer wiederkehrenden Erzählung entwickelt, die nicht nur Mourinho, sondern auch Real über die Jahre perfektioniert hat.
Regelmäßig attackiert der Klub, vor allem über den vereinseigenen TV-Kanal, spanische Schiedsrichter – oft auch schon im Vorfeld wichtiger Partien. Der Spielbericht der Partie gegen Atlético auf der offiziellen Website trug die Überschrift: „Eine miserable Schiedsrichterleistung entscheidet das Derby.“
Die Schuld auf die Schiris zu schieben, verwischt jedoch die wahren Probleme des Teams. Fakt ist: Real Madrid hat im siebten Spiel bereits die zweite Niederlage kassiert. Der Rückstand auf den vorwegmarschierenden FC Barcelona beträgt schon sechs Punkte. Und das liegt nicht allein an den Unparteiischen.
Der frühere Real-Star Claude Makélélé, der unter Mourinho beim FC Chelsea zweimal englischer Meister wurde, fand als ESPN-Experte deutliche Worte: „Man darf die Schiedsrichter nicht zu Sündenböcken machen. Es gibt kein Verständnis untereinander, weder zwischen den Spielern noch zwischen den Spielern und dem Trainer. Mourinho muss mit ihnen reden.“
Klartext von Ex-Real-Star Claude Makélélé
Der 53-Jährige polterte weiter: „Die Mannschaft ist schwach, es gibt keinen Matchplan, es gibt absolut nichts. Nichts, nichts, nichts. Wir müssen mehr von ihnen verlangen.“
225 Millionen Euro investierten die Königlichen in diesem Sommer in Neuzugänge, allein 125 Millionen flossen für Königstransfer Yan Diomande an RB Leipzig. Doch der 19-Jährige ist bislang noch kein Faktor, in acht Einsätzen brachte es der Ivorer auf eine Torvorlage. Im Spiel gegen Atlético vergab er etwas überhastet in der Schlussphase eine Großchance.
Aber es liegt nicht nur an den Neuzugängen. Auch altgediente Stars laufen ihrer Form hinterher. Während beim Hauptstadtblatt Marca natürlich auch Mourinhos PK-Auftritt ausgiebig abgebildet wurde, rückte am Montag nach der Pleite ein Offensivstar in den Fokus: „Vinícius verschwindet“, hieß es im Aufmacher auf der Webseite.
Vinícius rückt in den Fokus
Im Metropolitano wurde der Brasilianer zum vierten Mal in Folge frühzeitig ausgewechselt. Diesmal in der 54. Minute. „Mourinhos Geduld mit Vinícius neigt sich dem Ende zu, was sich in seinen jüngsten Entscheidungen deutlich zeigt“, hieß es bei der Marca weiter. Erst im August war der Vertrag des 26-Jährigen nach monatelangem Theater langfristig bis 2032 verlängert worden.
Mourinho hielt derweil zum Abschluss seines bemerkenswerten PK-Auftritts seine schützende Hand über seine Spieler. „Die Jungs gehen traurig mit der Umarmung ihres Trainers vom Platz, denn ich respektiere, was sie auf dem Platz empfinden – es war nicht einfach.“
Was den Titel angeht, wähnt er sich weiterhin nicht nur im Kampf gegen den FC Barcelona, sondern auch gegen die vermeintlich höheren Mächte. „Wenn man uns in Ruhe lässt, wenn man uns erlaubt, zu gleichen Bedingungen wie alle anderen anzutreten“, dann sei es bis zum Titel „immer noch ein weiter Weg“.
Rein sportlich ist dieser nach der zweiten Saisonniederlage aber auch nicht kürzer geworden. Und Mourinhos Probleme nicht weniger.