„Unerträgliche Seifenoper“ um Álvarez
Kurios! Deswegen durfte Alvarez nicht zu den Fans
Der erste Auftritt im Metropolitano in dieser Saison wird für Julián Álvarez zu einem Spießrutenlauf. Atlético-Trainer Diego Simeone spricht über die komplizierte Situation, die für alle Beteiligten mehr und mehr zu einer Zerreißprobe wird.
Der Schlusspfiff im Metropolitano läutete am Sonntag den letzten Akt eines ohnehin schon unwürdigen Schauspiels ein. Die Mundo Deportivo beschrieb das ganze Theater der vergangenen Wochen als „unerträgliche Seifenoper“. In der Hauptrolle: Julián Álvarez.
Dem wechselwilligen argentinischen Superstar steht sein sich standhaft gebender Arbeitgeber Atlético Madrid gegenüber. Und die aufgebrachten Fans der Rojiblancos bildeten bei Álvarez‘ erstem Auftritt in seinem bisherigen Wohnzimmer in dieser Saison die Kulisse für das sich weiter zuspitzende Drama.
Julián Álvarez: Ein vielsagender Abgang
Nachdem Álvarez bereits beim Verlesen der Aufstellung und später bei seiner Einwechslung in der 66. Minute ein gellendes Pfeifkonzert über sich ergehen lassen musste, sprach auch sein Abgang Bände.
Zunächst verharrte der 26-Jährige nach dem für Atléti auch aus sportlicher Sicht enttäuschenden 2:2 gegen den FC Villarreal am Mittelkreis und klatschte mit Gegnern und Mitspielern ab. Als sich seine Teamkollegen auf den Weg Richtung Fankurve machten, wurde Álvarez von einem Staffmitglied abgefangen.
Daraufhin ging er allein vom Platz und verschwand im Kabinengang. Das Pfeifkonzert wurde dabei nochmals lauter. Ein aufgebrachter Fan warf ihm vor dem Spielertunnel seinen Schal vor die Füße.
Simeone erklärt Álvarez‘ Abgang
Hinterher erklärte Trainer Diego Simeone auf der Pressekonferenz: „Leute vom Verein haben mir gesagt, dass der Verein beschlossen hat, dass er sich nicht in die Nähe der Tribüne und der Fans begeben soll. Der Verein hat entschieden, ihn fernzuhalten und zu trennen, damit er in die Umkleidekabine geht.“
Er sei nicht hier, um Álvarez Ratschläge zu erteilen, führte der Coach weiter aus: „Ich muss mich auf meine Aufgabe konzentrieren, nämlich auf dem Platz mein Bestes zu geben. Wenn wir einen Titel gewinnen wollen, müssen wir als Team zusammenhalten, Stürmer haben – und zwar Stürmer auf Weltklasseniveau. Wir müssen alle gemeinsam daran arbeiten, was wir brauchen.“
Zudem bekräftige Simeone bei DAZN, dass er weiterhin mit Álvarez plane. „Wir spielen mit denen, die bei uns sind. Bis heute habe ich den Spielern vor dem Anpfiff gesagt: Solange die Spieler im Team sind, geben wir alles für diejenigen, die hier sind“, sagte er und betonte: „Wir brauchen Stürmer, gute Stürmer. Wir haben ihn, und wir müssen auf ihn aufpassen.“
Presse fordert Lösung: „Die Bombe tickt weiter“
Die Situation wird allerdings mehr und mehr zu einer Zerreißprobe für alle Beteiligten, wie die Geschehnisse am Sonntag rund um das Spiel gegen Villarreal veranschaulichten. Die Reaktionen der Sportpresse in Madrid waren entsprechend. „Die Bombe tickt weiter“, schrieb die As. Bei der Marca hieß es: „Der Fall Julián hat alles überschattet.“
Als klare Forderung formulierte das Blatt: „Es muss so schnell wie möglich eine Lösung gefunden werden. Jemand muss Julián dringend daran erinnern, welchen Schaden er seinen Fans zugefügt hat. Sonst scheint es unmöglich, dass sich diese Beziehung wieder normalisiert.“
Zur Erinnerung: Álvarez hatte während der WM selbst davon gesprochen, Atlético verlassen zu wollen. Es sei „das Beste für alle“, ihn gehen zu lassen, sagte der argentinische Nationalspieler. Als sein erklärtes Wunschziel gilt der FC Barcelona.
Doch das Werben der Katalanen hatte Atlético sogar Ende Juli laut Nachrichtenagentur AFP zu einer Beschwerde bei der FIFA veranlasst. Die Rojiblancos sahen demnach eine unzulässige Kontaktaufnahme mit dem Spieler: Barcelona habe versucht, Álvarez dazu zu bewegen, seinen Abschied zu erzwingen. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2030, die Ausstiegsklausel liegt bei 500 Millionen Euro.
Ex-Profi Canizares glaubt an eine Lösung
Und der Verein ist offenbar zu keinerlei Kompromissen bereit, wie es in den Berichten weiter heißt. Schließlich würde Álvarez mit seinem Wechsel zu Barca einen direkten Konkurrenten stärken, was Atlético tunlichst vermeiden will. „Aber kann das wirklich funktionieren, wenn der Starspieler nicht im Team sein will und die Fans gegen ihn sind?“, stellte die As die entscheidende Frage.
Santiago Canizares glaubt daran. „Die Situation ist ganz einfach. Spielt Julián gut, werden sich die Buhrufe in Applaus verwandeln. Spielt er schlecht, werden die Buhrufe lauter“, sagte der ehemalige Torhüter von Real Madrid bei El Partidazo de COPE.
Er habe schon große Spieler gesehen, „die sich in den Sommermonaten heftige Auseinandersetzungen mit dem Verein geliefert haben, die sich schon vor dem Absprung sahen und den Verein auf die Probe stellten, die der Verein dann doch gehalten hat und die anschließend wirklich hervorragende Spielzeiten hingelegt haben“, ergänzte der 56-Jährige.
„Auch wenn es seltsam klingen mag“, führe eine solche Situation „oft dazu, dass der Fußballer – wenn das überhaupt möglich ist – noch konzentrierter und engagierter ist, sich weniger ablenken lässt und noch aufmerksamer auf alles achtet, was jeden Tag und bei jedem Training wichtig ist, um in Form zu kommen“, argumentierte Canizares.
Ein alternativer Ausweg bietet sich Álvarez offenbar mit dem FC Arsenal. Der Premier-League-Champion soll den Argentinier seit Wochen auf dem Radar haben und Atlético – anders als im Fall von Barca – offen für einen Verkauf nach London sein. Berichten zufolge verlangt Arsenal jedoch die Zusicherung, dass Álvarez zu den Gunners wechseln will – und für den Angreifer kommt wohl nur der FC Barcelona in Frage.
Atlético-Spieler appellieren an Zusammenhalt
Derweil appellierten Álvarez‘ Teamkollegen bei Atlético im Anschluss an die Partie gegen Villarreal an den Zusammenhalt. „Julián ist Teil unserer Mannschaft, und solange er hier ist, werden wir ihn unterstützen. Wir wünschen ihm nur das Beste, denn wir wissen, was er leisten kann. Es ist eine Situation, die für niemanden angenehm ist. Hoffentlich klärt sich alles, und am Ende der Saison sind wir alle glücklich“, sagte Torhüter Jan Oblak bei DAZN.
Giuliano Simeone, Sohn des Cheftrainers, äußerte sich ähnlich: „Erstens: Gemeinsam sind wir immer stärker. Das hat uns schon immer ausgezeichnet und Atlético vom Rest unterschieden.“ Álvarez sei „einer von uns“, ergänzte er, „also werden wir auf dem Platz alles für ihn geben und gemeinsam kämpfen. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, denn sonst spaltet es uns, und das ist nicht gut.“
Weitere News
Das Theater der vergangenen Wochen hat bereits tiefe Gräben hinterlassen, das hat das Schauspiel am Sonntag verdeutlicht. Und im Moment erscheint es fraglich, ob die Seifenoper bei Atlético doch noch zu einem Happy End für alle Beteiligten führt.