Stefan Kießling: „Völliger Quatsch, das ging doch alles viel zu schnell“

Leverkusen-Coach erklärt kurioses Missverständnis
0:30

Leverkusen-Coach erklärt kurioses Missverständnis

Trotz der jüngsten Niederlage gegen die TSG Hoffenheim ist bei Bayer Leverkusen ein deutlicher Aufwärtstrend zu erkennen. Das liegt nicht zuletzt an Trainer Carles Martínez. SPORT1 hat mit Stefan Kießling über die Lage der Werkself gesprochen.

Stefan Kießling ist bei Bayer Leverkusen mittlerweile ein Urgestein. Von 2006 bis 2018 trug er als aktiver Spieler das Trikot der Werkself, ist zweitbester Torschütze der Klubgeschichte und heute Repräsentant des Vereins.

Im SPORT1-Interview spricht der 42-Jährige über den guten Saisonstart, den anfangs von einigen kritisch beäugten Trainer Carles Martínez, Patrik Schick, Ibrahim Maza und Pokal-Gegner Nürnberg.

SPORT1: Stefan Kießling, bevor wir zu Bayer Leverkusen kommen: Sie gehören seit der vergangenen Woche zu den Teilnehmern des neu gestarteten Player’s Pathway des DFB. Was verbirgt sich dahinter?

Stefan Kießling: Das Programm richtet sich an ehemalige Profis und soll ihnen den Weg in unterschiedliche Aufgabenbereiche des Fußballs erleichtern. Am Ende steht entweder eine Trainer- oder eine Management-Lizenz. Die Idee dahinter gefällt mir: Der DFB möchte Ex- Spieler im System halten. Wir hatten schon Präsenzphasen, in denen es darum ging, mehr über das Trainersein zu lernen. Das war super, man nimmt ja immer etwas mit. Irgendwann hieß es dann: Jetzt gibt’s die Möglichkeit, den B- und A-Schein zu machen. Ich hatte sofort Lust drauf. Also habe ich mich angemeldet.

SPORT1 hat mit Stefan Kießling gesprochen
SPORT1 hat mit Stefan Kießling gesprochenSPOR1 hat mit Stefan Kießling gesprochen© IMAGO/DeFodi Images

SPORT1: Leverkusens langjähriger Sportdirektor Rudi Völler hat Ihnen schon vor vielen Jahren zugetraut, Trainer zu werden. Können Sie sich vorstellen, irgendwann selbst im Profibereich an der Seitenlinie zu stehen?

Kießling: Rudi war tatsächlich einer der Ersten, die das gesagt haben. Ich sammle ja schon ein bisschen Erfahrung. Bei meinem Sohn war ich Co-Trainer in der Jugend. Bei meiner Tochter bin ich im zweiten Jahr als Cheftrainer dabei – wenn man das in dem Alter überhaupt so nennen darf. Und ich merke, dass mir das Spaß macht. Ob ich in drei oder vier Jahren bei einer Profimannschaft an der Seitenlinie stehe, kann ich heute nicht sagen. Dafür ist im Fußball einfach zu viel Bewegung. Aber ich beschäftige mich gerne mit dem Thema.

DEINE MEINUNG

SPORT1: Wenn Sie auf die anderen Teilnehmer des Lehrgangs schauen – unter anderem Nils Petersen, Lewis Holtby, Mark Uth, Philipp Max und Gonzalo Castro: Wem trauen Sie zu, eines Tages ein Team in der Bundesliga zu trainieren?

Kießling: Das ist schwer zu sagen. Man bekommt erste Eindrücke. Bei manchen denkt man: Das könnte ein Cheftrainer werden. Andere passen vielleicht besser in die Rolle des Co-Trainers oder schlagen später einen ganz anderen Weg ein. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. Was mich beeindruckt hat, war die Menge an Fußballwissen in diesem Raum. Wenn ehemalige Profis anfangen, über Fußball zu diskutieren, wird es schnell interessant. Der Austausch hat mir enorm viel gegeben.

Carles Martínez? „Im Umgang mit den Spielern macht er es klasse“

SPORT1: Ein Teil Ihrer Zeit fließt jetzt in den DFB-Lehrgang. Ein anderer Teil nach wie vor in Bayer Leverkusen. Sie kennen den Verein seit vielen Jahren und sind dort Klub-Repräsentant. Trotz des Rückschlags am Sonntag gegen Hoffenheim: Wie viel Spaß macht es zurzeit, die Mannschaft zu verfolgen?

Kießling: Zum Glück eine Menge. Wenn man sieht, wie sich die Mannschaft entwickelt hat, erkennt man wirklich schnelle Fortschritte. Den Meistertitel lassen wir jetzt einmal außen vor, der liegt mittlerweile etwas zurück. Im vergangenen Jahr war es schwieriger, richtig in die Saison zu finden. Da gab es einen Umbruch, und in diesem Jahr hatten wir wieder Veränderungen. Solche Prozesse brauchen immer Zeit. Gleichzeitig sehe ich gerade Stabilität, gute Abläufe und vor allem viele Torchancen. Das ist im Fußball nun mal die Grundlage für alles. Wenn du Chancen kreierst, macht Zuschauen auch Spaß.

SPORT1: Mit Carles Martínez ist ein neuer Trainer da. Nach einem turbulenten Saisonstart hat er die Mannschaft flott in die Spur manövriert. Wie hat er das geschafft? Und was zeichnet ihn aus? 

Kießling: Carles wirkt nach außen manchmal sehr lebhaft, aber er kann ein ausgesprochen ruhiger Mensch sein. Ich treffe ihn gelegentlich abseits des Rasens, da bekommt man einen kleinen Eindruck von ihm. Seine Arbeit im Training kann ich nicht im Detail beurteilen. Was ich allerdings wahrnehme: Speziell im Umgang mit den Spielern macht er es klasse. Er sucht immer die Nähe zu seiner Mannschaft, er fordert immer Disziplin und Einsatzbereitschaft ein. Carles hört zu, nimmt die Menschen ernst und begegnet seinem Trainerteam auf Augenhöhe. Das schafft innerhalb kurzer Zeit Vertrauen, was wichtig ist. Ich glaube, dass das alle spüren.

SPORT1: Dabei kam nach der Auftaktniederlage in Elversberg noch rasch Kritik an Martínez auf. In den sozialen Medien wurden sogar erste Vergleiche mit Erik ten Hag gezogen, der im Vorjahr nach dem zweiten Spieltag entlassen wurde.

Kießling: Völliger Quatsch, das ging doch alles viel zu schnell. Warum muss man direkt Vergleiche ziehen? Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Der Start war nicht optimal, keine Frage. Aber wir reden von einer Mannschaft im Umbruch. In Elversberg wurde die erste Halbzeit verschlafen, danach war die Reaktion mehr als ordentlich. Im Moment ist Leverkusen absolut im Soll. Vielleicht sogar ein Stück darüber. Ich tue mich generell schwer damit, wie schnell im Fußball heutzutage geurteilt wird – von Journalisten genauso wie von Fans und Zuschauern. Kaum läuft etwas nicht nach Plan, steht alles infrage. Lasst die Leute doch erst einmal arbeiten. Eine Mannschaft muss sich finden, Abläufe müssen sich einspielen.

Stefan Kießling: Schick ist „noch kompletter geworden“

SPORT1: Was hat Bayer in den Wochen nach dem Fehlstart denn konkret verbessert?

Kießling: Vor allem der Zug zum Tor. Mir fehlte anfangs ein wenig die Konsequenz im letzten Drittel. Du kannst den Ball ewig um den Strafraum laufen lassen. Das sieht manchmal schön aus, bringt aber wenig. Jetzt kommen mehr Flanken, mehr Läufe in die Box und mehr Präsenz im Sechzehner. So entstehen Chancen. Und wer mehr Chancen hat, schießt in der Regel auch mehr Tore.

SPORT1: Patrik Schick profitiert davon gerade besonders. Vielleicht erlebt Leverkusen gerade den besten Schick aller Zeiten.

Kießling: Patrik hatte auch schon in der Vergangenheit richtig tolle Phasen, in denen er getroffen hat, wie er wollte. Dann haben ihn Verletzungen zurückgeworfen. Im Moment ist er fit, hat seinen Körper gut im Griff und kann seine Qualitäten konstant auf den Platz bringen. Der große Unterschied ist für mich aber ein anderer. Er wirkt vollständiger. Er arbeitet mehr mit, gewinnt Kopfballduelle und legt dadurch viele Bälle ab, er macht sie fest und beteiligt sich intensiv am Gegenpressing. Dadurch ist er noch kompletter geworden.

SPORT1: Der letzte Leverkusener Torschützenkönig in der Bundesliga waren Sie in der Saison 2012/13. Ändert sich das mit Schick?

Kießling: (lacht) Dafür habe ich keine Glaskugel.

Bayer Leverkusen: Mannschaft ist „eine Einheit“

SPORT1: Ein anderer Spieler, der derzeit begeistert, ist Ibrahim Maza. Immer häufiger ist von „Florian-Wirtz-Vibes“ die Rede.

Kießling: Vergleiche wird es immer geben. Beide verfügen über außergewöhnliche Bewegungen und ganz viel Kreativität. Dennoch sollte man vorsichtig sein. Flo spielt jetzt in Liverpool und macht dort sein Ding. Für uns war er vorher enorm wichtig und ist ohne Frage einer der besten deutschen Fußballer. Jetzt haben wir mit Maza einen Spieler, der auf dieser Position und in unserem Spiel auch richtig viel bewegen kann. Er kreiert unglaublich viel, findet Lösungen auf engem Raum und gibt dem Team etwas Besonderes. Genau solche Fußballer machen den Unterschied, für solche Jungs kommen die Fans ins Stadion.

SPORT1: In der Rückrunde der vergangenen Saison wurde bei Bayer häufig über fehlende Führungsspieler und Geschlossenheit innerhalb des Teams gesprochen. Was hat sich in dieser Hinsicht verändert?

Kießling: Am Ende bleibt Fußball ein Mannschaftssport. Du kannst noch so viel individuelle Qualität besitzen. Wenn die Spieler nicht füreinander arbeiten, funktioniert es nicht. Wenn sich die Spieler gegenseitig unterstützen, füreinander einstehen und gemeinsam an einem Strang ziehen, dann funktioniert vieles schon deutlich besser. Der Eindruck ist, dass die Mannschaft eine Einheit ist und jeder seine Rolle akzeptiert. Das ist zumeist die Grundlage für erfolgreiche Phasen.

SPORT1: Nun wartet im DFB-Pokal der 1. FC Nürnberg. Ihr Ex-Verein, bei dem Sie zu Beginn Ihrer aktiven Karriere bis 2006 gespielt haben. Ist das für Sie noch eine besondere Partie?

Kießling: Natürlich verbindet mich viel mit Nürnberg. Es war eine wichtige Station meiner Karriere. Aber die Zeit liegt weit zurück. Ich lebe seit rund zwei Jahrzehnten im Rheinland, mein Lebensmittelpunkt ist hier. Deshalb verfolge ich Nürnberg heute eher wie viele andere Fußballfans auch. Bei solchen Begegnungen freut man sich vor allem darauf, bekannte Gesichter wiederzusehen.

Stefan Kießling (re.) hat einst beim 1. FC Nürnberg gespielt
Stefan Kießling (re.) hat einst beim 1. FC Nürnberg gespieltStefan Kießling (re.) hat einst beim 1. FC Nürnberg gespielt© IMAGO/ActionPictures

So denkt Kießling über seinen Ex-Verein Nürnberg

SPORT1: Wie bewerten Sie die Entwicklung des 1. FC Nürnberg unter Miroslav Klose? Trauen Sie dem Verein in dieser Saison den Aufstieg in die Bundesliga zu?

Kießling: Ich finde, dass sie dort aktuell hervorragende Arbeit leisten. Der Verein hat sich stabilisiert und arbeitet in vielen Bereichen sehr ordentlich. Die Saison ist allerdings noch lang. Verletzungen, wie jetzt die von Mohamed Alì Zoma, oder Formschwankungen können vieles verändern. Ich würde mich freuen, wenn Nürnberg wieder in der Bundesliga spielt. Warum nicht? Ich drücke ihnen die Daumen. Dort gehört dieser Traditionsverein für mich hin.

SPORT1: Leverkusen hat im DFB-Pokal eine besondere Bilanz: Seit 2018 ging es immer bis mindestens ins Halbfinale – oder es kam das Aus gegen einen unterklassigen Gegner. Wie groß ist die Gefahr, gegen Nürnberg zu scheitern?

Kießling: Der Pokal schreibt eben seine eigenen Geschichten. Du kannst mir dafür gerne das Phrasenschwein hinstellen, aber es stimmt nun einmal (lacht). Es gibt nur diese eine Partie. Ein Platzverweis, ein Standard, ein früher Rückstand, und plötzlich entwickelt sich alles in eine andere Richtung. Favoritenrollen helfen dir da oft wenig. Davor hat jeder Favorit Respekt.