Zur Wahrheit über Florian Wirtz gehört mehr als ein Aspekt

Was hat Klopp Ihnen mitgegeben, Herr Wirtz?
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Was hat Klopp Ihnen mitgegeben, Herr Wirtz?

Florian Wirtz sieht sich in England heftiger Kritik ausgesetzt. Doch warum kann der Offensivspieler in Liverpool nicht an seine Form aus der Bundesliga anknüpfen? England-Insider Joachim Hebel liefert Ansätze.

Als Schiedsrichter Christoph Cavanagh am Sonntag die Begegnung zwischen Liverpool und Manchester City abpfiff, ertönten Pfiffe von den Rängen des Anfield Stadium. 0:3 unterlagen die Reds dem Tabellenführer aus Manchester, der Liverpool – auch begünstig durch einen Platzverweis für die Gastgeber – im zweiten Durchgang die Grenzen aufzeigte.

Florian Wirtz erlebte den Schlusspfiff nicht mehr auf dem Spielfeld. Nach einer abermals unauffälligen und enttäuschenden Vorstellung hatte LFC-Coach Andoni Iraola Wirtz nach 66 Minuten vom Feld genommen. Für die Leistung des einstigen Leverkuseners hagelte es im Anschluss Kritik – mal wieder.

Florian Wirtz hat in England weiterhin einen schweren Stand
Florian Wirtz hat in England weiterhin einen schweren StandFlorian Wirtz hat in England weiterhin einen schweren Stand© IMAGO/Shutterstock

Harte Kritik an Wirtz? „Nicht immer gerechtfertigt“

Insbesondere die Worte von Klublegende Jamie Carragher schlugen hohe Wellen: „Dieser Transfer funktioniert nicht und hat bislang auch nicht funktioniert. Dass Wirtz jede Woche auf der Zehn spielt, muss aufhören. Liverpool hat ihm genügend Chancen gegeben. Er muss aus der Mannschaft genommen werden“, hatte der ehemalige Verteidiger bei Sky gepoltert. „Hat er bisher ein einziges Spiel dominiert? Er ist jetzt seit etwa 55 bis 60 Spielen hier und ich sehe immer noch keine Veränderung.“

Es ist die Frage, die sich seit Sommer 2025 vermutlich jeder Liverpool-Fan schon gestellt haben dürfte: Wo ist nur dieser Florian Wirtz, der mit Bayer Leverkusen die Meisterschafts-Serie des FC Bayern München hat reißen lassen und sich zu einem der gefragtesten Spieler der Welt entwickelt hat? „Die finale Lösung hat keiner“, sagt Joachim Hebel, TV-Kommentator und England-Insider, im Gespräch mit SPORT1.

Der 40-Jährige, der für Sky schon etliche Partien des LFC um Wirtz begleitet hat, will den Kritikern um Carragher und Co. aber nicht in allen Punkten zustimmen. „Das ist das Problem mit den Experten, dass die irgendetwas rausplaudern. Die wissen auch, dass sie Quote machen und polarisieren müssen, um sich nicht selbst ins Aus zu schießen. Was dort aber momentan abläuft, ist für mich ein Stück weit persönlich. Mir geht die Kritik viel zu weit. Das ist nicht immer gerechtfertigt.“

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Muss Wirtz aus der Mannschaft? „Das ist doch alles Quatsch“

Auch Hebel weiß, dass Wirtz schon bessere Spiele gezeigt hat. „Die Saison ist nicht gut. Auch die letzten zwei Spiele waren von ihm nicht gut.“ Was den TV-Kommentator hingegen stört: „Er bekommt es mehr ab als andere. Es ist nicht sexy, Dominik Szoboszlai oder Alexis Mac Allister zu kritisieren. Es gab auch mal eine Phase, da hat Alexander Isak die Kritik abbekommen und Wirtz nicht. Isak hat dann aber ein paar Mal getroffen, jetzt bekommt es Wirtz wieder ab. Bradley Barcola wird der nächste sein, der es abbekommt.”

Die Aussage Carraghers, Wirtz müsse zwingend aus der Mannschaft genommen werden, hält Hebel für unsinnig. „Er kriegt so viel ab, dass er das im Moment nicht wegstecken kann. Dass er ein guter Kicker ist, darüber müssen wir nicht diskutieren. Warum kann er es aber bei Liverpool nicht zeigen? Dass er jetzt unbedingt raus muss und zu schlecht für die Liga ist, das ist doch alles Quatsch!“

Welche Rolle die Ablösesumme möglicherweise spielt

Wirtz, der im Sommer für rund 125 Millionen Euro von Leverkusen nach Liverpool gewechselt ist, kommt in bislang 56 Pflichtspielen auf lediglich sieben Tore und elf Assists. Für seinen Auftritt am Sonntag gegen Manchester City erhielt der 23-Jährige durchweg unzufriedenstellende Betonungen seitens der Medien.

„Dass er momentan nicht gut spielt, ist klar. Dass er es besser kann, ist klar. Dass er aufgrund seiner hohen Ablösesumme mehr produzieren muss, ist auch klar. Es ist ein Problem, dass er an der Ablösesumme gemessen wird und an dem, was die Leute von ihm erwarten“, erläutert Hebel. „Man sieht ihm an, dass er sich ob des ganzen Drucks momentan nicht in Liverpool wohlfühlt, weil er es immer so abbekommt.”

Für Hebel ist klar, dass Wirtz derzeit keinen freien Kopf haben kann. „Man merkt, dass ihm etwas auf dem Fuß steht. Ich glaube, es ist der öffentliche Druck. Dass er im Moment zu viel nachdenkt […]. Wer behauptet, Florian Wirtz könne kein Fußball spielen, der macht sich lächerlich. Ich glaube, sein Formtief hat mentale Gründe. Er ist nicht in der Situation, das Beste aus sich rausholen zu können.”

Wirtz ist laufstärkster Spieler bei Liverpool

Sind es also nur mentale Blockaden, die Wirtz hemmen? Auch andere Aspekte gehören zur Wahrheit, warum der DFB-Star an der Anfield Road nicht zu seiner Topform findet. Hebel macht dabei die Art und Weise des Liverpooler Spielstils als Problem aus: „Er ist gut, wenn er den Ball über den Platz treiben kann. Das bekommt Liverpool zu selten hin. Wenn er es aber hinbekommt, wirkt er oftmals zu fahrig, ein wenig gehemmt. Liverpool kommt auch nicht ins Tempo, weil die Gegner wissen, was Iraola vorhat. Dann nimmt der Gegner ihnen das Tempo, sie stehen vor der Abwehr und in diesem Fall ist Wirtz eben nicht so gut.”

Gleichzeitig merkt er an, dass Wirtz nicht immer nur anhand seiner Scorerpunkte bewertet werden darf. Denn: Unter Iraola zählt der Deutsche zu den fleißigsten Spielern des Teams. Kein anderer Liverpool-Spieler hat in der laufenden Saison 2026/27 so viele Kilometer abgespult wie Wirtz (62,1 km).

„Gegen den Ball ist er einer der fleißigsten Spieler der Liga, wie er Zweikämpfe führt und die Bälle gewinnt. Er ist so viel am Laufen, er muss so viel auf dem Platz machen, dass er in den wichtigen Situationen vielleicht auch nicht mehr so scharf sein kann […]. Er ist immer unterwegs – nur er wird daran gemessen, dass Liverpool vorne nicht trifft“, urteilt Joachim Hebel.

Wirtz „ist davon abhängig, was die anderen machen“

Es wirkt manchmal, als wäre Wirtz alleine für das verantwortlich, was in der LFC-Offensive abläuft. Doch es sind auch oftmals die Teamkollegen des 23-Jährigen, die ihm einen Scorerpunkt verwehren. 60 Chancen hatte er in der vergangenen Saison für andere Mitspieler kreiert. „Wenn Wirtz Lösungen gefunden hat, war es oft auch so, dass seine Mitspieler den Ball nicht reingemacht haben. Er ist davon abhängig, was die anderen machen.”

Trotzdem steht Wirtz fast immer im Zentrum der Kritik. „Wenn Liverpool das Spiel nicht gewinnt, dann bekommt er es ab. Ob er etwas dafürkann oder nicht, ist egal. Er bekommt es immer ab und andere Spieler können machen, was sie wollen und werden weniger kritisiert. Das muss etwas mit der Ablösesumme zu tun haben“, ist sich Hebel sicher.

Mit neun Punkten aus sechs Liga-Auftritten hinkt Liverpool weit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück. Am Mittwoch gastiert der mehrmalige Premier-League-Meister in der Champions League beim Linzer ASK. Ob Wirtz dann, wie von Carragher erhofft, auf der Bank Platz nehmen wird, bleibt abzuwarten.