Timo Hildebrand: „Ich möchte damit eine Tür öffnen, für jedermann“
Warum Enkes Schicksal jetzt Inspiration für Hildebrand ist
Im SPORT1-Podcast Deep Dive gewährt Stuttgart-Legende Timo Hildebrand tiefe Einblicke hinter die Fassade seiner Profi-Karriere. Er spricht über familiäre und mentale Probleme - und offenbart, warum die Deutsche Meisterschaft 2007 so bedeutsam für ihn ist.
Bundesliga-Rekord, Deutsche Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart, Sommermärchen 2006: Auf den ersten Blick gleicht die Karriere von Timo Hildebrand dem Traum eines jeden Fußballenthusiasten. Doch hinter der schillernden Fassade, fernab des glanzvollen Fußballerlebens, versteckt sich ein Mensch mit einer verletzlichen Seite.
Bereits im frühen Alter hatte der Rekord-Torhüter mit Schicksalen zu kämpfen, die ihn bis heute prägen und vor mentale Herausforderungen gestellt haben. In einer sehr persönlichen Folge des SPORT1-Podcasts Deep Dive mit Host Lenny Peteanu spricht der 47-Jährige offen über mentale Probleme im Fußball, gewährt tiefe Einblicke – und verdeutlicht, wie wichtig Fußball als „Hafen“ für ihn war.
Timo Hildebrand offen: „Ich hatte jetzt keine Bilderbuchkindheit“
Aufgewachsen im ländlichen Hofheim in Hessen, konnte Hildebrand eine vermeintlich gut behütete Kindheit genießen. Werte wie Bodenständigkeit und die Begeisterung für Sport bekam er als kleiner Junge mit auf den Weg gegeben. Stundenlang verbrachte er mit seinem Patenonkel, damals sein Fußball-Trainer beim FV Hofheim, Zeit auf dem Bolzplatz im Dorf. Doch der Schein trügt, sagt Hildebrand. „Ich hatte jetzt keine Bilderbuchkindheit“, blickt der Ex-Profi in Deep Dive zurück. Was vielen nicht bewusst gewesen sei: „Mein Vater war Alkoholiker, es war nie einfach bei uns zuhause.“
Diese Erfahrungen haben bei Hildebrand mental merklich Spuren hinterlassen und auch seine Persönlichkeit beeinflusst. „Ich war nicht unbedingt der diplomatischste Typ, bin auch immer angeeckt“, erklärt der 47-Jährige: „Ich habe mich oft zurückgezogen“.
Er entwickelte Schutzmechanismen – gerade Themen wie Nähe und Loslassen seien ihm immer schwergefallen. Menschen aus seinem Umfeld hielt er lieber auf Distanz. Doch bei einer Sache geriet diese Welt für einen Moment in Vergessenheit: „Fußball war immer mein Hafen“, sagt der Ex-Profi, „da bin ich drin aufgegangen“.
Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart bleibt für immer in Erinnerung
Rückblickend wolle er seine Jugendzeit trotz allem nicht verteufeln. So sehr die Erkrankung des Vaters das Familienleben auf eine harte Probe gestellt und Hildebrands Mutter versucht habe, „den Laden zusammenzuhalten“, ein ganz spezielles gemeinsames Erfolgserlebnis habe die Familie für immer vereint: Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007.
Damals holten die Schwaben dank eines furiosen Endspurts im Meisterkampf den Titel. Vize-Kapitän Hildebrand stand zu dieser Zeit unter anderem mit Cacau, Thomas Hitzlsperger und Sami Khedira auf dem Platz. Am letzten Spieltag der Saison 2006/07 gelang unter Trainer Armin Veh gegen Energie Cottbus die Sensation.
Hildebrands Vater hatte den Triumph live auf der Tribüne im VfB-Trikot miterlebt. Dieses einmalige Erlebnis mit seiner Familie geteilt und gefeiert haben zu dürfen, „das macht einen stolz“, sagt Hildebrand.
Denn an dessen Erfolg habe auch sein Vater einen Anteil: „Klar war er jetzt nicht diese typische Vaterfigur, weil er selbst viele Themen hatte, aber er hat mich trotzdem immer unterstützt, hat mich immer zu Auswahltrainings gefahren. Er war schon immer da und hat sein Bestmögliches versucht – ich bin ihm auf jeden Fall dankbar dafür.“
Dass ihm mit Stuttgart die Meisterschaft gelingen würde, wollte Hildebrand im Frühjahr 2005 noch niemand glauben. „Ich weiß noch, ich habe zwei Jahre vorher, bei meiner komischen Vertragsverlängerung gesagt: ‚Hey ich möchte Meister werden.‘ Und dann haben mich alle ausgelacht.“ Doch Hildebrand, der 2003 den Rekord für die meisten Bundesliga-Minuten am Stück ohne Gegentor (884) aufstellte, sollte Recht behalten.
Depression gleich „Todesurteil“?
2013 musste sich die VfB-Legende von seinem Vater verabschieden. Im Alter von 63 Jahren verstarb er an den Folgen einer Krebserkrankung. Hildebrand hielt seinen psychischen Problemen aber stand, lernte mit den Schattenseiten seiner Kindheit und den mentalen Tiefphasen umzugehen.
Vor allem in späteren Jahren habe Hildebrand das Erlebte mithilfe von Therapien und Coachings aufgearbeitet: „Früher wäre es, ich will nicht sagen: ein Todesurteil gewesen. Aber du musstest halt deinen Mann stehen.“
Was für dramatische Folgen unterdrückte psychische Probleme haben können, hat der Suizid von Hildebrands Torwart-Kollegen Robert Enke im Jahr 2009 verdeutlicht. Es war ein Tod, der die Fußballwelt schockte. Nach einer jahrelangen Depression nahm sich der Torhüter im Alter von nur 32 Jahren das Leben.
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Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
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Robert Enke – ein Leben, auf dem dunkle Schatten lagen
„Man kennt ihn, man hat mit ihm zusammen trainiert und man fragt sich, was ist da passiert“, erinnert sich Hildebrand: „Am Ende ist es extrem schlimm und schade, wenn jemand so eine Entscheidung für sich selbst trifft.“
Aufgrund der Sorge, dass eine Bekanntmachung der Depression seine sportliche Karriere negativ beeinflussen könnte, hatte der Nationalspieler seine Krankheit vor der Öffentlichkeit und dem Fußballgeschäft weitgehend geheim gehalten.
„Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt“
Auch wenn sich der Umgang mit dem Thema mentale Gesundheit und die Kommunikation zwischen Trainern und Spielern laut Hildebrand verbessert hätten, würden viele Menschen mentale Probleme und den öffentlichen Umgang damit auch heutzutage noch als Schwäche betrachten.
Hildebrands Ansicht zufolge ist es nach wie vor Teil einer „Vorreiterrolle, zu sagen: ‚Hey, egal in welchem Alter, welche Position, jeder hat irgendwelche Kämpfe zu kämpfen – ob es jetzt im Job ist, Familie oder whatever.‘ Deswegen möchte ich eine Tür öffnen für jedermann, zu sagen: Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt.“
Indem Hildebrand seine Lebensgeschichte öffentlich teilt, möchte er Menschen in ähnlichen Situationen Mut und Hoffnung schenken, nach vorne zu schauen. Seine größte Motivation sei dabei, „dass jeder heutzutage offen darüber reden kann, ohne stigmatisiert zu werden.“ Denn seine Erfahrungen zeigen, dass psychische Probleme auch vor Spitzensportlern nicht Halt machen.