Der Fluch von Joshua Kimmich
Kimmich? "Dann verstehe ich die Welt nicht mehr"
Joshua Kimmich steht immer wieder in der Kritik – trotz zahlreicher Erfolge und prominenter Rückendeckung. Selbst namhafte Experten sind sich uneins. Warum kommt der DFB-Kapitän einfach nicht aus der Schusslinie?
Es war eine fast rührende Szene, die sich am Samstagabend nach dem 6:1 der Bayern gegen Leipzig in der Münchner Arena abspielte: Lothar Matthäus lobte Joshua Kimmich am Sky-Tisch in den höchsten Tönen und erklärte ihn zum Leader – das Ganze in Anwesenheit des DFB-Kapitäns, der sich anschließend artig bedankte. „Das weiß ich sehr zu schätzen, wirklich. Dankeschön!“, meinte Kimmich.
Dem 31-Jährigen war dabei regelrecht anzusehen, wie gut ihm diese Worte nach all den Diskussionen um seine Person taten. Die Botschaft der Szene war klar: Der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft steht hinter dem aktuellen Amtsinhaber. Mehr geht nicht.
Doch typisch für Kimmichs Situation: Rund 24 Stunden später bestimmten andere Aussagen die Schlagzeilen. „Drei Trainer mit herausragenden Fähigkeiten haben ihn alle rechts hinten hingestellt. Und jetzt will mir einer sagen, dass er Weltklasse in der Mitte ist“, wetterte Didi Hamann bei Sky und spielte darauf an, dass Kimmich auf der Sechserposition kein Spielentscheider sei: „Für mich steht außer Frage: Wenn wir morgen EM-Finale spielen, dass Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha in der Mitte beginnen.“ Ein medialer Nackenschlag für den Bayern-Star – zum wiederholten Mal.
Das Sinnbild einer gescheiterten DFB-Generation?
Es ist mal wieder so weit. Kimmich muss sich rechtfertigen. Trotz zahlreicher Titel mit dem FC Bayern. Trotz seiner unbestrittenen Stellung beim deutschen Rekordmeister. Der Grund: Kimmich steht wie kaum ein anderer für jene DFB-Generation, die drei Weltmeisterschaften enttäuschend beendete.
Obendrein befeuerte Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp die Diskussion zumindest unfreiwillig, als er in den Länderspielen gegen Serbien und Griechenland auf seinen Spielführer verzichtete – auch wenn der Coach die Maßnahme ausdrücklich nicht als Misstrauensvotum verstanden wissen wollte.
Die Debatte bleibt trotzdem. Sie kehrt mit schöner Regelmäßigkeit zurück. Es ist Kimmichs ewiger Kampf und er selbst dürfte sich mittlerweile die Frage stellen: Hört das denn nie auf? Was mache ich falsch? Hat es mittlerweile persönliche Gründe?
„Er macht gar nichts falsch. Meine Experten-Kollegen haben eben eine andere Meinung über ihn. Aber ich bewerte das, was ich auf dem Platz sehe. Das hat nichts mit Sympathie oder Antipathie zu tun. Ich beurteile das Sportliche“, erklärte Lothar Matthäus am Montag bei einem Termin eines Wettanbieters am SPORT1-Mikro.
Kimmich landete immer wieder rechts hinten
Für den Rekordnationalspieler ist klar: Kimmich verfügt über Führungsqualitäten, die er auf der Rechtsverteidigerposition allerdings nicht im selben Maße einbringen kann wie im Mittelfeld. Eine Kritik, die sich auch gegen Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann richtet. Stichwort: Rechtsverteidigerposition. Sie verfolgt den Bayern-Star bereits seit vielen Jahren und bietet seinen Kritikern immer wieder neue Angriffsflächen.
Denn tatsächlich gilt: Joachim Löw, Hansi Flick, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann – alle Trainer stellten Kimmich irgendwann auf die rechte Seite. Nach Philipp Lahms Rücktritt 2017 wurde er beim FC Bayern ohnehin zum Stamm-Rechtsverteidiger – obwohl er seine Zukunft immer auch im Zentrum sah.
Bereits bei der EM 2021 hatte der damals 26-Jährige beklagt, dass er in der Mitte mehr Einfluss nehmen könne. Dauerhaft geändert hat das nichts. Kimmich machte seine Präferenz zwar öffentlich, akzeptierte aber immer wieder die Entscheidungen seiner Trainer. Und so wurde aus seiner Vielseitigkeit über die Jahre beinahe ein Fluch.
Wird Kimmichs größte Stärke zum Problem?
Vor der WM in diesem Jahr erklärte Kimmich in einem augenzwinkernden Promo-Clip des DFB ausgerechnet die Rechtsverteidigerposition zu seiner Lieblingsposition. War das nur ein Scherz? Oder auch der Versuch, der ewigen Diskussion um seinen Platz auf dem Spielfeld endlich den Wind aus den Segeln zu nehmen? War Kimmich womöglich jahrelang zu bereitwillig, wenn es darum ging, die eigenen Vorlieben den Bedürfnissen der Mannschaft unterzuordnen?
„Da sieht man, dass er ein Teamplayer ist und nicht an sich denkt, sondern an die Mannschaft. Aber natürlich wäre es besser gewesen, wenn er von Anfang an gesagt hätte: ‚Hört zu, ich spiele hier (in der Mitte) Weltklasse. Ich bin hier wichtig und fühle mich hier auch wohler’“, sagt Matthäus zu SPORT1.
Um glücklich zu sein, müsse Kimmich in die Mitte. Dort bestimme er den Rhythmus und übernehme Verantwortung: „Wenn ich einen Führungsspieler brauche und wenige habe, dann kann ich Kimmich nicht rauslassen.“
Ob Matthäus‘ leidenschaftlicher Kampf ausreicht, um Kimmich aus der Schusslinie zu bringen, bleibt fraglich. Vielleicht ist das größte Problem des 31-Jährigen ausgerechnet eine seiner größten Stärken: seine Vielseitigkeit. Sie macht ihn für Trainer so wertvoll – und bietet seinen Kritikern seit Jahren immer wieder neue Angriffsflächen.