Neurologe erklärt Musiala-Diagnose
So trug sich der erneute Musiala-Schreck zu
Prof. Dr. med. Andreas Schulze-Bonhage ist Leiter des Epilepsiezentrums der Uniklinik Freiburg. Im Gespräch mit SPORT1 ordnet der Neurologe den Fall Jamal Musiala aus medizinischer Sicht ein.
Jamal Musiala sorgte zuletzt für Momente, die „auf den ersten Blick scary wirken – für mich sind sie aber aktuell Teil meines Alltags“, wie der Offensiv-Star des FC Bayern am Dienstag in einem Instagram-Statement schrieb.
Nachdem der 23-Jährige in zwei Testspielen offensichtlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, erklärte er nun, dass bei ihm „temporär kurz auftretende, aber gut behandelbare Absencen festgestellt“ wurden. Diese seien „auf eine neurologische Dysfunktion zurückzuführen“.
Worum genau handelt es sich dabei? Im Gespräch mit SPORT1 ordnet Prof. Dr. med. Andreas Schulze-Bonhage, Leiter des Epilepsiezentrums der Uniklinik Freiburg, den Fall aus medizinischer Sicht ein. Der Neurologe spricht auch darüber, was eine solche Diagnose für eine Karriere als Profifußballer bedeutet.
SPORT1: Herr Professor Schulze-Bonhage, Jamal Musiala leidet unter „Absencen“, die auf „eine neurologische Dysfunktion“ zurückzuführen seien. Das klingt erstmal beunruhigend – aber was heißt das aus medizinischer Sicht genau?
Prof. Dr. med. Andreas Schulze-Bonhage: Absencen sind eine Form epileptischer Anfälle. Umgangssprachlich wird „Absence“ für kurze Episoden verwendet, während derer man kurz abwesend ist – das heißt, man kann nicht normal reagieren und das Bewusstsein ist gestört. In der medizinischen Fachterminologie verwendet man „Absencen“ im engeren Sinne für eine ganz spezifische Anfallsform bei sogenannten generalisierten Epilepsien. Dabei ist für wenige Sekunden, oft sogar ganz unmerklich, manchmal aber auch für drei, fünf, zehn oder 20 Sekunden das Bewusstsein gestört.
SPORT1: Mit welchen Folgen?
Schulze-Bonhage: Es führt in der Regel dazu, dass jemand in einer bestimmten Position verharrt oder aber auch bestimmte Bewegungen noch ein paar Sekunden fortsetzen kann. Dies führt in der Regel nicht zu einem Sturz, sondern, wenn man steht, zu einem Stehenbleiben. Nach dieser kurzen Absence ist derjenige sofort wieder ganz normal orientiert und kann seine Handlungen fortsetzen. Ganz oft wird das gar nicht bemerkt – etwa kann es ein kurzes Stocken im Gespräch sein, das oft übersehen wird. Wenn man sich bewegt – wie beim Fußball –, dann kann es sein, dass man einen Moment verharrt, bevor man sich dann wieder bewegt. Das wäre die klassische Absence.
Neurologe erklärt Musiala-Diagnose: „Absencen treten nicht erstmals im Alter von 23 Jahren auf“
SPORT1: Wie beurteilen Sie die Situation bei Musiala?
Schulze-Bonhage: Ich bin nicht ganz überzeugt, dass es sich wirklich um eine Absence im engeren medizinischen Sinne handelt. Eigentlich aus drei Gründen: Das eine ist, dass bei diesen Anfällen die Dauer des Anfalls länger war. Absencen sind selten eine Minute lang, wie es im Video zu sein schien. Dann treten Absencen auch nicht erstmals im Alter von 23 Jahren auf. Nun wissen wir natürlich nicht, ob Herr Musiala früher schon Absencen gehabt hat, die so gut behandelt wurden, dass er damit keine Probleme hatte. Absencen im engeren medizinischen Sinne manifestieren sich normalerweise im Kindesalter und nicht als Erst-Manifestation nach 20 Jahren. Der dritte Grund, weshalb es sich vielleicht nicht um eine Absence im engeren Sinne handelt, ist, dass er auch noch etwas benommen war, als er vom Platz geführt wurde. Es ist typisch für die Absence, dass man sofort nach diesem Anfall wieder ganz reorientiert ist und einfach seine Dinge weitermachen kann. Typischer wäre, dass man vier, fünf Sekunden stehen bleibt und dann aber weiterspielen kann.
SPORT1: Welche Formen der Erkrankung gibt es noch?
Schulze-Bonhage: Es gibt andere epileptische Anfälle, die im Volksmund auch als Absencen gekennzeichnet werden. Da kommt es auch zu einer kurzen Bewusstseinsstörung, die aber länger dauert und bei der es danach typischerweise zu einer gewissen Phase der Reorientierung kommt. Das sind nach der genaueren medizinischen Klassifikation Bewusstseinsstörungen aufgrund eines fokalen epileptischen Anfalls. Das heißt, dass nicht wie bei einem generalisierten Anfall das ganze Gehirn kurzzeitig in seiner Funktion gestört ist, sondern nur ein kleines Areal im Gehirn nicht normal funktioniert. Dies kann auch zu einer Bewusstseinsstörung, zu einem Verharren und dann zu einer Phase der Reorientierung führen.
So werden Absencen diagnostiziert
SPORT1: Das ist in Bezug auf Musiala natürlich ein sehr sensibles und persönliches Thema, bei dem wir hier auch keine Ferndiagnostik betreiben wollen.
Schulze-Bonhage: Genau. Dazu müsste man bestimmte Befunde kennen. Im EEG (Elektroenzephalogramm, Anm. d. Red.), also der Hirnstromkurve, kann man die Epilepsieformen sehr genau unterscheiden und mit Sicherheit sagen, ob es sich hier um Absencen oder um absenceartige Anfälle, die eigentlich nicht die klassischen Absencen sind, handelt.
SPORT1: Sie haben vorhin erwähnt, dass solche Absencen schon im Kindheitsalter auftreten können. Ist die Erkrankung erblich bedingt oder kann das auch später durch andere Ereignisse hervorgerufen werden?
Schulze-Bonhage: Die Absencen im engeren Sinne, die typischerweise im Kindesalter auftreten, sind tatsächlich eine Form von Epilepsien, die wir genetisch nennen, also im weitesten Sinne vererbt. Sie sind aber nicht vererbt mit einem klassischen Erbgang, sondern in Form einer genetischen Prädisposition – das heißt, es gibt multiple Gene, die hier zusammenspielen und dann die Wahrscheinlichkeit innerhalb einer Familie erhöhen. Wenn zum Beispiel die Eltern eine Absence-Epilepsie hatten, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch ein Kind betroffen ist, nur bei acht Prozent. Interessant daran ist, dass diese Epilepsien oft altersgebunden auftreten. Die häufigste Absence-Epilepsie ist die des Kindesalters, die tritt meistens im Alter von vier bis acht Jahren auf und heilt wieder aus. Wenn man sie behandelt hat, kann man zum Beispiel nach zwei Jahren die Behandlung wieder beenden. Aber auch wenn man sie nicht behandelt, heilt sie in den meisten Fällen wieder aus, etwa wenn man zehn Jahre alt wird.
SPORT1: Wie ist das bei anderen Formen?
Schulze-Bonhage: Es gibt eine etwas spätere Form, die sogenannte juvenile Absence-Epilepsie, die man typischerweise zwischen acht und 15 Jahren bekommt. Die hält leider oft an, sodass man eine sehr lange Behandlung braucht, manchmal lebenslang.
„Man hat sehr gute Medikamente“
SPORT1: Wie sieht die Behandlung bei einer solchen Erkrankung aus und wie ist das mit Leistungssport – im konkreten Fall von Musiala mit Profifußball – in Einklang zu bringen?
Schulze-Bonhage: Man hat sehr gute Medikamente zur Behandlung von Absencen und auch von fokalen Anfällen, somit unabhängig davon, welche Epilepsieform jetzt wirklich bei ihm vorliegt. Bei Absence-Epilepsien erreicht man in 85 Prozent der Fälle mit diesen Medikamenten eine vollständige Anfallskontrolle. Das ist eine exzellente Chance, dass man unter Medikation solche Anfälle dann gar nicht mehr hat. Wenn es sich um eine fokale Epilepsie handeln würde, wäre die Chance etwas geringer, aber sie läge immer noch bei knapp 70 Prozent. Beides wird behandelt, indem man eine Dauervorsorge medikamentös durchführt.
SPORT1: Hat das Auswirkungen auf den Alltag?
Schulze-Bonhage: Bei Epilepsien ist es ganz typisch, dass man außerhalb der kurzen Phasen dieser epileptischen Anfälle ganz normal leistungsfähig ist. Das heißt, man kann seinen Beruf ausüben, sei es ein anspruchsvoller Beruf im Wirtschaftsmanagement bis hin zum Leistungssport. Das schließt auch eine Fußballerkarriere ein – der berühmte Fußballer Ronaldo aus Brasilien leidet auch unter einer Form von Epilepsie. Ungeachtet dessen (Ronaldo brach vor dem WM-Finale 1998 zusammen, Anm. d. Red.) wurde er einer der größten Fußballspieler der Gegenwart. Eine Epilepsie ist somit kein Ausschlussgrund, auch erfolgreich als Fußballer arbeiten zu können.
Experte sieht keine Gefahr für Musialas Karriere
SPORT1: Musiala selbst schrieb, dass es sein „persönlicher Wunsch“ gewesen sei, sich „mit der Freigabe der neurologischen Fachärzte“ weiter seiner Passion Fußball zu widmen und ihm dies auch bei seiner Genesung helfe. Es scheint dann vor allem eine Frage der richtigen Medikation zu sein, dass er eine normale Fußballkarriere führen kann.
Schulze-Bonhage: Wie bei vielen Epilepsie-Patienten ist es heutzutage mit guten Medikamenten, die auch gut vertragen werden, möglich, die Anfälle komplett zu kontrollieren und damit ein ganz normales Leben zu ermöglichen. Daher wünschen wir Herrn Musiala wie allen unseren Epilepsie-Patienten, dass das auch in seinem Fall gut gelingt.
SPORT1: Entscheidet dann Musiala letztlich selbst, ob er spielt? Der Verein hat in Person von Uli Hoeneß den Austausch mit Spezialisten versichert.
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Schulze-Bonhage: Sport kann man ausüben, da gibt es keine Einschränkungen, bis auf besonders gefährliche Sportarten wie Fallschirmspringen oder auch Schwimmen, bei denen man vorsichtig sein muss. Aber Fußballspielen kann man ganz sicher, es gibt keine medizinischen Gründe, das nicht zu tun. Wenn der Verein das mitträgt – und so sieht es offenbar aus –, dann ist das eine ideale Konstellation.