„Spielwitz, der selten zu finden ist“
Nach geplatztem El-Mala-Transfer: BVB findet Alternative
Ex-Bundesliga-Stürmer Ioannis Amanatidis erklärt im SPORT1-Interview, worauf sich der BVB mit Neuzugang Giannis Konstantelias freuen darf.
Borussia Dortmund setzt auf griechischen Spielwitz: Mit Giannis Konstantelias holt der BVB einen der spannendsten Fußballer seines Landes – und einen Spieler, den Ioannis Amanatidis schon kannte, als dessen Karriere noch ganz am Anfang stand. (Supercup: Borussia Dortmund – FC Bayern am Samstag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER)
Der frühere griechische Nationalspieler ist mit beiden Fußballwelten bestens bewandert: In der Bundesliga stürmte Amanatidis unter anderem für den VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt, später arbeitete er als Co-Trainer bei PAOK Saloniki.
Im exklusiven SPORT1-Interview erklärt der 44-Jährige, was Konstantelias so besonders macht, wo er beim BVB noch Probleme bekommen könnte und warum er für ihn „ein Spieler ist, wegen dem die Leute ins Stadion gehen“. Außerdem spricht Amanatidis über eine neue Generation des griechischen Fußballs um Konstantelias und einen weiteren BVB-Neuzugang, Konstantinos Karetsas, die international für Furore sorgen könnte.
SPORT1: Herr Amanatidis, was machen Sie gerade?
Ioannis Amanatidis: Nach dem Sommer ist es gut möglich, dass ich wieder zum griechischen Fußballverband zurückkehre, für den ich bereits gearbeitet habe.
SPORT1: Sie kennen den Spieler bereits aus Ihrer Zeit bei PAOK Saloniki: Borussia Dortmund holt mit Giannis Konstantelias eines der größten Talente des griechischen Fußballs. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von diesem Transfer gehört haben?
Amanatidis: Das hat mich natürlich gefreut, wie bei anderen Landsleuten auch, die in der Bundesliga tätig sind. Man merkt die steigende Qualität im griechischen Fußball. Und Dortmund ist bekannt für sein Scouting, junge Spieler zu holen, sie zu entwickeln und sie später mit einem satten Gewinn weiterzuverkaufen. Giannis hat einen Spielwitz, der selten zu finden ist. Er ist kreativ und immer für eine Überraschung gut. Das Einzige, woran er sich meines Erachtens gewöhnen muss, ist sicherlich die Umstellung und die Intensität.
SPORT1: Sie waren 2020/21 Co-Trainer bei PAOK, Konstantelias spielte damals noch in der U19. Haben Sie ihn zu dieser Zeit bereits im Training der Profis erlebt?
Amanatidis: Ja, ich habe ihn damals schon wahrgenommen. Er war natürlich noch sehr jung. Er hat bei der U19 gespielt und wir haben ihn oft hochgezogen, genauso wie Koulierakis. Man merkte damals schon, dass der Junge besondere Fähigkeiten hat. Vor allem der Umgang mit dem Ball, Eins-gegen-eins-Situationen, Überzahl schaffen. Typischer Straßenfußballer eben. Das fällt einem Trainer natürlich auf.
Amanatidis: „Talent allein reicht nicht“
SPORT1: Gab es schon damals diesen Gedanken: Der Junge kann einmal etwas Besonderes werden?
Amanatidis: Man hat schon gesehen, dass da sehr viel Talent vorhanden ist. Aber ich bin bei jungen Spielern immer ein bisschen vorsichtig. Wie viele große Talente gab es schon, von denen man später nichts mehr gehört hat? Talent allein reicht eben nicht. Bei Giannis war aber diese Leichtigkeit im Spiel auffällig. Es gibt Spieler, denen musst du Lösungen zeigen. Und dann gibt es Spieler, die sehen selbst Dinge auf dem Platz, die andere vielleicht gar nicht sehen. Das hat er.
SPORT1: Für viele deutsche Fans ist Konstantelias noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Was für einen Fußballer bekommt der BVB?
Amanatidis: Vor allem einen sehr kreativen Fußballer. Technisch ist er richtig gut, gerade auf engem Raum, in Eins-gegen-eins-Situationen. Er kann mit einer Aktion eine Situation verändern und ist nicht leicht auszurechnen. Als Gegenspieler weißt du bei ihm nicht immer: Geht er jetzt ins Dribbling, spielt er den Ball oder macht er noch einen Haken? Dieses Unberechenbare zeichnet ihn aus.
SPORT1: Was ist seine außergewöhnlichste Fähigkeit?
Amanatidis: Ich würde sagen, diese Mischung aus Technik und Spielwitz. Es gibt viele Spieler, die technisch gut sind. Aber du musst auch wissen, wann du etwas machst. Giannis kann mit einer Bewegung einen Gegenspieler stehen lassen und plötzlich ist eine ganz andere Situation da. Er macht Sachen, die du einem Spieler nicht unbedingt beibringen kannst. Und ganz einfach gesagt: Er ist ein Spieler, wegen dem die Leute ins Stadion gehen.
Konstantelias? „Fehler werden sofort bestraft“
SPORT1: Die Bundesliga ist allerdings deutlich schneller und körperlicher als die griechische Liga.
Amanatidis: Natürlich kann das am Anfang ein Problem werden. Zu sagen, er kommt aus Griechenland und macht hier einfach so weiter, wäre Quatsch. In der Bundesliga hast du weniger Zeit. Die Gegner sind schneller da, es wird körperlicher gespielt und Fehler werden sofort bestraft. Daran muss er sich gewöhnen. Aber wenn du technisch so gut bist wie er, hast du natürlich Voraussetzungen, die dir dabei helfen. Entscheidend wird sein, wie schnell er sich an dieses Tempo und die Intensität gewöhnt.
SPORT1: Wo muss er sich noch verbessern?
Amanatidis: Er muss vielleicht auch lernen, dass du nicht jede Situation schön lösen kannst und musst. Manchmal musst du den einfachen Ball spielen, manchmal musst du auch einfach mal dagegenhalten. Gerade das Spiel gegen den Ball und die Intensität werden in Deutschland sehr wichtig sein. Da wird man sehen müssen, wie schnell er das annimmt. Wenn er das schafft, kann er noch mal einen großen Schritt machen.
SPORT1: Dortmund investiert sehr viel Geld in ihn. Ist Konstantelias schon ein Spieler dieser Preisklasse?
Amanatidis: Das ist im heutigen Fußball schwer zu beantworten. Was sind 20, 25 oder 30 Millionen heute noch wert? Dortmund bezahlt ja nicht nur für den Spieler, der er jetzt ist, sondern auch für das, was aus ihm noch werden kann. Man darf jetzt nur nicht den Fehler machen und erwarten, dass er vom ersten Spiel an alles entscheidet. Er wird Zeit brauchen. Aber Dortmund sieht offensichtlich etwas in ihm – und das kann ich voll bestätigen.
SPORT1: Bei aller Begeisterung: Was macht Sie bei Konstantelias noch skeptisch? Wo sehen Sie das größte Risiko, dass der Schritt nach Dortmund nicht funktioniert?
Amanatidis: Das größte Fragezeichen ist für mich die Umstellung und die Intensität. In Griechenland kennt er alles: den Verein, die Liga, die Mitspieler, das Umfeld, den Fußball. Jetzt kommt er in ein anderes Land, eine andere Liga und zu einem Klub, bei dem der Druck sehr groß ist. Damit musst du erst einmal klarkommen. Fußballerisch brauchen wir nicht zu reden. Da hat er mehr als das Zeug dazu. Aber wie schnell er sich an all diese Dinge gewöhnt, kann vorher niemand wissen.
SPORT1: Um seinen Abschied soll es bei PAOK große Emotionen gegeben haben. Warum bedeutet dieser Spieler den Fans so viel?
Amanatidis: Weil er eben einer von ihnen ist. Er kommt aus dem eigenen Verein, die Leute haben gesehen, wie er sich entwickelt hat. Er war die Identifikationsfigur des Vereins. PAOK ist sowieso ein sehr emotionaler Verein. Die Menschen leben diesen Klub. Und wenn dann so ein Junge aus den eigenen Reihen geht, tut das den Fans natürlich weh.
„Jetzt bekommt er die Chance, die er sich verdient hat“
SPORT1: Trotzdem halten Sie den Schritt nach Dortmund für richtig.
Amanatidis: Ich denke schon. Irgendwann musst du diesen Schritt machen, wenn du wissen willst, wie weit du kommen kannst. In Griechenland hat er gezeigt, was er kann. Er hätte dort sicherlich noch viele Jahre eine wichtige Rolle spielen können. Aber wenn du dich mit Spielern auf einem anderen Niveau messen willst, musst du irgendwann raus. Und jetzt bekommt er diese Chance, die er sich verdient hat.
SPORT1: Sie haben selbst viele Jahre in Deutschland gespielt. Was würden Sie ihm für seine ersten Monate mitgeben?
Amanatidis: Ich würde ihm sagen: Mach dich nicht verrückt. Versuch nicht plötzlich, ein anderer Spieler zu werden. Er ist wegen seiner Art, Fußball zu spielen, dort hingekommen. Das darf er nicht verlieren. Aber er muss auch offen sein, Dinge anzunehmen und sich schnell an die Umgebung und die Intensität zu gewöhnen. Da musst du jeden Tag arbeiten. Dass mit Karetsas ein weiterer Grieche im Team ist und die beiden sich aus der Nationalmannschaft kennen, wird ihm sicherlich auch helfen.
SPORT1: In Dortmund wird ein teurer Neuzugang allerdings schnell kritisch beobachtet.
Amanatidis: Druck kennt er auch von PAOK. Glauben Sie mir, in Saloniki kann es sehr ungemütlich werden, wenn es nicht läuft. Aber Dortmund ist natürlich noch mal eine andere Nummer, weil viel mehr Leute hinschauen. Wenn er zwei gute Spiele macht, heißt es vielleicht sofort: Was für ein Transfer! Und wenn er zwei schlechte macht, fragen die Leute: Warum haben die so viel Geld bezahlt? So ist das Geschäft. Deshalb wäre es wichtig, dass man ihm auch mal ein schlechtes Spiel zugesteht.
„Es ist gut um den griechischen Fußball bestellt“
SPORT1: Mit Konstantelias und Konstantinos Karetsas setzt Dortmund gleich auf zwei junge Griechen. Ist das Zufall – oder erleben wir gerade den Beginn einer neuen starken Generation im griechischen Fußball?
Amanatidis: Die griechischen Klubs haben vermehrt gemerkt, dass sie bei der Jugendarbeit und beim Scouting meilenweit hinterherhinken. In den vergangenen Jahren hat man aber gemerkt, dass da Bewegung reingekommen ist. Nicht zuletzt gab es auch Erfolge in der Youth League, die Olympiakos 2024 gewonnen hat. Und das macht sich seit geraumer Zeit bemerkbar. Konstantelias, Tsimas, Kostoulas – um nur einige zu nennen. Karetsas ist in Belgien groß geworden, aber durch unser Scouting-System in der Nationalmannschaft haben wir ihn für Griechenland gewinnen können. Weitere werden folgen. Ich sage es mal kurz: Es ist gut um den griechischen Fußball bestellt in den nächsten Jahren.
SPORT1: Wie hoch ist seine Decke? Kann Konstantelias irgendwann bei einem europäischen Spitzenklub landen?
Amanatidis: Dortmund ist ein europäischer Spitzenklub. Da muss er sich erst einmal durchsetzen und seinen Stempel aufdrücken, ähnlich wie bei PAOK. Und das wird schwer genug. Über alles andere brauchen wir nicht zu reden. Potenzial ist im Fußball ein Versprechen, keine Garantie. Jetzt kommt wahrscheinlich der schwierigste Schritt seiner bisherigen Karriere. Man darf nicht vergessen, dass es eine große Umstellung für ihn und seine Familie ist. Und er ist erst 23 Jahre alt.
SPORT1: Zum Schluss eine Prognose: Worüber sprechen wir in zwei oder drei Jahren, wenn der Name Konstantelias fällt?
Amanatidis: Ich hoffe natürlich, dass wir dann sagen: Der Junge hat sich in Dortmund durchgesetzt und der BVB hat damals vieles richtig gemacht. Das Zeug dazu hat er. Aber jetzt muss er es nur noch zeigen. Auch außerhalb Griechenlands. Und genau darauf bin ich selbst gespannt.