Dieser Ikone erging es wie Musiala

So trug sich der erneute Musiala-Schreck zu

So trug sich der erneute Musiala-Schreck zu

Der an Absencen leidende Jamal Musiala durchlebt herausfordernde Zeiten. Das weckt Erinnerungen an ein berühmtes Beispiel aus den 90ern.

Mit seinen Zusammenbrüchen in den Vorbereitungsspielen gegen RB Leipzig (3:1) und den 1. FC Heidenheim (4:2) schockte Jamal Musiala Fußball-Deutschland. Inzwischen ist bekannt, dass der Bayern-Star an temporären neurologischen Absencen, einer Form von epileptischen Anfällen, leidet. Wenngleich laut Ansicht der Ärzte einer Karriere als Profifußballer weiterhin möglich ist, steht der Bayern-Star vor einer persönlich herausfordernden Zeit.

Was dem 23-Jährigen Hoffnung machen darf: Der legendäre brasilianische WM-Held Ronaldo hat trotz einer – gemäß medizinischer Definition – epileptischer Erkrankung eine Weltkarriere hingelegt.

Ronaldo verlor das WM-Finale 1998 nach einem Zusammenbruch im Hotelzimmer
Ronaldo verlor das WM-Finale 1998 nach einem Zusammenbruch im HotelzimmerRonaldo verlor das WM-Finale 1998 nach einem Zusammenbruch im Hotelzimmer© IMAGO/Pro Shots

Doch was war geschehen? Im Sommer 1998 befand sich Ronaldo als aktueller Ballon d’Or-Sieger eigentlich auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Bei der WM in Frankreich hatte er die Selecao mit vier Toren und drei Assists ins Finale geschossen, ehe er ausgerechnet am 12. Juli, dem Tag des Finals, einen Anfall erlitt, der noch heute für Rätsel sorgt.

„Ich ging ins Badezimmer, rasierte mir den Kopf, duschte und legte mich hin. Danach erinnere ich mich nicht mehr. Etwa drei Minuten später kam ich wieder zu Bewusstsein. Sie sagten mir, ich hätte einen Anfall von 30, 40 Sekunden gehabt“, erklärte er im Rahmen der Sendung „De cara com o cara“ auf dem YouTube-Kanal Romário TV.

Untersuchung ohne Ergebnis: Ronaldo pocht auf Final-Einsatz

Nach dem Vorfall im Mannschaftshotel wurde Ronaldo von den Ärzten zunächst für spielunfähig erklärt, jedoch wollte der Angreifer das nicht hinnehmen, woraufhin in der Klinik von Paris genaue Untersuchungen durchgeführt wurden. „Alles war in Ordnung, als wäre nichts geschehen. Kein Problem. Ich hatte zwar überall Schmerzen und verspürte Muskelkater, der aber nachließ. Ich machte mir keine Sorgen wegen eines Risikos, ich wollte spielen und gewinnen“, führte er aus.

Der eigentlich schon vom Mannschaftsbogen gestrichene Ronaldo soll kreidebleich in der Kabine erschienen sein und von Mannschaftsarzt Dr. Lidio Toledo grünes Licht erhalten haben. „Wenn dem Jungen etwas passiert, bringe ich dich eigenhändig um“, soll Zico, der als Koordinator der Selecao angehörte, dem Mediziner gedroht haben. Trainer Mario Zagallo entschied sich für einen Einsatz Ronaldos, jedoch wirkte dieser wie ein Schatten seiner selbst und ging bei der 0:3-Finalpleite gegen Frankreich mit seinen Kollegen unter.

Ronaldo fühlt sich für verlorenes Finale mitverantwortlich

Kein Wunder, dass der mysteriöse Vorfall und das verlorene Endspiel den Stürmer noch lange beschäftigen sollten.

„Ich glaube, ich war in diesem Moment sehr mutig, nachdem ich einen Krampfanfall gehabt hatte, und ich dachte nur daran, der Mannschaft und meinen Mitspielern helfen zu wollen – schließlich war es das WM-Finale. Ich habe mich vergewissert, dass meine Gesundheit nicht gefährdet war, und bin wieder aufs Spielfeld gegangen“, erzählte Ronaldo im Podcast „Denilson Show“.

Eine Entscheidung, die Ronaldo so nicht noch mal getroffen hätte. „Ich trage meinen Teil der Schuld, ja, und höchstwahrscheinlich werde ich das für immer mit mir herumtragen, und wir werden nie erfahren, wie es gewesen wäre, wenn das nicht passiert wäre. Ich glaube, wir wären konkurrenzfähiger gewesen, denn unsere zweite Halbzeit war gut“, machte er sich für die Niederlage mitverantwortlich. „Ich schaue mir dieses Spiel ständig an. Das war der Wahnsinn. Ich habe mir das Spiel schon etwa 30 Mal angesehen.“

In den brasilianischen Medien wurde jedoch weniger Ronaldo oder Zagallo in die Verantwortung genommen, sondern vielmehr Ausrüster Nike, der laut BBC-Angaben rund 116 Millionen Euro in die Scelcao investiert haben soll und einen Einzelvertrag mit Ronaldo hatte. Der Vorwurf: Nike habe Ronaldo und Zagallo zu einem Einsatz gedrängt. Der Sportartikelhersteller dementierte die Anschuldigungen klar und deutlich.

Ronaldo durchlebt vor der WM 2002 schwere Jahre

Für Ronaldo war der Vorfall in Paris der Startpunkt einer ganz schweren Episode. Zwar blieb der heute 49-Jährige von weiteren Anfällen offenbar verschont, jedoch sorgten unter anderem zwei Knie-Operationen dafür, dass Ronaldo in den vier Jahren bis zur WM 2002 nur 52 Pflichtspiele bestreiten konnte.

Doch beim Turnier in Japan stieg der Torjäger wie der Phönix aus der Asche auf. Ronaldo erzielte acht Turniertore und zerstörte Deutschlands Titelträume mit einem Doppelpack im Finale. „Der Lieblingssohn der Fußballwelt ist zurückgekehrt“, titelte die englische Presse nach der Wiederauferstehung von Ronaldo.

„Ich widme die Tore meiner Familie und meinem Arzt, der mir über die schwere Zeit hinweggeholfen hat. Ich hätte nicht in meinen kühnsten Träumen gedacht, dass es solch einen Tag geben würde“, zeigte sich Ronaldo emotional. Nach der WM wechselte er von Inter Mailand zu Real Madrid, wurde Teil der „Galaktischen“ und erhielt zum zweiten Mal in seiner Karriere den Ballon d’or. Mit 104 Treffern in 177 Spielen erwischte er auf Vereinsebene seine zweite Blütezeit nach den glorreichen Jahren bei Barca und Inter.

Ronaldo hat gezeigt, dass schwere Verletzungen und ein schockierender Zusammenbruch nicht das Ende einer großen Laufbahn sein müssen. Bei Ronaldo wurde zwar nie eine Epilepsie-Diagnose bestätigt, der Freiburger Neurologe Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage ordnete den Vorfall im SPORT1-Interview aber als „eine Form von Epilepsie“ ein und betonte, dass eine solche Erkrankung grundsätzlich „kein Ausschlussgrund für eine Karriere als Profifußballer“ sei.

Während das Ronaldo-Mysterium nie ganz geklärt wurde, scheint bei Musiala immerhin eine klare Diagnose vorzuliegen.