Der große Verlierer
Alvarez? Hier wird Simeone zum Philosoph
Der Transfer von Julián Álvarez zum FC Barcelona ist nach monatelangem Zoff endgültig gescheitert. Was bedeutet das für den Mann, der Atlético Madrid unbedingt verlassen wollte?
Es war die Transfer-Saga des Sommers – mit einem hässlichen Ende. Julián Álvarez liebäugelte mehrere Monate mit einem Wechsel zum FC Barcelona, doch Atlético Madrid wollte seinen Superstar nicht ziehen lassen. Hinzu kam ein öffentlicher Schlagabtausch zwischen beiden Klubs, der auch an Álvarez zu nagen schien.
Aber hier endet die Geschichte nicht. Denn wie es mit dem 26-Jährigen nun weitergehen soll, ist ungewiss. Und nach seinen ersten Auftritten stellt sich vor allem die Frage: Wie soll das zerrüttete Verhältnis zu den Fans wieder repariert werden?
Zuletzt wurde Álvarez, der im Champions-League-Spiel beim FC Liverpool in der Startelf steht und direkt eine Zaubervorlage zur Führung lieferte (JETZT im LIVETICKER), bei seiner Einwechslung gegen Athletic Bilbao von den Fanlagern beider Teams ausgepfiffen. Zwischenzeitlich hatte Álvarez gar nicht erst im Kader gestanden. Schon beim ersten Auftritt im Metrolpolitano nach der Seifenoper war der Weltmeister von 2022 Ende August bei jeder Aktion vehement ausgepfiffen worden. Die Buhrufe schallten schon bei der Erwähnung seines Namens über die Stadion-Lautsprecher durch die Arena.
Wie Álvarez seinen Wechsel zum FC Barcelona forcieren wollte
Nach dem Spiel schickte ihn der Verein lieber direkt in die Kabine, statt mit den Teamkollegen vor die Kurve zu gehen – aus Sorge vor einer weiteren Eskalation. Auf dem Weg in die Kabine warf ihm ein Fan noch wütend einen Schal vor die Füße. Dabei war der Stürmer war in der Vorsaison noch ein Fanliebling gewesen. Wie konnte es nun so weit kommen?
„Ich denke, das Beste für alle ist ein Transfer. Ich will mir meinen Traum erfüllen“, sagte er, angesprochen auf das Interesse anderer Klubs.
Atlético macht sich über Barca lustig
Das erklärte Ziel: Zum Meister nach Barcelona zu wechseln. Als Erstes machte jedoch Real Madrid ein Angebot über 150 Millionen Euro – Gerüchten zufolge aber nur, um den Preis für den Erzrivalen hochzutreiben.
Die Antwort der Atlético-Offiziellen in Richtung Katalonien hatte es in sich: Barca sei ein „unehrlicher Verein“, der hinter dem Rücken der Rojiblancos mit einem unter Vertrag stehenden Spieler verhandelt, zitierte die AS zitierte eine anonyme Atlético-Quelle, die über Álvarez zudem verkündete: „Er wird nicht nach Barcelona wechseln. Entweder zahlen sie die Ausstiegsklausel in Höhe von 500 Millionen Euro oder es kommt zu keinem Transfer.“
Atlético reichte sogar bei der FIFA sowie beim spanischen Fußballverband RFEF eine Beschwerde wegen unzulässiger Kontaktaufnahme ein und machte sich bei Social Media über die Katalanen lustig, indem humoristische Posts über einen fiktiven Transfer von Lamine Yamal nach Madrid abgesetzt wurden.
Álvarez wurde in der Öffentlichkeit währenddessen immer mehr zum Buhmann.
Álvarez darf doch gehen – aber nicht zu Barca
Dann die Wende: Atlético sei plötzlich doch bereit, den Star-Angreifer abzugeben, vermeldete Mundo Deportivo Mitte August – nur eben nicht an Barca! Der FC Arsenal soll auch angeklopft haben. Das einzige Problem: Der 26-Jährige lehnte offenbar jegliches Angebot der Gunners ab. Verein und Spieler hatten sich also endgültig in eine Sackgasse manövriert.
Zwischen den Stühlen saß Coach Diego Simeone. „Er ist unser bester Offensivspieler. Wir müssen versuchen, eine Mannschaft um ihn herum aufzubauen“, gab sich der eigentlich als Heißsporn bekannte Trainer regelrecht diplomatisch: „Wenn der Klubbesitzer so klar spricht, gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Es ist wie vor Gericht. Das ist eine Einstellung des Verfahrens.“
Allerdings war der Schaden offenbar schon angerichtet. LaLiga-Korrespondent Phil Kitromilides berichtete bei CBS Sports Golazo von einem Bruch innerhalb Atlétis: „Die Mannschaft ist sehr enttäuscht von ihm. Diego Simeone kann ihn nicht einmal ansehen. Diego Simeone ist absolut wütend auf Julián Álvarez.“
Der 26-Jährige soll sogar Mitspieler wie Koke, Jan Oblak und José Giménez um Hilfe gebeten haben, um bei den Bossen doch noch ein Umdenken zu erreichen.
Die Marca warnte unterdessen, dass „Julian dringend daran erinnert werden muss, welchen Schaden er seinen Fans zugefügt hat. Sonst scheint es unmöglich, dass sich diese Beziehung wieder normalisiert“. Bei der AS hieß es: „Die Bombe tickt weiter.“ Am Ende ging sie hoch – auch ein letzter Vorstoß von Flicks Barca scheiterte, Álvarez musste bleiben.
Atlético-Geschäftsführer Miguel Ángel Gil schimpfte noch einmal auf die Katalanen und erklärte: „Tatsächlich empört uns das noch mehr: Die Falschheit, der Mangel an Ethik, Transparenz und Professionalität widern uns an.“
Gesundheitliche Probleme bei Álvarez
Das ganze Drama ist offenbar auch an Álvarez nicht spurlos vorbeigegangen. Nach dem Spiel gegen Villarreal Ende August fehlte der Stürmer im Mannschaftstraining. Laut des spanischen Radiosenders COPE hatte Álvarez einen medizinischen Bericht eingereicht mit der Diagnose einer depressiven Episode.
Atlético-Boss Gil bestätigte gegenüber Movistar, dass es dem Superstar „wirklich schlecht“ gehe. „Er ist sehr verwirrt und durchlebt gerade eine sehr schwierige Situation, sowohl privat als auch beruflich“, betonte der Boss der Colchoneros.
Im Auswärtsspiel gegen Bilbao kehrte er immerhin zurück in den Kader, hatte nach seiner Einwechslung zumindest einen Torabschluss. Die Herzen der Fans hat er aber noch lange nicht zurückerobert – und auch sportlich könnte Álvarez Probleme bekommen.
Denn im Endspurt des Transferfensters holte Atlético noch Angreifer Jonathan David per Leihe von Juventus Turin. Mindestens eine Lebensversicherung für die Rojiblancos, sollte Álvarez überhaupt nicht mehr in die Spur kommen – aber womöglich auch schon der Mann, der ihn ersetzen wird.
Auch Barcelona versorgte sich anderweitig auf dem Transfermarkt, holte für die vakante Stürmerposition Gabriel Jesus vom FC Arsenal. Álvarez hat sich offenkundig verzockt.
Gibt es einen Weg zurück für Álvarez? Griezmann als Vorbild
Kann es für ihn jetzt bei Átletico einen Weg zurück geben? Die spanische Torhüter-Legende Santiago Cañizares glaubt zumindest an die Chance – auch wenn das Eis für Álvarez sehr dünn geworden ist: „Die Situation ist ganz einfach. Spielt Julián gut, werden sich die Buhrufe in Applaus verwandeln. Spielt er schlecht, werden die Buhrufe lauter.“
Hoffnung könnte Álvarez ein vergleichbarer Fall geben: Vereinsikone Antoine Griezmann brach einst ebenfalls die Herzen der Átleti-Fans, als er 2019 für 120 Millionen ebenfalls zum FC Barcelona ging.
Nach zwei durchwachsenen Jahren bei den Katalanen kam „Griezou“ zu seinem Herzensverein zurück. Nach einem unterkühlten Restart verziehen die Anhänger ihrem verlorenen Sohn aber, und als Griezmann im vergangenen Sommer endgültig ging, flossen nicht nur beim Franzosen die Tränen.
Allerdings gibt es zwischen beiden Fällen einen womöglich entscheidenden Unterschied. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Griezmann öffentlich so offen über seinen Wechselwunsch gesprochen hätte. Sie warteten einfach ab, bis alles endgültig geklärt war, bevor sie sich öffentlich dazu äußerten“, erklärte Jorge Ordas, Fußball-Experte bei Eurosport Spanien.
Der Weltmeister von 2018 habe außerdem „bereits wichtige Kapitel in der Geschichte von Atlético geschrieben“, bevor er nach Barcelona weiterzog. Zwei Champions League Finals und ein Europa League Sieg standen ihm zu Buche.
Der Weg für Álvarez scheint also um einiges länger, als er für den Franzosen war.