Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass Charles Leclerc für Ferrari das Heimrennen in Monza 2019 gewann – und damit quasi über Nacht zum großen Hoffnungsträger und Heilsbringer der Mythosmarke aus Maranello aufstieg.

Wenn der Formel-1-Tross kommendes Wochenende in Monza anrückt, wird das eine sehr ferne Erinnerung sein.

Die einstige Aufbruchstimmung des italienischen Teams und der italienischen Fans ist längst verflogen, einer echten Titelchance jagt der Monegasse mit der Scudera vergeblich hinterher, die Kombination Leclerc und Ferrari bleibt ein dauerhaftes Versprechen für die Zukunft.

Der letzte Sieg liegt mehr als ein Jahr zurück, in der Gegenwart sieht die Realität meist ernüchternd aus.

Leclerc erlebt rabenschwarzes Wochenende

Ganz besonders deutlich wurde das am Wochenende in Zandvoort: Crash im Qualifying, Kollision und vorzeitiges Aus im Rennen – dazu die schwache Pace am ganzen Wochenende.

„Mir kommt vor, er fährt sehr lustlos“, wundert sich Ex-Rennfahrer und Experte Mathias Lauda bei ServusTV über Leclercs Auftritt. „Etwa als Russell ihn überholt hat: Normalerweise lässt man sich nicht so leicht überraschen in Kurven, wo man nur schwer überholen kann. Auch gegen Bottas hat er sich danach kaum zur Wehr gesetzt und die Rundenzeiten sagen ebenfalls aus, dass da irgendwas nicht okay ist.“

Die Vermutungen des Österreichers bestätigen sich: Leclerc, der im Rennen am Sonntag immer weiter im Feld zurückgereicht wird, gibt nach 42 Runden schließlich auf. Die Begründung liefert Ferrari-Teamchef Fred Vasseur wenig später höchstpersönlich: „Beim Kontakt mit Piastri am Start ist Charles‘ Frontflügel kaputtgegangen und scheinbar sind Teile unters Auto, wodurch auch der Unterboden beschädigt wurde“, verrät der Franzose.

Auch Leclerc erklärt seine schwache Performance und die vorzeitige Aufgabe damit: „Es war das Resultat von der Berührung mit Oscar. Aber es war sehr seltsam, denn eigentlich war die wirklich leicht, aber offensichtlich wurde ein für die Aerodynamik wichtiges Teil beschädigt.“

Stimmung bei Ferrari im Keller

Allein: Schon Leclercs ungewöhnlicher Abflug im Qualifying, der ihn nicht über Startplatz neun hinauskommen lässt, verwundert die Experten. „Warum passiert das einem Top-Fahrer?“, stellt etwa Ex-Weltmeister Damon Hill eine provokante Frage in den Raum. In Zandvoort präsentiert sich Leclerc ziemlich von der Rolle, bereits in den Trainings wirkt der einstige Wunderknabe eher blass, schaffte es schon am Freitag in keiner Session in die Top-10.

Eine mögliche Erklärung: Leclerc ging bereits angeschlagen ins Wochenende. Der Monegasse laboriert an einer Ohrenentzündung aus der Sommerpause, auf ärztlichen Rat hin verzichtete er deshalb auf die Flugreise nach Zandvoort und fuhr den ganzen Weg hoch bis an die Nordsee mit dem Auto. Darauf angesprochen, winkt Teamchef Vasseur aber ab. Leclerc sei fit gewesen, sonst wäre er nicht gefahren, so der Tenor aus dem Ferrari-Lager.

Dass die Stimmung bei den Roten vor dem Heimspiel nicht besonders gut ist, daraus macht aber auch Leclerc selbst keinen Hehl: „Es ist eine schwierige Situation. Ich glaube, niemand bei Ferrari ist im Moment glücklich über diese Ergebnisse und darüber, dass wir uns so schwertun. Aber wir tun alles, um das so schnell wie möglich wieder umzudrehen“, erklärt der 25-Jährige.

„Nur Krümel und Peinlichkeiten“

Für das Heimspiel in Monza sind die Erwartungen der Tifosi angesichts solcher Aussagen aber gedämpft. „Von der Presse kriegt Ferrari jetzt sicher wieder eine drüber, ihre Performance dieses Wochenende war nirgendwo“, urteilte Experte Damon Hill und behielt Recht: „Ein Rennen, dass Ferrari nur Krümel und Peinlichkeiten bringt“, ätzte etwa der Corriere della Sera.

Hill ergänzte: „Die Fahrer konnten das Auto in Kurve eins nicht mal richtig abbremsen, sie beschweren sich über inkonstantes Verhalten und im Rennen ist auch nicht viel vorangegangen. Das ist wirklich nicht gut vor deinem Heimrennen.“

Einzig der fünfte Platz von Carlos Sainz ist am Sonntag ein kleiner Lichtblick für die Roten, doch selbst der Spanier warnt: „Wir haben heute und das ganze Wochenende über mit Autos gekämpft, die schneller waren als wir. So gesehen bin ich mit Rang fünf sehr zufrieden, weil unsere Pace dieses Wochenende nicht mal in der Nähe davon war. Mit dem Resultat bin ich also glücklich, aber natürlich nicht damit, wie schwer es für uns da draußen war.“

Sainz macht den Fans wenig Hoffnung auf eine schnelle Kehrtwende: „Wir beginnen zwar zu verstehen, was das Problem ist. Es gibt jetzt aber sehr wenig Spielraum, das zu ändern. Das Auto ist gebaut und die Entwicklung ziemlich fertig. Wir müssen es also für nächstes Jahr angehen.“

Kein Wunder, dass auch Leclerc bei dieser Aussicht die Lust vergeht …