Fast 200 Punkte Rückstand auf Mercedes in der Teamwertung sprechen eine deutliche Sprache. Die erste Saisonhälfte hätte für Red Bull nicht viel schlechter laufen können.
Aber auch wenn der Titel wohl bereits weg ist, hisst Red Bull keineswegs die weiße Flagge. Die jüngsten Fortschritte machen Mut, dass man Mercedes nach der Sommerpause häufiger in Bedrängnis bringen kann als zuvor.
Ricciardo dominiert Teamduell
Noch erstaunlicher als der Rückstand von Red Bull auf Mercedes ist allerdings die Tatsache, dass Vettel seinem Teamkollegen Daniel Ricciardo bisher klar unterlegen ist.
Während der Australier bereits zwei Saisonsiege und drei weitere Podestplätze auf dem Konto hat, sieht die Bilanz bei Vettel mit zwei Podiumsplatzierungen eher mau aus. Auf einen Sieg wartet der viermalige Weltmeister sogar seit dem Saisonfinale in Brasilien im vergangenen Jahr.
Zudem zieht Vettel, der sich mit 45 Poles innerhalb weniger Jahre an Position drei der ewigen Bestenliste katapultierte, gegen Ricciardo auch in den Qualifyings meist den Kürzeren. Im direkten Vergleich führt der Australier 7:4.
Vettel wie eine „Ballerina“
Doch Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist überzeugt, dass sich das nun ändert. Vettel fuhr früher teilweise wie „eine Ballerina, ist zwischen Gas und Bremspedal hin und her getanzt und hat teilweise auch beide gleichzeitig betätigt“, sagte Horner zu „Auto Bild Motorsport“.
Das funktionierte mit dem RB10 zu Saisonbeginn jedoch nicht mehr. Nun hat Red Bull das System aber stärker an Vettels Fahrstil angepasst. „Dadurch hat Seb wieder mehr Gefühl für das Auto, und das sieht man an den Rundenzeiten.“
Dass Horner damit nicht ganz Unrecht haben könnte, sah man in Budapest. Dort fuhr Vettel für alle überraschend in die erste Startreihe. Mit einem Fahrfehler im Rennen machte sich Vettel alles wieder zunichte. Sein Teamkollege Ricciardo begeisterte dagegen mit tollen Überholmanövern und holte sich seinen zweiten Saisonsieg.
Mit Mercedes-Motor Nummer eins
Bei aller Kritik an Vettels Leistungen darf aber auch nicht vergessen werden, dass er den Red Bull in Spielberg, Monte Carlo und Melbourne bereits nach wenigen Rennrunden wegen technischen Defekts abstellen mussten. Wertvolle Runden, die besonders schmerzen, wenn man noch dabei ist, sich an sein Auto anzupassen.
Für die Verantwortlichen bei Red Bull gibt es sowieso nur einen Schuldigen an der Krise: Motorenlieferant Renault. Ihre Überzeugung ist, dass man mit dem Mercedes-Motor sofort wieder die Nummer eins wäre.
Da dieser Fall in naher Zukunft jedoch nicht eintreten wird, muss Red Bull auch in der zweiten Saisonhälfte mit deutlich weniger Power gegen die Silberpfeile antreten. Trotz zahlreicher Updates soll der Mercedes-Motor immer noch geschätzte 65 PS mehr leisten als das Renault-Aggregat.
Ricciardo warnt Teamkollege Vettel
Hoffnung für alle Vettel-Fans macht, dass Red Bull oft erst nach der Sommerpause aufgedreht hatte. Im Vorjahr fuhr Sebastian Vettel in der zweiten Saisonhälfte die Konkurrenz in Grund und Boden und gewann alle neun ausstehenden Rennen.
2012 lag Vettel zur Sommerpause sogar 44 Punkte hinter Fernando Alonso. Das Ende ist bekannt: In Brasilien sicherte sich der Heppenheimer seinen dritten Weltmeistertitel.
Doch nicht nur Vettel und Red Bull sind Spezialisten der zweiten Saisonhälfte. „Seit ich in der Formel 1 bin, läuft das zweite Halbjahr besser als die erste Hälfte. Wir werden auf jeden Fall versuchen, noch ein paar weitere Siege einzufahren“, sagte Ricciardo im Interview mit „CNN“.
„Ballerina“ Vettel sollte also möglichst schnell das Tanzen wieder lernen, wenn er nicht weiterhin nur den Heckflügel von Ricciardo sehen will.