Im größten Moment konnte sich Dan O’Brien kaum freuen. Er streckte kurz die Arme in die Höhe, sank dann aber wieder auf die Knie. Danach flossen die Tränen schon.

Die Familie wartete bereits auf den Helden, der dann natürlich mit der USA-Flagge ausgestattet wurde. In diesem Moment am 1. August wurde der US-Amerikaner zum König der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta und beendete bei seinem Heimspiel eine lange Durststrecke seines Landes.

Denn seit Bruce Jenner – heute: Caitlyn Jenner – 1976 die Goldmedaille im Zehnkampf gewann, gab es für das stolze Land der unbegrenzten Möglichkeiten 20 Jahre lang keinen Sieger mehr in der Königsdisziplin der Leichtathletik.

O‘Brien besiegte in Atlanta einen deutschen Überraschungsmann – und ein persönliches Trauma.

Dan O‘Brien löste Idol Thompson ab

Dan O‘Brien, Sohn einer Finnin und eines Amerikaners, als Kind von einem strenggläubigen Ehepaar in Oregon adoptiert, hätte eigentlich schon vier Jahre zuvor ein Star der Spiele in Barcelona werden sollen.

Als amtierender Weltmeister – 1991 in Tokio siegte der damals 25-Jährige vor dem zweimaligen Olympiasieger Daley Thompson aus England – war O‘Brien der natürliche Olympia-Favorit.

Sponsor Reebok hatte den Modellathleten schon als Werbegesicht für das Großereignis ausgemacht, es gab die große Kampagne „Dan & Dave“ um O‘Brien und seinen US-Rivalen Dave Johnson. Die beiden würden den Sieg in Barcelona unter sich ausmachen, so die allgemeine Annahme – ehe dann passierte, was niemand erwartet hatte.

Stabhochsprung-Desaster kostete ihn Olympia 1992

O‘Brien schaffte er bei den Trials die Qualifikation für Barcelona nicht -drei Fehlversuche bei der Einstiegshöhe im Stabhochsprung kosteten ihn alles. Er musste zuschauen, wie der Tscheche Robert Zmelik an seiner Stelle Gold holte (Johnson wurde Dritter).

Wenige Wochen nach dem schweren Rückschlag meldete sich O’Brien zurück, stellte in Talence einen neuen Weltrekord auf, der mehr als sechs Jahre hielt.

1993 in Stuttgart und 1995 in Göteborg folgten zwei weitere WM-Titel – und schließlich die Gold-Mission in Atlanta – mit einem unerwarteten Hauptkonkurrenten aus Recklinghausen.

Frank Busemann, die deutsche Überraschung

Der 21 Jahre junge Frank Busemann, Auszubildender bei der Sparkasse und in seinem erst fünften Zehnkampf überhaupt auf einmal in der Weltklasse, war im Centennial Stadion unvermutet der stärkste Herausforderer O‘Briens – nachdem es zuvor zu einer kuriosen Begegnung gekommen war.

„Who is Busman?“, fragte O’Brien vor dem ersten Wettkampf im Athletenzelt. „Ich reagierte nicht, da ich dachte, er suchte den Busfahrer. Der Kanadier Mike Smith klärte auf und zeigte auf mich. O’Brien begrüßte mich mit einem Handschlag und erzählte, dass er von meinen Hürdenrekorden gelesen hatte und mir für den nun bevorstehenden Wettkampf viel Erfolg wünsche. Ich fühlte mich total geschmeichelt“, schrieb Busemann in einem Beitrag für den DLV.

Dan O'Brien (r.) setzte sich gegen Frank Busemann durch
Dan O'Brien (r.) setzte sich gegen Frank Busemann durchDan O'Brien (r.) setzte sich gegen Frank Busemann durch

Der drahtige Deutsche lag in Atlanta zwischenzeitlich auf Platz 1, nachdem er in Disziplin 2 – dem Weitsprung – mit 8,07 Metern alle überragte.

O‘Brien erwies sich dann im weiteren Verlauf dann aber erwartungsgemäß als der kompletteste Starter, auch die Angstdisziplin Stabhochsprung meisterte er diesmal. Mit 8824 Punkten (Busemann: 8706) schuf O‘Brien am Ende klare Verhältnisse.

O’Brien hatte ein Problem mit dem Alkohol

O‘Brien krönte mit dem Triumph von Atlanta eine große Karriere – in der es trotz der sportlichen Höhepunkte persönliche Tiefs gab.

Der selbstbewusste Zehnkampf-Dominator hatte Alkoholprobleme. Immer wieder rettete ihn sein Coach Mike Keller nach teilweise monatelangen Phasen des übermäßigen Konsums. Keller fühlte sich dann wie ein „hilfloser Feuerwehrmann“, wie er später schilderte.

Mit dem Gold-Gewinn 1996 hatte O‘Brien den Zenit seines Schaffens erreicht, er feierte keine großen Siege mehr – Verletzungen stoppten seine Versuche, 2000 und 2004 nochmal bei Olympia mitzumischen.

Dan O'Brien bei einem Interview mit Kyle Garland
Dan O'Brien bei einem Interview mit Kyle GarlandDan O'Brien bei einem Interview mit Kyle Garland

Am 8. Juli 2004 trat O’Brien zurück. Heute betreibt er ein Fitnessstudio nahe seiner Wahlheimat Phoenix und ist im US-TV als Experte aktiv.