„Der Mann des Wunders“, wie ihn die Sportzeitung Marca taufte, stand am Rande des Siegerpodests und blickte wie ein stolzer Vater zu seinen Jungs, die die silberne Copa del Rey in den Nachthimmel von Sevilla reckten. Mit Real Sociedad erreichte Pellegrino Matarazzo am Samstagabend das, was ihm in seiner Trainerkarriere bislang verwehrt geblieben war: seinen ersten großen Titel.
„Das ist das Werk einiger fantastischer Spieler“, schwärmte der langjährige Bundesliga-Coach mit leuchtenden Augen und beschrieb den „unglaublichen Weg“ seines Teams. Ein Weg, der im überraschenden Triumph im spanischen Pokalfinale gegen das favorisierte Spitzenzenteam Atlético Madrid von Star-Trainer Diego Simeone gipfelte.
Mit 4:3 im Elfmeterschießen rang die Mannschaft aus San Sebastián das Schwergewicht nieder, nachdem es nach 120 umkämpften Minuten 2:2 gestanden hatte. Persönlich schrieb Matarazzo keine vier Monate nach seinem Amtsantritt Geschichte: Er ist nun der erste US-amerikanische Trainer, der in den europäischen Top-5-Ligen einen Titel gewinnt.
Ex-Bundesliga-Coach Matarazzo „erobert“ Spanien
Entsprechend überschwänglich fielen die medialen Lobeshymnen auf den 48-Jährigen aus. „Matarazzo, der erste US-Amerikaner, der Spanien erobert“, titelte Sport und ergänzte: „Es ist nicht nur ein Pokal. Es ist eine stille Revolution.“ Marca hielt fest: „Eine Figur, die letztlich entscheidend für den Erfolg war.“
„Matarazzo verändert alles“, schrieb AS – und meinte dies ausschließlich positiv: „Die Ankunft des amerikanischen Trainers bei Real Sociedad hat eine Mannschaft, die sich in einer kritischen Lage befand, wiederbelebt.“
Der Pokaltriumph „markiert den Höhepunkt eines Aufwärtstrends“ seit dem Amtsantritt Matarazzos im Dezember, „als die Blau-Weißen im Tabellenkeller dümpelten und eine Reihe schwacher Ergebnisse verkraften mussten“, hieß es weiter.
Vom Abstiegskandidaten zum Europacup-Team
Tatsächlich hat es der frühere Trainer des VfB Stuttgart in kürzester Zeit geschafft, aus einem Abstiegs- einen Europacup-Kandidaten zu formen und dem Team zugleich das Siegergen für die ganz großen Spiele einzuimpfen.
Gegen den Champions-League-Halbfinalisten Atlético überzeugte Real Sociedad zunächst mit Spielfreude, dann mit Widerstandsfähigkeit und letztlich, vom Punkt, mit Nervenstärke. „Es war kein perfektes Spiel von unserer Seite, und wir mussten leiden“, sagte Matarazzo stolz.
Sein spektakulärer Durchbruch kommt nicht nur in Deutschland, wo er mit dem VfB und bei Hoffenheim die gesteckten Ziele nicht vollständig erreichen konnte, überraschend – auch in Spanien hatte kaum jemand mit einem derartigen Aufstieg gerechnet.
Nur zwei Punkte trennten Real Sociedad von der Abstiegszone
Vor Weihnachten, zwei Jahre nach dem Einzug ins Achtelfinale der Champions League, steckte San Sebastián tief in der Krise. Nach 17 Spielen in La Liga hatte der Klub nur 17 Zähler auf dem Konto und war mit zwei Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge akut gefährdet, noch weiter abzurutschen.
Und dann sollte mit Matarazzo ausgerechnet ein ausländischer Trainer die Wende bringen? Ein US-Amerikaner als Trainer in La Liga – das hatte es noch nie gegeben. Hinzu kam, dass Matarazzo seit seinem Aus in Hoffenheim im November 2024 ohne Trainerjob gewesen war.
Doch schon in den ersten Spielen zeichnete sich ein „Match“ ab. Auf ein überzeugendes 1:1 bei Matarazzos Debüt gegen Atlético Madrid folgten vier Siege in Serie, darunter der Einzug ins Viertelfinale der Copa del Rey und ein Coup gegen den FC Barcelona.
Erfolgreicher Einstand: Presse feiert „Matarazzo-Effekt“
Es dauerte gar zehn Spiele, bis der Klub unter seiner Regie erstmals verlor – auswärts beim 1:4 gegen Titelanwärter Real Madrid. Die AS sprach bereits damals anerkennend von einem „Matarazzo-Effekt“.
Ex-Bundesliga-Coach plötzlich voll im Hype
„Der neue Trainer von Real Sociedad strahlte zunächst Charisma und Energie aus, obwohl seine bisherige Trainerkarriere nicht gerade herausragend gewesen war“, resumierte Marca nun nach dem Pokal-Triumph. „Dann bewies er auch sein taktisches Geschick mit innovativen Ansätzen und der Wiederbelebung von Spielern, die bis dahin kaum zum Einsatz gekommen waren, wie Benat Turrientes und Alvaro Odriozola.“
Der US-Amerikaner habe zudem „das Umfeld in Rekordzeit für sich eingenommen“, bilanzierte Sport: „Matarazzo verstand schnell das Ökosystem von Real Sociedad: Identität, Nachwuchs, Wettbewerbsanspruch und eine enge emotionale Bindung zu den Menschen. Er tat dies auf natürliche Weise, ohne Vorbehalte und mit Ergebnissen.“
Matarazzo versteht die DNA des Vereins
So standen im Pokalfinale gleich zehn Eigengewächse für „La Real“ auf dem Platz, darunter zwei der Helden des Elfmeterschießens: Torhüter Unai Marrero, der gegen Alexander Sörloth und Julian Alvarez hielt, und der entscheidende Schütze Pablo Marin.
„Die Identität dieses Vereins besteht darin, junge Talente in die erste Mannschaft zu entwickeln“, erklärte Matarazzo. „Wir haben viele Talente, Führungsspieler, erfahrene Spieler und Talente, die jede Woche besser werden, wie Jon Martin, Pablo Marin und viele junge Spieler. Das ist ein Teil dieses Vereins und seiner Geschichte.“
Der eigentliche Ersatztorwart Marrero war von Matarazzo überraschend für den Pokalwettbewerb nominiert worden – und zahlte das Vertrauen eindrucksvoll zurück. „Ich kann es immer noch nicht glauben“, jubelte der 24-Jährige. „Das ist ein Traum für mich. Der Chef entscheidet, wer spielt. Ich bin einfach nur glücklich, für dieses Wappen zu spielen.“
„Er hätte auch in einer Bank arbeiten können“
Für sein wiederholt glückliches Händchen erhielt Matarazzo nach dem Pokalsieg ein ungewöhnliches Lob. „Matarazzo ist sehr klug, er hätte auch in einer Bank arbeiten können“, meinte Mittelfeldspieler Takefusa Kubo. „Wir wissen es zu schätzen, dass er sich entschieden hat, Trainer zu werden.“
Diese Einschätzung zeigt exemplarisch, wie sehr Matarazzo innerhalb der Mannschaft geschätzt wird, und kommt nicht von ungefähr: Schließlich studierte der in Wayne, New Jersey, geborene US-Amerikaner angewandte Mathematik an der Columbia University in New York.
Matarazzo: „Dies ist erst der Anfang“
Und der analytische Kopf ist überzeugt, dass das Ende der Fahnenstange mit dem vierten Pokalsieg der Basken noch nicht erreicht ist. „Ich habe das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist“, betonte Matarazzo am Samstagabend.
San Sebastián, das in der Liga auf Platz sieben und damit in Schlagdistanz zu den Europapokalplätzen steht, sicherte sich mit dem Sieg über Atlético einen Startplatz in der Europa League. Dort findet 2027 das Endspiel ausgerechnet in Frankfurt, Matarazzos früherer Wahlheimat Deutschland, statt.