Eine atemberaubende, in Vereins- und Landesfarben gehüllte Choreografie über das ganze Stadion sowie ohrenbetäubender Lärm bei der Auswechslung: So hat der mexikanische Fußballverein UANL Tigres, kurz Tigres, am vergangenen Samstagabend (26.4.) seine größte Vereinslegende beim 5:1-Sieg gegen den FC Mazatlán atemberaubend verabschiedet.

Der bereits 40-jährige Franzose André-Pierre Gignac hat nach fast elf Jahren und 488 Einsätzen bei den „Tigern“ wohl sein letztes Heimspiel in der regulären Saison im Estadio Universitario absolviert. Das berichteten mexikanische Medien übereinstimmend.

André-Pierre Gignac war kein normaler Fußballprofi
André-Pierre Gignac war kein normaler FußballprofiAndré-Pierre Gignac war kein normaler Fußballprofi© IMAGO/Agencia-MexSport

Eine offizielle Bestätigung des Spielers oder des Vereins fehlt zwar noch – die frenetischen mexikanischen Anhänger ließen ihren „Gognac“ (liebevoller Spitzname der Fans aufgrund seiner Eleganz und Ausdauer) dennoch hochleben. Ein Rückblick auf seine beeindruckende Karriere zwischen Big Macs, Sonne und Huldigungen lohnt sich.

Der etwas andere Profi und der Zwist mit Deschamps

Gignac war nie ein Durchschnitts-Fußballprofi. Durch seine nahbare und offene Art war der Angreifer auch bei seinen früheren Klubs Toulouse und Lorient in Frankreich stets Publikumsliebling.

„Wäre ich kein Fußballer geworden, hätte ich vielleicht begonnen, bei der Stadt zu arbeiten“, erklärte Gignac schon im Jahr 2009, als er gerade Torschützenkönig und Spieler des Jahres in Frankreich geworden war. „Meine Cousins sind Müllmänner, sie verdienen ungefähr 1900 Euro im Monat und spielen sonntags Fußball. Das ist doch nicht schlecht“, gab sich der Profifußballer bodenständig.

Er ist eben kein normaler Profi – und einer, der in seiner Karriere auch Schattenseiten erlebte. Zum Beispiel, als sein damaliger Trainer bei Olympique Marseille, Didier Deschamps, mittlerweile langjähriger Erfolgstrainer der französischen Nationalmannschaft, in einem geleakten Telefonat mit seinem Agenten ätzte: „Gignac kannst du vergessen. Wir werden ihn wie eine Bürde mit uns herumschleppen.“

„Einen Big Mac für Gignac“

Der als teaminterner Torschützenkönig für 16 Millionen Euro von Toulouse zu Olympique Marseille gewechselte Angreifer erwies sich unter Deschamps als formschwach und übergewichtig. Daraufhin schickte Deschamps ihn in ein Diät-Camp nach Norditalien. Auch die gegnerischen Fans spotteten: „Einen Big Mac für Gignac.“

André-Pierre Gignac und Didier Deschamps hatten in Marseille kein rosiges Verhältnis
André-Pierre Gignac und Didier Deschamps hatten in Marseille kein rosiges VerhältnisAndré-Pierre Gignac und Didier Deschamps hatten in Marseille kein rosiges Verhältnis© IMAGO/Panoramic by PsnewZ

Jahre später war der Zwist allerdings ausgeräumt. Deschamps, der inzwischen Trainer der Nationalmannschaft war, nominierte Gignac sogar für die Europameisterschaft 2016.

Sprung zurück in die Gegenwart: Passend zu seiner Trikotnummer begannen nach zehn Spielminuten am Samstag die Huldigungen, als die Anhänger ein großes Banner mit den Worten: „Gracias Gignac“ (Danke Gignac) entrollten. Dazu prangten seine Initialen „APG“ in den Farben Mexikos auf der Tribüne sowie die französische Flagge seiner Rückennummer zehn.

Untermalt wurde das Spektakel mit einem auf Gignac umgedichteten Fangesang zum Klang von „Hey Jude” von den Beatles.

Die Hommage an den Wahl-Mexikaner, der inzwischen auch die mexikanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist nicht unbegründet. Gignac avancierte nach seinem oftmals kritisch beäugten Wechsel von Olympique Marseille im Juli 2015 ans andere Ende der Welt zu einer wahren Vereinslegende.

Mexiko statt Mailand oder Ruhrpott

Der 36-malige französische Nationalspieler war vor elf Jahren im Alter von 29 Jahren trotz einiger Angebote europäischer Spitzenklubs nach Mittelamerika gewechselt.

Diese Entscheidung hatte vielerorts für große Verwunderung gesorgt, denn laut Medienberichten hatte er Offerten von Top-Klubs wie dem FC Arsenal und Inter Mailand. Auch Borussia Dortmund soll damals angeblich am Stürmer interessiert gewesen sein.

„Der Klub erlaubt mir, meine Leidenschaft in einem großen Fußballland auszuleben“, erklärte er damals seinen Wechsel und fügte hinzu: „Ich will beide Ligen sichtbarer machen. Die mexikanische Liga ist in Europa nahezu unbekannt, und viele mexikanische Fans kennen die französische Liga nicht.“

Rekorde hier, Titel da

Der bullige Mittelstürmer entschied sich für Sommer, Sonne und das „große Fußballland“, in das er sich „sehr verliebt hatte“, trat die weite Reise in eine komplett neue Kultur sowie Fußballlandschaft an und sollte in puncto Torerfolge sowie Titeln zumindest teilweise Recht behalten.

In 441 Spielen erzielte der Mittelstürmer 222 Tore und lieferte 57 Assists. Nicht verwunderlich, dass Gignac bereits seit Jahren unangefochtener Rekordtorschütze des Klubs ist. Sein Vorgänger Walter Gaitán kommt in dieser Statistik lediglich auf 77 Treffer.

Gignac schwang sich zudem gleich dreimal zum Torschützenkönig der mexikanischen Liga auf.

Doch nicht nur seine persönliche Torausbeute kann sich sehen lassen. In seiner Zeit bei den Tigern führte er den Verein zu fünf Meisterschaften, zum ersten Titel in der Klubgeschichte in der CONCACAF Champions League sowie zu einem Pokalsieg. Nach Jahren der Erfolgslosigkeit füllte er somit den Trophäenschrank des mexikanischen Klubs. 

André-Pierre Gignac und seine Tiger waren Herz und eine Seele
André-Pierre Gignac und seine Tiger waren Herz und eine SeeleAndré-Pierre Gignac und seine Tiger waren Herz und eine Seele© IMAGO/Agencia-MexSport

„Es wurde mein Traum“

Doch was war sein Ansporn, eine Vereinslegende in Mexiko zu werden?

In einem Interview mit dem mexikanischen Sender TUDN anlässlich seiner Vertragsverlängerung im Jahr 2023 gab er folgenden Einblick: „Ich habe es immer gesagt: Seit ich diese besondere Verbindung zum Verein, zur Institution, zu den Menschen, zur Stadt gespürt habe, wurde es mein Traum.“

Diesen Traum hat der Franzose nun stolze elf Jahre lang gelebt. „Meine Karriere bei Tigres beenden zu können, war seit meiner Ankunft mein Traum. Ich weiß nicht, da war etwas, das man nicht sagen kann, etwas, das man in sich trägt, und ich freue mich, verkünden zu können, dass ich 2025 zehn Jahre bei diesem Verein vollenden und meine Karriere hier bei Tigres beenden kann“, legte er sich damals bereits fest.

Gignac: Gesellt sich letzter Titel in die Sammlung?

Gedanken an sein bevorstehendes Karriereende waren auch damals präsent: „Es ist auch traurig, denn eine Karriere zu beenden, ist nicht cool, aber es gibt noch andere Phasen danach. Man kennt es gut, man vermisst das Fußballspielen, diesen Geruch, das Gras, die Menschen, das Adrenalin, die Nerven, den Wettbewerbsgeist.“

Das letzte Spiel in seiner Wahlheimat ist aber wohl noch nicht absolviert. In den nun anstehenden Playoffs, die die Tigres mit Platz sieben in der Tabelle wohl erreichen werden, rafft sich Gignac zum letzten großen Triumph auf, um die ohnehin schon prächtig besetzte Trophäensammlung zu erweitern.

Erst im Anschluss hängt er die Fußballschuhe wahrscheinlich an den Nagel – auch wenn es Gerüchte über mögliche Angebote gibt. In seiner neuen Heimat Mexiko muss sich Gignac nie wieder Sorgen um Big Macs oder zu wenig Sonne machen.