Ralf Rangnick ist ein Freund von klaren Worten. Dies hat der Coach der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft in einer mächtigen Brandrede einmal mehr bewiesen. Bei seiner Vorstellung als Botschafter der „Täglichen Bewegungseinheit“ in Wien hat Rangnick auf Missstände in Deutschlands Nachbarland aufmerksam gemacht.
Das Fehlen einer modernen Eventarena in Österreich liegt Rangnick schon länger am dem Herzen. „Eine moderne Eventarena braucht dieses Land, weil es dieses Land dadurch so viel attraktiver, sexier machen würde. Davon profitiert die gesamte Gesellschaft und auch die Kinder“, verdeutlichte Rangnick.
Österreichs Teamchef ist der Ansicht, dass auf diese Weise einiges Potenzial verschwendet werde. „In kein anderes europäisches Land kommen so viele Fußball-Topklubs für ein Trainingslager wie nach Österreich. Wir haben wunderbare klimatische Bedingungen, super Plätze in Verbindung mit den besten Hotels. Wir haben in Österreich fantastische Voraussetzungen. Aber gleichzeitig sind wir das Land, in dem es keine einzige moderne Eventarena gibt“, kritisierte er.
Eine Adaptierung des Ernst-Happel-Stadions in Wien würde da nicht viel helfen. „Botox-Spritzen wie neue Sitze reingeben oder eine Solaranlage auf dem Dach installieren“ seien am Ende des Tages nicht zielführend. „Das ist, wie wenn ich in einen Oldtimer einen Elektromotor einbaue.“
Rangnick legt den Finger in die Wunde
Ein besonders wunder Punkt in der österreichischen Sportseele ist die Tatsache, dass die Schweiz an Österreich im alpinen Ski-Sport vorbeigezogen ist. Die selbsternannte Ski-Nation Nummer eins konnte letztmals im Weltcup-Winter 2021/22 die Eidgenossen im Nationen-Cup bezwingen. Rangnick zufolge ist das nicht weiter verwunderlich.
„Warum hat die Schweiz im Sport Österreich nicht nur beim Skifahren überholt? Weil sie vor fünf Jahren in Cham das „OYM“ gebaut haben. Es ist ein Zuhause für alle Sportarten, hier läuft die perfekte Vorbereitung für den Spitzensport ab“, verdeutlichte der 67-Jährige.
Das riesige Sport- und Kompetenzzentrum für Spitzenathletik bietet jungen Sportlern eine individuelle Unterstützung in einem modernen pädagogischen Umfeld.
Rangnick sieht Mängel im Schulsport: „Darf kein lästiges Nebenfach sein“
Rangnick bemängelte, dass in Österreich die Bedeutung von Sport und Bewegung gerade in den Kindergärten und Schulen zu wünschen übrig lässt – und sprach diesbezüglich Tacheles.
„Das ist kein Luxus, das ist Pflicht. Sport darf kein lästiges Nebenfach sein, das muss ein Bildungsfach sein. Auch Ernährung muss ein eigenes Schulfach sein. Viele Kinder gehen ohne Frühstück und mit einem Schokoriegel als Jause in die Schule. Das ist eine Katastrophe. Wenn das nicht so gesehen wird, werden wir ein Desaster erleben, wird unser Gesundheitssystem kollabieren“, redete sich Rangnick regelrecht in Rage.
Rangnick kritisiert Handy-Nutzung und die Gesellschaft
Ein Dorn im Auge ist dem Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft vor allem das Thema Handy-Nutzung. „In Österreich hat ja schon fast jedes Kind ab sechs Jahren ein Handy. Dazu gibt es viel zu wenige Regeln im Umgang mit den Smartphones, die ein enormes Suchtpotenzial haben“, so Rangnick, der einen flammenden Appell an die Eltern richtete, Kindern maximal eine Stunde Handyzeit zu gewähren.
„Unsere Kinder kommen nicht adipös, handysüchtig und bewegungsfaul auf die Welt. Wir machen sie dazu“, erhob er den Zeigefinger in Richtung der Erwachsenen-Gesellschaft.
Rangnick war der Meinung, dass Veränderungen bereits im Kindergarten beginnen sollten. „Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang, der muss gefördert werden. Es geht nicht darum, dass wir Talente finden. Es geht darum, dass wir Kinder in die Bewegung bekommen“, verdeutlichte er.