Von Patrick Mayer
Erlangen/München – Der deutsche Fußballmeister kommt aus Bayern, der deutsche Basketballmeister auch.
In beiden Fällen handelt es um den großen FC Bayern München.
Aber auch im Eishockey und in fast allen anderen publikumsträchtigen Mannschaftssportarten stellt der Freistaat erstklassige Teams.
Das war nach dem Abstieg des TV Großwallstadt aus der Bundesliga 2013 im Handball nicht mehr so.
Doch im Schatten des fränkischen Kontrahenten stieg ein ambitionierter Klub hervor – und auf: der HC Erlangen.
Erfolgsgeschichte mit Stefan Adam
Eine ganze Stadt wird Kopfstehen, wenn der Klub an diesem Samstagabend gegen die TuS N-Lübbecke (ab 20.15 Uhr LIVESCORES) erstmals als Erstligist die Platte betritt.
Es soll nur der Anfang einer akribisch durchgeplanten Erfolgsgeschichte sein, die eng mit Stefan Adam verknüpft ist.
Adam kennt die Branche aus dem Eff-eff.
Acht Monate lang war er 2013 Geschäftsführer des Rekordmeisters THW Kiel . Sechs Jahre leitete er zuvor die Geschicke beim Bergischen HC.
Im April schließlich kam die Anfrage aus Erlangen. Der heute 43-Jährige überlegte nicht lange. Er sah ein ambitioniertes Projekt mit vielversprechenden Perspektiven.
„Das Ganze hat so viel Potenzial, dass ich mir vorstellen kann, dass sich der HC Erlangen langfristig in der Bundesliga etabliert“, sagt er im Gespräch mit SPORT1.
„Seit dem Aufstieg sind die Stadt und die Region im Ausnahmezustand, weil es das zuvor hier noch nie gab. Wir spüren eine riesige Euphorie.“
Erlangen ist kein Aufsteiger wie viele andere zuvor. Der TV Neuhausen, der TV Hüttenberg oder der TV Emsdetten.
Sie alle hatten eines gemein: Die DKB Handball-Bundesliga war eine Nummer zu groß für sie.
Meist waren die Möglichkeiten überschaubar, gleichzeitig eine große Fanschar und zahlungskräftige Sponsoren hinter sich zu bekommen.
Erlangen fürchtet diese Gefahr nicht. „Die Metropolregion Nürnberg und ihre Sponsorenlandschaft sind sehr interessant“, sagt Adam.
„Die ganze Region ist begeisterungsfähig für den Handball. Wir sind aktuell der einzige Erstligist in Bayern und merken, dass das Einzugsgebiet riesengroß ist.“
Erlangen, keine 20 Kilometer nördlich der fränkischen Metropole gelegen, wird den Großteil seiner Heimspiele in der Arena Nürnberger Versicherung austragen.
Meist wird die Kapazität der Mehrzweckhalle durch abgehängte Transparente auf 3.000 reduziert.
Doch bei Duellen mit dem THW Kiel oder den Rhein-Neckar-Löwen hofft Adam „die Halle vollzubekommen“. Eine Arena, die immerhin 8.500 Zuschauer fasst.
Die altehrwürdige Heimspielstätte in Erlangen ist mit einer Kapazität von etwa 1.500 Zuschauern zu klein.
Die HBL genehmigte deshalb vier Heimspiele in der Studentenstadt.
Doch der HCE möchte aus der Not eine Tugend machen – der Klub will ganz Mittelfranken ins Boot holen. Mindestens. Fans wie Sponsoren gleichermaßen.
Ohnehin blickt der Klub auf solide Rahmenbedingungen.
Während frühere Aufsteiger mit ihren Budgets gerade so die Millionengrenze knackten, bringen es die Franken auf einen Gesamtetat von bis zu 3 Millionen Euro.
Zum Vergleich: Mitaufsteiger SG BBM Bietigheim kommt auf kolportierte 1,5 Millionen, Zweitligameister TSG Ludwigshafen-Friesenheim bringt es auf geschätzt 1,6 Millionen.
„Wir haben mehr als 100 Partner und sind nicht etwa auf einen Hauptsponsor angewiesen, der einen Großteil des Budgets stemmt“, erzählt Adam.
„Sehr, sehr viele Partner haben ihr Engagement jetzt deutlich ausgeweitet.“
Das Geld ermöglichte Erlangen einen echten Königstransfer, wie ihn sich normalerweise nur die großen Fünf leisten können (
).
Vom internationalen Topklub FC Barcelona kam der slowakische Nationalspieler Martin Stranovsky.
Zwei Jahre spielte der 28-Jährige für die Katalanen, sieben Spielzeiten für Ademar Leon.
Er bringt die Erfahrung aus zahlreichen Champions-League-Spielen mit.
„Er fand es interessant, an diesem Projekt mit großen Zukunftsaussichten mitzuwirken und nicht wie in Barcelona, einer von vielen zu sein“, erzählt Adam.
„Sicherlich musste aber auch der finanzielle Rahmen stimmen.“
Stranovsky soll für die wichtigen Tore von der Königsposition aus dem linken Rückraum sorgen.
Und er soll gemeinsam mit Kreisläufer Sebastian Preiß, 33, der einst beim THW Kiel und dem TBV Lemgo spielte und 2007 Weltmeister wurde, einem ansonsten unerfahrenen Team vorangehen.
Ein Team, das langfristig konkurrenzfähig sein soll. Die erste Liga soll nicht nur ein Intermezzo werden.
Die Stadt geht dafür in Vorleistung. Der Stadtrat beschloss den Bau einer neuen Halle für (vorerst) 3.000 Zuschauer.
Bayerns neue Handballmacht ist Erlangen schon.
Ob der HC dies auch über den Freistaat hinaus sein kann, wird sich zeigen.
Ein Etat von drei Millionen Euro mag viel für einen Aufsteiger sein, in der Handball-Bundesliga insgesamt ist es immer noch wenig.
„Wir sind der Underdog in jedem Spiel. Wir können es nur über den Teamgeist schaffen“, sagt Sebastian Preiß.
„Aber wir haben nichts zu verlieren.“