Mit seinem Tod hat der deutsche Handball eine seiner prägendsten Persönlichkeiten verloren: Klaus Zöll starb am Samstag in seiner Wahlheimat Sardinien im Alter von 81 Jahren.

Der frühere Vizepräsident des Deutschen Handballbundes und erfolgreichste Trainer in der Geschichte des TV Großwallstadt hinterlässt seine Ehefrau Kerstin, fünf Töchter und acht Enkel.

„Die Nachricht erfüllt uns mit Trauer“, erklärte DHB-Präsident Andreas Michelmann in einer Verbandsmitteilung. „Wir sind Klaus Zöll dankbar für all das, was er mit seinem langjährigen und vielfältigen Engagement für den deutschen Handball geleistet hat. Unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei seiner Familie.“

TV Großwallstadt nimmt Abschied von einer Vereinslegende

Auch der TV Großwallstadt nahm „mit großer Trauer“ Abschied von seinem einstigen Erfolgstrainer und einer “der bedeutendsten Persönlichkeiten der gesamten TVG-Geschichte”.

Zöll, geboren am 1. Mai 1944 im mittelhessischen Gönnern, spielte in seiner aktiven Karriere zunächst für den SV 1946 Crumstadt und später für Großwallstadt. Mit dem Verein errang er 1967 auf dem Großfeld die Vizemeisterschaft, ein Jahr später gelang der Aufstieg in die Hallenhandball-Bundesliga.

1976 übernahm Zöll das Amt des Cheftrainers beim TVG – und läutete damit die „goldene Ära“ des Klubs ein. Unter seiner Führung avancierte der Verein aus dem beschaulichen Unterfranken zum Maß aller Dinge im deutschen Handball und zu einem der besten Teams Europas.

Zöll formte den „Dorfverein“ zum europäischen Topteam

Mit Zöll als Trainer gewann der TVG 1978, 1979 und 1981 die Deutsche Meisterschaft. Die Krönung erfolgte 1979 mit dem Titel im Europapokal der Landesmeister – der heutigen EHF Champions League – im deutsch-deutschen Finale gegen SC Empor Rostock.

Nach diesem bedeutenden Triumph gab Zöll seinen Trainerjob beim TVG zunächst auf, kehrte jedoch nach einer Saison an die Seitenlinie zurück und führte den Klub erneut zum Meistertitel. 1983 zog er sich ein zweites Mal zurück, bevor er im März 1985 noch einmal interimsmäßig als Coach einsprang.

Rückblickend war es Zölls besonderes Gesamtpaket, das den Großwallstädter Aufschwung ermöglichte. In der Vereinschronik, die der DHB auf seiner Webseite zitiert, heißt es: „In seiner Person verbindet Zöll die beiden Komponenten, die den Dorfverein an die europäische Spitze bringen – Bodenständigkeit und sportliche Fachkompetenz.“

„Der Konkurrenz stets einen Schritt voraus“

Im Nachruf des TVG wird er als „weitsichtiger Macher“ beschrieben, der „der Konkurrenz stets einen Schritt voraus“ gewesen sei. „Mit seinem Gespür für Entwicklungen im Leistungssport, seiner akribischen Arbeit und seinem Anspruch, immer besser zu sein als andere, schuf er entscheidende Wettbewerbsvorteile.“

So setzte Zöll statt der vielerorts üblichen drei Trainingseinheiten pro Woche zusätzliche Einheiten an und „legte damit den Grundstein für nachhaltigen Erfolg“, wie der Verein weiter schreibt.

Zölls Arbeit spiegelte sich auch eindrucksvoll in der erfolgreichen Weiterentwicklung seiner Spieler wider: Großwallstädter wie Torhüter Manfred Hofmann, Kreisläufer Claus Hormel, Rückraumspieler Manfred Freisler und Linkshänder Kurt Klühspies reiften unter ihm zur Weltklasse – und gaben später auch den Ton in der Nationalmannschaft an.

Ein Architekt des WM-Wunders von 1978

Unvergessen bleibt die Sensation bei der Weltmeisterschaft 1978 in Dänemark, als die DHB-Auswahl unter Bundestrainer Vlado Stenzel im Finale mit 20:19 gegen die als unschlagbar geltende UdSSR triumphierte. Eine zentrale Rolle in dieser Erfolgsgeschichte spielte auch Zöll: Er gehörte während des Turniers zum Betreuerstab des DHB.

Ohnehin hatte sein Wirken in Großwallstadt unmittelbaren Einfluss auf das WM-Team, da mehrere von ihm geformte Akteure kurz darauf als Weltmeister gefeiert wurden.

In späteren Jahren brachte Zöll seine Expertise ebenfalls in den Verband ein: Von 1989 bis 1991 war er ehrenamtlicher Vizepräsident des DHB und begleitete in dieser Funktion aktiv den Vereinigungsprozess mit dem Handballverband der DDR, der am 8. Dezember 1990 aufgelöst wurde. 

Breites Wirken im deutschen Handball

Zölls weitere berufliche Laufbahn unterstreicht die Breite seines Wirkens: Nach einem Lehramtsstudium arbeitete er zunächst für den Deutschen Sportbund als hauptamtlicher Koordinator für Spielsportarten und Radsport.

Im Anschluss an den Olympia-Boykott 1980 wechselte Zöll zu Adidas nach Herzogenaurach, später war er geschäftsführender Gesellschafter der Handball Marketing Gesellschaft.

Klaus Zöll (r.) im Jahr 2014 zusammen mit Joachim Deckarm
Klaus Zöll (r.) im Jahr 2014 zusammen mit Joachim DeckarmKlaus Zöll (r.) im Jahr 2014 zusammen mit Joachim Deckarm© IMAGO/Heuberger

Auch menschlich setzte Zöll Maßstäbe: Nach dem tragischen Unfall von Joachim Deckarm 1979 engagierte er sich als Gründer und Mitglied des Deckarm-Ausschusses, der sich auch um die finanzielle Absicherung des WM-Helden von 1978 kümmert.

„Sein Wirken wird unvergessen bleiben“, schreibt der TV Großwallstadt am Ende seines Nachrufs – treffender lässt sich sein Vermächtnis kaum zusammenfassen. Denn mit Klaus Zöll verliert der deutsche Handball einen Mann, der zuvor undenkbare Erfolge möglich machte, Strukturen prägte – weit über seinen Verein hinaus.