„Potenzielle Menschenrechtskatastrophe“, „Form der Korruption“, „Versagen“ der FIFA – zum Start des Countdowns malen die zahlreichen Kritiker ein düsteres Bild von der bevorstehenden Fußball-WM. Während der Weltverband einen Monat vor dem Beginn der ersten XXL-Endrunde in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) seine drei Eröffnungspartys anpreist, ist vor allem den Menschenrechtlern nicht zum Feiern zu Mute.
„Momentan sieht es eher danach aus, dass das Turnier eine potenzielle Menschenrechtskatastrophe wird“, sagte Direktorin Minky Worden von Human Rights Watch bei ntv.de. Nach Ansicht der US-Amerikanerin habe die FIFA unter ihrem Präsidenten Gianni Infantino auf „unvorstellbarer Ebene“ versagt. Worden prangerte vor allem den anbiedernden und korrupt erscheinenden Umgang mit US-Präsident Donald Trump inklusive Verleihung eines „erfundenen“ Friedenspreises sowie drohende Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE an.
Tatsächlich ist der Name Trump mit vielen Befürchtungen vor dem Turnier verbunden. Sein neuerlicher Einzug ins Weiße Haus hat die ursprüngliche Planung der ersten WM mit 48 Startern als „Einheitsveranstaltung“ völlig verändert. Von harmonischen Beziehungen der drei Gastgeberländer ist nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Trump spricht wiederholt davon, Kanada zum „51. Bundesstaat“ der USA zu machen und führt einen Handelskrieg mit beiden Nachbarländern.
WM: Warnung vor Ausgrenzung, Angst und Repression
Human Rights Watch warnt, die WM laufe aufgrund von Trumps Vorgehen gegen Einwanderung, Demonstrationen und Pressefreiheit Gefahr, von „Ausgrenzung und Angst“ geprägt zu werden. Amnesty International befürchtet, das Turnier könne zu einer „Bühne der Repression“ werden.
Die Politik der Trump-Regierung ist auch ein Grund für die Probleme auf einem anderen Gebiet. Die Hotelreservierungen in den USA bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Das geht aus einem Bericht des Branchenverbandes American Hotel and Lodging Association (AHLA) hervor. Als eine Ursache für die Flaute werden die Visahürden und allgemeine geopolitische Bedenken genannt. Die Eskalation bei ICE-Einsätzen mit Todesopfern verstärkt zudem die Sicherheitsbedenken.
Um die Sicherheit geht es unter anderem auch mit Blick auf die Teilnahme Irans vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts. Der Verband FFIRI bekräftigte zuletzt zwar seinen Willen, in die USA zu reisen – aber: „Die Gastgeber müssen unsere Bedenken berücksichtigen“, hieß es in einer Erklärung. Konkret nannte Iran zehn Bedingungen, darunter die problemlose Erteilung von Visa sowie umfassende Sicherheitsgarantien.
Der Kommerz ist überall zu spüren
Wie die Iran-Frage erregt auf anderem Feld auch die Ticketdebatte nach wie vor die Gemüter. Die Fanorganisation Football Supporters Europe (FSE) bezeichnet die Preisstruktur als „Wucher“ und „monumentalen Verrat“. Das teuerste Ticket für das Finale kostete 2022 noch regulär rund 1600 Dollar, nun sind es 32.970 Dollar. Infantino hält die Struktur für angemessen. Man müsse schließlich die „Marktpreise anwenden.“
Der Kommerz dürfte ohnehin allgegenwärtig sein. Alle 104 Spiele werden nach 22 Minuten für jeweils drei Minuten unterbrochen. Damit die Spieler etwas trinken können, sagt die FIFA. Damit die TV-Sender mit Werbung kräftig Kasse machen können, entgegnen die Kritiker. Beim Finale wird zudem die Pause für eine pompöse Halbzeitshow ausgedehnt, wahrscheinlich auf 30 Minuten.
„Es wird die größte Show der Welt – fantastisch“, sagte Infantino dazu. Der FIFA-Boss kann die ganze Aufregung ohnehin nicht verstehen: „Die Wahrheit ist, dass es sehr schwierig ist, etwas Negatives an dieser Weltmeisterschaft zu finden.“