Kaum spielt Manuel Neuer so wie gegen Real Madrid, geht sie wieder los: die Debatte um seine Rückkehr in die Nationalmannschaft. Muss er zurück – und wenn ja: Will man das überhaupt noch? Zwischen sportlicher Vernunft, verletzten Eitelkeiten und der klaren Linie von Bundestrainer Julian Nagelsmann wird die Torwartfrage schnell zur Grundsatzdiskussion.
Im exklusiven SPORT1-Interview verrät Bayern- und DFB-Ikone Sepp Maier, wie er die Lage sieht. Der Weltmeister-Keeper von 1974 und langjährige Torwart-Trainer der Münchener und des Nationalteams erklärt auf die ihm eigene, direkte Art, warum er mittlerweile doch wieder überzeugt ist, dass Neuer bei der WM im Tor stehen sollte – und warum er sich über Bundestrainer Julian Nagelsmann wundert.
SPORT1: Servus, Herr Maier, wie haben Sie das Spiel von Manuel Neuer gegen Real Madrid gesehen?
Sepp Maier: Ja, spinne ich denn? Natürlich hab ich das gesehen. Der Manu hat gehalten, da hätte es mich früher zerrissen im Tor. Das ist doch keine normale Leistung mehr – das ist Zauberei mit Handschuhen. Die schießen aus fünf Metern, und der Manuel sagt: „Nö, heute nicht.“ Also ganz ehrlich: Wer da noch diskutiert, ob der gut genug ist, hat vom Torwartspiel ungefähr so viel Ahnung wie ich vom Ballett.
Maier: Es geht bei Neuer nicht nur um Leistung
SPORT1: Das Thema Nationalmannschaft ist erwartungsgemäß sofort wieder aufgekommen.
Maier: Kein Wunder, nach so einem Spiel schreit doch alles danach. Sportlich brauchst du auch gar nicht reden – der gehört rein, fertig. Aber wir wissen ja alle: Es geht nicht rein ums Sportliche. Und der Manu hat es schon gefühlt hundertmal gesagt, dass er nicht zurückkommt – zumindest sagt er das.
SPORT1: Oliver Baumann hat sich zuletzt genervt von der Debatte gezeigt und gesagt, es sei „alles gesagt“ – Sie selbst hatten im Februar auch schon ein Ende der Diskussion und Rückendeckung für Baumann gefordert. Fühlen Sie mit ihm?
Maier: Ja mei, den Oliver kann ich schon verstehen. Wenn du mittendrin stehst, nervt dich das natürlich. Da redet jeder daher, und du willst eigentlich nur deinen Job machen. Aber ganz ehrlich: Das gehört halt dazu. Sobald ein Manuel Neuer irgendwo den Ball hält wie ein Verrückter, geht die Diskussion wieder los – das kannst du nicht abstellen.
So eine Debatte ist trotz allem doch auch nichts Schlechtes! Das zeigt, wie hoch das Niveau ist. Der Oliver Baumann macht das super, gar keine Frage. Aber wenn du die Nummer eins sein willst, musst du auch damit leben, dass ständig verglichen wird. Früher war das nicht anders – nur ohne hundert Experten. (lacht)
„Manu ist nach wie vor die Nummer 1 in Deutschland“
SPORT1: Teilen Sie den Eindruck, dass zwischen Neuer und Julian Nagelsmann etwas im Argen liegt?
Maier: Ja, genau das! Also hör mir auf … Wenn das stimmt, was man so hört, dann ist das Ding durch. Das Verhältnis ist kaputt. Einen zerbrochenen Maßkrug kannst du auch nicht mehr hinbekommen. Und wenn sogar Lothar Matthäus sagt, das Tischtuch ist zerschnitten – ja mei, dann kannst du es eigentlich einrahmen und an die Wand hängen. Das wird nichts mehr. Und ich gebe dem Lothar nicht oft recht (lacht laut). Aber ganz ehrlich: Ich frage mich da schon – geht’s jetzt um Eitelkeiten oder um Leistung? Du kannst doch nicht so einen Torwart draußen lassen, nur weil’s menschlich knirscht. Das ist doch kein Betriebsausflug, das ist die Nationalmannschaft. Manu ist nach wie vor die Nummer 1 in Deutschland.
SPORT1: Also wundert es Sie doch, dass ein Comeback Neuers anscheinend nicht zur Debatte steht.
Maier: Sagen wir mal so: Ich versteh’s nicht. Früher hast du deine besten Leute aufgestellt, Punkt. Heute wird analysiert, moderiert, kommuniziert – und am Ende sitzt der Beste draußen.
SPORT1: Zu viel Kopf, zu wenig Bauchgefühl?
Maier: Genau das. Da denke ich mir manchmal: Der Fußball ist schon ein bisschen zu geschniegelt geworden. Der Julian Nagelsmann wirkt auf mich oft wie einer, der alles perfekt vorbereiten will – das ist ja auch seine Stärke. Aber Fußball ist keine Excel-Tabelle! Da brauchst du Gefühl, Hierarchie, Respekt. Und wenn ein Manuel Neuer in der Kabine sitzt, dann verändert das etwas – im positiven Sinn.
SPORT1: Sie würden Neuer aufgrund seiner Form also doch zurückholen?
Maier: Sofort! Ich würde gar nicht lang reden. Ich würde sagen: „Manu, zieh die Handschuhe an – und gut ist.“ Alles andere ist doch Theater.
Das sagt Maier zu Undav
SPORT1: Ist Ihr Unverständnis nur auf das Thema Neuer beschränkt?
Maier: Nein, nicht nur. Ein anderes Beispiel ist Deniz Undav. Für mich ist er einer der formstärksten Stürmer, die wir aktuell haben – und bekommt trotzdem nicht das Vertrauen, das seiner Form entspricht. Unabhängig von seinem verschossenen Elfmeter gegen den HSV liefert er Woche für Woche. Für mich ist es schwer nachvollziehbar, warum er trotzdem hintenangestellt wird. Umso bitterer, dass er ausgerechnet gegen die Bayern gesperrt fehlt. Da frage ich mich schon: Wird da wirklich nur nach Leistung entschieden? Solche Entscheidungen sind zumindest erklärungsbedürftig – und als Bundestrainer macht man sich damit garantiert nicht nur Freunde.
SPORT1: Sie selbst haben eine erfolgreiche Vorbereitung auf eine WM mitgemacht – der „Geist von Malente“ vor dem Heimturnier 1974 ist legendär. Mythos oder wirklich so wild?
Maier: Legendär ist noch untertrieben! Malente (Ort der Vorbereitung vor WM 1974, Anm. d. Red.) war wie ein Klassentreffen mit Fußballschuhen. Da war Leben drin, da war Gaudi! Ich sage Ihnen eine Geschichte: Wir haben abends Karten gespielt – aber nicht um Geld, sondern um Dienste. Und irgendwann ging’s darum, wer am nächsten Tag beim Training die Bälle trägt. Klingt harmlos, oder? Ja, denkste! Da sind gestandene Nationalspieler nervös geworden wie Schulbuben! Einer hat so gezittert beim Mischen, da hab ich gesagt: „Sag mal, spielst du hier Karten oder operierst du am offenen Herzen?“ Und am nächsten Tag siehst du dann einen Weltklassespieler mit fünf Bällen unterm Arm über den Platz laufen – und alle anderen lachen sich schlapp. Sowas schweißt zusammen! Heute? Da hat jeder seinen eigenen Physio, seinen eigenen Plan und wahrscheinlich noch einen eigenen Kaffeeberater
Neuer? „Wird Karriere im nächsten Jahr beenden“
SPORT1: Und 1978 hieß der Ort Ihres WM-Quartiers in Argentinien (Ascochinga) übersetzt „Toter Hund“. War tatsächlich ein schlechtes Omen …
Maier: (lacht laut) Ja, aber das war herrlich! Stell dir vor: Du kommst zur WM und landest im „Toten Hund“. Da denkst du dir auch: Super, jetzt geht’s bergab! Wir haben uns kaputtgelacht. Einer hat gesagt: „Wenn das ein Zeichen ist, dann gute Nacht!“ Aber genau das war halt unsere Art – wir haben aus allem einen Schmarrn gemacht. Heute würden sie wahrscheinlich erst mal einen Mentalcoach holen, um den Namen zu verarbeiten!
SPORT1: Vermissen Sie die „gute alte Zeit“ manchmal?
Maier: Ein bisschen schon. Nicht, weil früher alles besser war – aber es war ehrlicher. Mehr Bauch, weniger Kopf. Mehr Kabine, weniger Konzeptpapier.
SPORT1: Manuel Neuers Zukunft nach der Saison ist offen – Ihr Rat an ihn in einem Satz?
Maier: Ganz einfach: „Manuel, lass dich nicht narrisch machen – und spiel einfach weiter.“ Er wird bei Bayern verlängern und dann die Karriere im nächsten Jahr beenden. So einen wie den Manuel stellst du auf – und redest danach. Man hat ja am Samstag am Millerntor gesehen, wie er nach dem Tor von Leon Goretzka mit allen Ersatzspielern gejubelt hat – da merkst du, wie sehr er noch für den FC Bayern brennt.