Die deutsche Nationalmannschaft ist nach der WM 2018 in Russland nun ein zweites Mal in Folge bereits in der Vorrunde bei einer Weltmeisterschaft ausgeschieden.
Nach dem WM-Aus in Katar mussten Bundestrainer Hansi Flick und das DFB-Team folgerichtig viel Kritik einstecken. Zudem haben sich der DFB und Direktor Oliver Bierhoff getrennt.
Im Hinblick auf die Heim-Europameisterschaft 2024 kann sich die deutsche Auswahl von den vier WM-Halbfinalisten einiges abschauen. Das kann Deutschland von Frankreich, Argentinien, Kroatien und auch Marokko lernen! (NEWS: Superstar Mbappé erreicht neue Sphären)
Ein Wir-Gefühl und Bollwerk wie Marokko
Trainer Walid Regragui spielt am Mittwoch (ab 20 Uhr im LIVETICKER) mit Marokko im WM-Halbfinale gegen sein Geburtsland Frankreich. Anfangs wurde Regragui verspottet, doch nach dem erstmaligen Einzug einer afrikanischen Mannschaft in ein WM-Halbfinale hat er eine Welle der Begeisterung ausgelöst.
„Wir vertrauen ihm. Er hat aus uns eine Familie gemacht und macht einen fantastischen Job, obwohl er dafür nicht viel Zeit hatte“, schwärmte Ex-BVB-Star Achraf Hakimi.
Regraguis Handschrift ist klar: Die Mannschaft kommt über den Kampf und eine stabile Defensive. In der Vorrunde blieb Marokko gegen Kroatien und Belgien ebenso ohne Gegentor wie im Achtelfinale gegen Spanien und im Viertelfinale gegen Portugal.
„Jeder hat sich aufgeopfert. Die Spieler haben sich bis aufs i-Tüpfelchen an den Matchplan gehalten“, erklärte Regragui nach dem Coup gegen Portugal.
Der „Avocado-Kopf“, wie er in seiner Heimat aufgrund seiner Glatze despektierlich gerufen wurde, hat es auch geschafft, die Missstimmungen der vergangenen Jahre zwischen den französischstämmigen und einheimischen Spielern zu befrieden. Zudem hat er die von seinem Vorgänger ausgemusterten Stars Hakim Ziyech und Noussair Mazraoui zurückgeholt. In Katar tritt Marokko als großes Kollektiv auf.
Rachid Azzouzi spricht im WM Doppelpass über Überraschungsland Marokko, die im Halbfinale stehen und erklärt wieso das afrikanische Land so weit gekommen ist.
Regragui, der selbst in Frankreich geboren wurde, betont: Jeder Marokkaner ist ein Marokkaner. Wir gehören alle zusammen. Ich habe eine außergewöhnliche Gruppe von Spielern. Wir haben aus einem Team eine Familie gemacht.“
Diese Leidenschaft und Identifikation täte der deutschen Nationalmannschaft genauso gut wie die defensive Stabilität von Marokko, das bis zum Halbfinale erst ein Gegentor kassiert hat – und zwar ein Eigentor. (DATEN: WM-Spielplan 2022)
Die Abgezocktheit des Vize-Weltmeisters
Die Meinung unter den deutschen Fußball-Experten:innen und Fans ist einhellig: Die Mannschaft muss wieder „deutsche Tugenden“ auf den Platz bringen. Inzwischen heißt es allerdings „Widerstandsfähigkeit“ – und ist eng verbunden mit Kroatien, nicht mehr mit Deutschland!
Denn die Vatreni (die Feurigen) spielten in der Vorrunde gegen Marokko und Belgien jeweils 0:0, lagen beim 4:1-Erfolg gegen Kanada das erste Mal 0:1 zurück, drehten die Partie aber noch und zogen in die K.o.-Runde ein.
Auch das Achtelfinale gegen Japan überstand der Vize-Weltmeister trotz eines erneuten 0:1-Rückstandes – und war schließlich im Elfmeterschießen extrem abgezockt. Kroatien überstand dann auch das Viertelfinale gegen die favorisierten Brasilianer, obwohl es in der Verlängerung zum dritten Mal bei der Endrunde 0:1 hinten lag, zeigte jedoch wieder keine Nerven, traf zum Ausgleich – und war im Elfmeterschießen erneut nicht zu schlagen.
Zudem ist für Luka Modric und Co. die Verlängerung nichts Ungewöhnliches! Von den letzten neun K.o.-Spielen der Kroaten bei Europa- oder Weltmeisterschaften gingen acht Spiele in die Verlängerung. Alle letzten fünf WM-Verlängerungen überstand die kroatische Auswahl! In Katar auch dank ihres überragenden Torhüters Dominik Livakovic.
Kroatien entpuppt sich – anders als Deutschland – einmal mehr als Turniermannschaft, die sich mit dem Gegner steigert.
Für viele Experten ist klar: Dem DFB-Team fehlt die viel besagte Widerstandsfähigkeit, die der kroatische Vize-Weltmeister immer wieder zeigt, aber auch Argentinien im WM-Viertelfinale eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Das Eklige und Giftige der Gauchos
Die Gauchos kassierten zwar nach 2:0-Führung den 2:2-Ausgleich in der elften Minute der Nachspielzeit, ließen sich aber auch von diesem immensen psychologischen Rückschlag nicht beirren und schickten die Niederländer im Elfmeterschießen nach Hause.
Die Argentinier kämpften verbissen um jeden Ball, nahmen jeden Zweikampf robust an und spuckten fast im wörtlichen Sinne Gift und Galle. Für ihren Kapitän Lionel Messi, der sich in der Regel kaum an der Abwehrarbeit beteiligt, machten die Teamkollegen einige Meter mehr.
Lionel Messi äußert sich kurz nach dem Elfer-Krimi gegen die Niederlande zu den großen Sorgen, die die Argentinier im Bezug auf den Schiedsrichter hatten. Und kritisiert dabei scharf die FIFA.
Deutschlands Abwehrboss Antonio Rüdiger hatte nach dem WM-Aus die fehlende Giftigkeit im DFB-Team angesprochen.
Diese Tugend zelebrieren die Argentinier – teilweise über die Grenzen des Erlaubten hinaus. (DATEN: Gruppen und Tabellen der WM)
Die Selbstsicherheit des Weltmeisters
Wo im deutschen Sturm weitgehend Flaute herrscht, hat die Équipe Tricolore nicht nur Superstar Mbappé, den Top-Scorer der WM mit fünf Toren und zwei Assists, in ihren Reihen, sondern auch noch Olivier Giroud – Frankreichs Rekord-Torjäger! (NEWS: Milan-Star Giroud: Einer der meist unterschätzten Stürmer der Welt)
Seine Bedeutung für Frankreich unterstich der 36-Jährige auch im Halbfinale mit dem Siegtreffer zum 2:1-Erfolg gegen England – seinem Tor Nummer 53 in 118 Länderspielen. Giroud lässt in Katar einfach mal so Ballon d‘Or-Gewinner Karim Benzema vergessen, der sich kurz vor WM verletzte und abreisen musste.
„Ich wusste, dass ich noch eine Chance bekomme. Und so war es dann auch“, erklärte Giroud nach dem Halbfinale.
Diese Selbstsicherheit ist es, die Frankreich auszeichnet. (NEWS: Griezmanns neue wahre Stärke – und ungewohnte Rolle)
Die zahlreichen prominenten Ausfälle wie Benzema, Pogba und Kanté, die Gerüchte um eine mögliche Ablösung von Trainer Didier Deschamps nach der WM durch Zinédine Zidane – all das prallt scheinbar ohne Spuren vom Weltmeister ab. Stattdessen tritt Frankreich mit einem Selbstverständnis auf, das Deutschland abhanden gekommen ist und sich erst mühsam wieder erarbeiten muss.