Bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar sorgt die Diskussion um die „One Love“-Binden für deutlich mehr Aufsehen als das sportliche Geschehen. (DATEN: WM-Spielplan 2022)
Sieben Nationalverbände, darunter der Deutsche Fußball-Bund (DFB), fügten sich dem Verbot der FIFA: Die Binde wird bei den Spielen nicht getragen. (KOMMENTAR: Ein einziges Armutszeugnis)
„Es handelt sich um eine Machtdemonstration der FIFA“, äußerte sich DFB-Boss Bernd Neuendorf und sprach von einem „weiteren Tiefschlag“ der FIFA: „Die Drohung von sportlichen Konsequenzen war eindeutig. Wir stehen aber zu unseren Werten und werden die auch weiter während des Turniers vertreten.“ (NEWS: DFB-Boss: „Sind nicht eingeknickt“)
„Wenn das ein Verband macht, wird der drangsaliert“
Für BamS-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer steckt der DFB in einem Dilemma. Aber „wenn man es durchzieht, dann in allerletzter Konsequenz auch, dass man von Turnieren ausgeschlossen wird“, sagte Kinhöfer bei SPORT1.
Natürlich sei das problematisch, wenn man alleine handelt. „Wenn das ein Verband macht, wird der drangsaliert.“ Sollten sich aber mehrere Verbände zusammenschließen, „hätte ich mal sehen wollen, wie die FIFA reagiert“. Da jedoch noch genügend Verbände das Spiel des Weltverbands mitmachen, „ist die FIFA aktuell noch am längeren Hebel“.
Gelbe Karten für Flick „kein Problem“
Allerdings stellt sich die Frage, mit welchen Androhungen von Sanktionen Gianni Infantino die sieben Verbände zum Umdenken gezwungen hat. „Gelbe Karten“, das stellte Bundestrainer Hansi Flick auf der Pressekonferenz am Dienstag klar, „sind okay, das wäre kein Problem gewesen“. Die konkreten Sanktionen seien offengelassen worden.
Laut Kinhöfer wäre mit einer Gelben Karten jedoch nicht das Tragen der Binde bestraft worden. „Der Spieler bekommt keine Gelbe Karte, weil er die Regenbogenbinde trägt, sondern weil er sich der Anordnung des Schiedsrichters widersetzt“, erklärte der frühere FIFA-Referee und fügte hinzu: „Die Binde hat laut FIFA eine politische Botschaft und diese Regularien legt die FIFA fest.“ (NEWS: Alles Wichtige zur WM)
Kinhöfer: Keine Doppelbestrafung
Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe vertrat im ZDF ebenfalls die Sichtweise, dass der Schiedsrichter eine Verwarnung aussprechen kann, wenn sich ein Akteur dem Verbot widersetzt: „Sollte ein Spieler das Feld dennoch mit der Binde betreten, wäre das ein unsportliches Verhalten und würde von den Schiedsrichtern wahrscheinlich mit einer Gelben Karte sanktioniert werden.“
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Stünde sogar ein Spielabbruch im Raum, sollte der Spieler die Binde in Folge der Verwarnung nicht abnehmen? „Einen Abbruch würde man im Rahmen der Verhältnismäßigkeit wohl nicht machen“, meinte Gräfe. Vielmehr würde es der Unparteiische im Spielbericht vermerken und die FIFA könnte aus dem Sanktionskatalog von Geldstrafe bis Punktabzug auswählen. „Da gibt es viele Möglichkeiten.“
Eine zweite Verwarnung käme nicht in Frage, wie Kinhöfer bei SPORT1 betonte: „Der Spieler kann nicht Gelb-Rot bekommen, da man für das gleiche Vergehen nicht zweimal bestraft werden kann.“
Collinas Erben stellen Verwarnung in Frage
In Bezug auf die erste Gelbe Karte widersprechen jedoch die renommierten Schiedsrichter-Experten Collinas Erben. „Ich frage mich, was die regeltechnische Grundlage für die Gelbe Karte sein soll, die die FIFA angedroht hat“, fragen sie auf ihrem Twitter-Account und beantworten die Frage selbst. Zwar gebe es in der Regel 4 (Ausrüstung) die Anweisung, dass keine politischen Botschaften auf der Spielkleidung getragen werden dürfen.
Sanktionieren dürfe diese Zuwiderhandlung jedoch ausschließlich der Veranstalter und nicht der Schiedsrichter. Dieser könne lediglich dann zu einer Strafe greifen, wenn die Botschaft „beleidigend, provozierend etc. ist“. Da sei bei der One-Love-Binde jedoch nicht der Fall.
Kinhöfer: „Funktionäre haben versagt“
Geht es nach Kinhöfer, dürfe man sich jedoch keiner falschen Hoffnung hingegeben, dass die Schiedsrichter in diesem Fall gegen die Anordnungen der FIFA entschieden hätten. „Die Schiedsrichter machen all das, was die FIFA sagt. Von der Hinsicht ist keine Hilfe zu erwarten“, machte er unmissverständlich klar: „Die Schiedsrichter sind Polizisten. In Deutschland führen die Polizisten auch alle Gesetze aus und in der FIFA ist die FIFA das Gesetz. Und die Schiedsrichter sind die Polizisten, die die Einhaltung der Gesetze überwachen.“
Katar verliert gegen Ecuador den WM-Auftakt im eigenen Land. Beim Eröffnungsspiel verließen viele Zuschauer frühzeitig das Stadion.
Vielmehr würden die Funktionäre die Verantwortung nun bei den Schiedsrichtern und Spielern abladen. „Viele Funktionäre – auch in Deutschland – hatten jahrelang Zeit, sich gegen die Vergabe der WM in dieses Land zu wehren. Aber das jetzt auf Kosten der Spieler und Schiedsrichter auszutragen, finde ich befremdlich. Da haben viele Funktionäre im Vorfeld versagt.“