Aus Frankreich berichtet Jonas Nohe
Straßburg/Salvador da Bahia – Die Euphorie rund um die Equipe Tricolore schwappte bis über die Grenze nach Deutschland – gezwungenermaßen.
Public Viewing in Straßburg, der siebtgrößten Stadt Frankreichs und selbsternannten „Hauptstadt Europas“? Fehlanzeige!
Ganz anders auf der anderen Rheinseite im 35.000-Einwohner-Städtchen Kehl: Im Liegestuhl und mit Blick aufs Wasser verfolgten zahlreiche Franzosen, wie sich ihre Nationalmannschaft mit dem zweiten deutlichen Sieg im zweiten Spiel in den Favoritenkreis der WM ballerte (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).
Euphorie um Equipe Tricolore
„Fünf Tore gegen die Schweiz, das ist nicht schlecht“, sagte ein noch zurückhaltender Blaise Matuidi nach dem glanzvollen 5:2 gegen die Schweiz (BERICHT: Frankreich erlegt Schweiz).
Und auch Mannschaftskollege Mathieu Debuchy betonte, es sei „noch zu früh zum Träumen.“
Dennoch ist um die Equipe Tricolore eine Begeisterung ausgebrochen, wie man sie in Frankreich seit der WM 2006 nicht mehr erlebt hat. Beim Turnier in Deutschland waren die Franzosen um Zinedine Zidane bis ins Finale vorgedrungen.
SHOP: Jetzt Frankreich-Fanartikel kaufen
Ribery-Ausfall längst vergessen
Das peinliche Vorrundenaus 2010 in Südafrika? Der Beinahe-K.o. in den Playoffs gegen die Ukraine? Der kurzfristige Ausfall von Superstar Franck Ribery? Alles vergessen.
„Atemberaubend“, titelte „L’Equipe“ am Tag danach in großen Lettern. Das im Rückblick als „Müllauto“ bezeichnete Team, dessen Auftritte man in den vergangenen Jahren „aus purer Gewohnheit“ verfolgt habe, begeistert wieder die Massen.
Und so war es eine kleine, aber eben auch passende Randnotiz, dass die Torgala gegen die Schweiz auf exakt jenen 20. Juni fiel, an dem die Franzosen vor vier Jahren in Südafrika mit einem unrühmlichen Trainingsstreik sämtliche Sympathien bei der Bevölkerung einbüßten.
Benzema erneut zurückgepfiffen
Olivier Giroud (16.) mit dem 100. Tor der französischen WM-Geschichte, Matuidi (17.), Mathieu Valbuena (40.), Karim Benzema (67.) und Moussa Sissoko (73.) machten nach dem 3:0 gegen Honduras den Achtelfinaleinzug nahezu perfekt.
Dass Benzema in der 32. Minute einen Elfmeter verschoss und die Schweizer in der Schlussphase durch Blerim Dzemaili (81.) und den Gladbacher Granit Xhaka (87.) das Ergebnis noch etwas erträglicher gestalteten – geschenkt.
Auch den vermeintlichen Treffer zum 6:2 von Benzema Sekundenbruchteile nach dem Abpfiff des niederländischen Schiedsrichters Björn Kuipers nahm der Stürmer von Real Madrid mit Humor.
Parallelen zu 1998
„Das sind jetzt schon zwei Tore, die man mir weggenommen hat“, sagte Benzema mit Blick auf das als Eigentor gewertete 2:0 gegen Honduras und fügte mit einem Augenzwinkern an: „So langsam mache ich mir Gedanken.“
Mit drei Toren nach zwei Spielen liegt der Franzose vorerst gemeinsam mit Thomas Müller, Ecuadors Enner Valencia sowie den Niederländern Arjen Robben und Robin van Persie an der Spitze der Torjägerliste.
Zwei Siege zu Beginn einer WM hatten die Franzosen bisher nur 1998 im eigenen Land gefeiert. Damals standen zum selben Zeitpunkt 7:0 Tore zu Buche – und am Ende der Titel.
„Ich träume schon von Anfang an“, erklärte Benzema darauf angesprochen, „ich habe Ziele vor Augen und Stück für Stück kommen wir ihnen näher.“
Benzema bedankt sich bei den Fans:
HERE SHOULD BE FB POST – EMBED IT AGAIN WITH URL: https://www.facebook.com/KarimBenzema/photos/a.174841495940638.42036.154930924598362/659223287502454/?type=1
Autokorso und Hupkonzert
Auch Sturmkollege Giroud, der seine Berufung in die Startelf mit einem starken Auftritt rechtfertigte, betonte anschließend, man wolle „das Turnier als Sieger beenden. Wir müssen unsere Arbeit zu Ende bringen.“
Für sich selbst, für die Mannschaft und für die französische Bevölkerung.
Die war am Freitagabend zum Jubeln zu später Stunde dann auch in Straßburg wieder vereint. Mit Autokorso und Hupkonzert wurde die neu entflammte Liebe zur Equipe Tricolore lautstark gefeiert, einige Wagemutige wurden gar zu fünft auf einer Vespa gesichtet.
„Es herrscht die totale Euphorie“, sagte ein Fan zu SPORT1: „Man könnte meinen, wir hätten schon den zweiten Stern auf der Brust.“ Das wird allerdings frühestens in drei Wochen der Fall sein.
Immerhin bleibt so für die Straßburger Einzelhändler genug Zeit, die Schaufenster doch noch im heimischen Blau, Weiß und Rot zu dekorieren. Das eigene Nationalteam ist wieder sexy – sogar ein Stück mehr als WM-Gastgeber Brasilien.