Roberto Baggio ist für einige das „göttliche Zöpfchen“, für andere der größte nie erfüllte Traum des italienischen Fußballs. Der Hauptdarsteller eines Dramas, das fast noch schwerer wiegt als jüngste Debakel in der WM-Qualifikation.
Hinter der Ikone, die 1994 Millionen Herzen erst beben ließ und dann brach, steckt eine weniger bekannte, kaum minder dramatische Geschichte: Es geht um Baggios Versuch, den italienischen Fußball tiefgreifend zu reformieren – und das ohrenbetäubende Schweigen, das ihm entgegenschlug.
Als die italienische Nationalmannschaft 2010 bei der WM in Südafrika sang- und klanglos früh ausschied, schien klar: Es musste sich etwas ändern.
Der einstige Zauberfuß begab sich erneut auf eine Italien-Mission
Der FIGC, der italienische Fußballverband, sah eine große Chance und berief niemand Geringeren als die Legende Baggio zum Präsidenten des Settore Tecnico, der technischen Abteilung des Verbandes.
Baggio nahm seine Aufgabe ernst. Sehr ernst.
In einer Zeit, in der der italienische Fußball strukturell bröckelte – veraltete Nachwuchssysteme, fehlende Modernisierung, wenig Vision – tauchte Baggio tief ein. Der Mann, der auf dem Platz durch Eleganz begeisterte, arbeitete am Schreibtisch mit einer fast schon wissenschaftlichen Hingabe.
2011 präsentierte er einen 900 Seiten starken Bericht: Analysen, Diagnosen, Vorschläge. Ein Masterplan für die Zukunft des italienischen Fußballs.
Doch das Dokument, das womöglich eine neue Ära hätte einläuten können, verschwand in irgendwelchen Schubladen.
„Nur ein toter Brief“: Baggio wirft hin
Der FIGC reagierte kaum. Kein ernsthaftes Feedback, keine Debatte, schon gar keine Maßnahmen. Für Baggio war klar: Man wollte seine Analyse ebenso wenig wie seinen Mut. Anfang 2013 zog er die Konsequenzen und trat zurück. In einer bitteren Erklärung sagte er, er habe „nicht die Rolle ausüben dürfen“, die ihm übertragen wurde, und sein Bericht sei „ein toter Brief“ geblieben.
Der damalige Verbandspräsident Giancarlo Abete kommentierte später, Baggio habe sich in dieser Rolle nie „belohnt gefühlt“.
Während Italien weiterhin an strukturellen Schwächen litt (unfreiwillig frühe WM-Abschiede 2010 und 2014, verpasste WM-Teilnahmen, dünne Talentausbeute), blieb Baggios 900-Seiten-Werk ein Symbol dafür, wie schwerfällig der italienische Fußball sein kann.
„Italien hat eine der schlechtesten Infrastrukturen in Europa“, schimpfte jüngst sogar UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (!). Er dürfte in seiner erstaunlichen Abrechnung in der Gazzetta dello Sport nicht nur über baufällige Stadien gesprochen haben.
Zehn Millionen waren versprochen
Klar ist: Auch Jahre später wirken viele von Baggios Vorschlägen erstaunlich modern: Reform der Nachwuchsleistungszentren, bessere Trainerbildung, langfristige strategische Planung.
„50 Personen haben ein Jahr lang an diesem Programm gearbeitet: Wir wollten die Ausbildung derjenigen, die Kindern und Jugendlichen Fußball beibringen, von Grund auf neu gestalten, mit dem Ziel, gute Spieler, aber vor allem gute Menschen heranzubilden“, sagte Baggio damals gefrustet.
Seine Sichtweise damals: „Heute müssen Ethik und Werte mehr denn je auch im Fußball zu den Grundpfeilern der Erziehung und des Trainings werden.“ Zehn Millionen Euro seien ihm eigentlich zur Verfügung gestellt worden, gesehen habe er aber letztlich „keinen Penny“.
Was wäre passiert, wenn man ihn ernst genommen hätte? Es bleibt ein Gedankenexperiment, das aus italienischer Sicht mit jeder weiteren verpassten WM-Chance nur noch schmerzhafter werden dürfte.
Italien-Legende bleibt tragischer Held
Dass Baggio nicht erhört wurde, fügt seiner Biografie ein vergleichsweise stilles, aber tragisches Kapitel hinzu.
Bekannt bleibt der einstige Ballon-d’Or-Gewinner weiterhin auch als tragischer Held der WM 1994, als er die stolze Squadra Azzurra erst ins Finale führte und dort als letzter Schütze im Elfmeterschießen vergab.
Baggio wollte den italienischen Fußball retten. Doch der italienische Fußball war nicht bereit, gerettet zu werden.