Acht Treffer aus sieben Metern in sieben Spielzeiten in der Bundesliga – einen Ruf als Mann für die so wichtigen Strafwürfe hatte sich Nils Lichtlein bisher nicht erarbeitet. Im ersten Hauptrundenspiel bei der EM im Dress der deutschen Nationalmannschaft sollte es anders kommen. Und offenbar war auch beim Spieler selbst die Verwunderung groß.
„Hat der heute Morgen beim Schnick-Schnack-Schnuck gegen Zerbe gewonnen?“, scherzte ARD-Experte und Ex-Nationaltorhüter Johannes Bitter, als sich der Füchse-Spielmacher in der 7. Minute den ersten seiner insgesamt vier Siebenmeter schnappte und nicht wie erwartet Rechtsaußen Lukas Zerbe antrat.
Nach dem Spiel gab Bundestrainer Alfred Gislason Einblicke in seine Entscheidungsfindung. Demnach habe er in den Tagen vor dem Duell mit Portugal im Training mehrere Spieler Siebenmeter werfen lassen.
„Ich sitze irgendwo in der Ecke und gucke zu, was sie machen“, erzählte er. Und: „Aus meiner Sicht war Nils Lichtlein mit Abstand der Beste. Also warum nicht?“
Überraschende Rolle für deutschen Spielmacher
Zudem offenbarte der Isländer, dass Lichtlein über seine Pläne durchaus überrascht war. „Ich glaube, er hat sich nicht angeboten. Er hat schon ein bisschen geschluckt, als ich gesagt habe, er fängt an.“
Gislasons pragmatische Begründung: Der Linkshänder habe im Training Andreas Wolff und David Späth „geärgert“. Und wem dies gegen das deutsche Weltklasse-Duo gelinge, der sei dazu gegen jeden Torhüter des Planeten in der Lage.
Diese Worte decken sich jedoch nicht ganz mit der Wahrnehmung von Lichtlein, der nach dem Sieg sagte: „Ich habe gegen Andy ein bisschen trainiert im letzten Training, und dann hat Alfred gesagt, ich soll das machen. Ob ich gegen Andy auch so gut getroffen habe, wollen wir lieber mal weglassen.“
Fakt ist in jedem Fall: Lichtlein lieferte ab! In einer ersten Halbzeit, in der Deutschland offensiv nur sehr wenig gelingen wollte, war er einer der Garanten dafür, dass das DHB-Team dennoch eine knappe Führung mit in die Pause nahm. Er verwandelte alle drei Versuche aus sieben Metern, traf einmal aus dem Spiel und verlieh dem deutschen Spiel Struktur.
Handball-EM: Qual der Wahl in der deutschen Zentrale
Spielmacher Juri Knorr kam nicht gut ins Spiel, nach einem technischen Fehler brachte Gislason nach rund elf Minuten Lichtlein. Dessen erste Ballaktion misslang zwar, danach hatte er allerdings einen spürbar positiven Einfluss auf das Spiel. „Er ist jemand, der sich überhaupt keinen Kopf macht“, lobte ihn Dyn-Experte Florian Kehrmann.
In einer Partie, in der mit Knorr und Julian Köster die beiden ersten Optionen für die Rückraum-Mitte-Position nicht ihren besten Tag erwischten, machte sich einmal mehr die Breite im deutschen Kader positiv bemerkbar.
„Er ist einfach ein Spieler, der weniger technische Fehler produziert hat und trotzdem den Spielrhythmus am Laufen gehalten hat“, schwärmte Co-Trainer Erik Wudtke. Lichtlein habe „Zweikämpfe gesucht“ und Offensivaktionen „gut vorbereitet. Wir können uns froh und glücklich schätzen, dass wir drei sehr unterschiedliche Typen haben.“
Dänemarks Superstar und Welthandballer Mathias Gidsel spricht über seine Gedanken während des Spiels und meint, dass er genauso denke wie die Reporter.
Jeder aus dem Trio, so Wudtke, habe die Erwartungshaltung, „viel zu spielen und viel Einfluss auf unser Spiel zu nehmen. Aber alle drei sind so große Mannschaftsspieler, dass sie auch bereit sind zurückzustecken, wenn sie merken, dass ein anderer Spieler heute den Ticken mehr hilft.“ Dies traf im weiteren Spielverlauf auch auf Lichtlein selbst zu.
In der 50. Minute traf sein vierter Siebenmeter nur den linken Pfosten. Zwar landete der Abpraller beim deutschen Team und der Ball wenige Sekunden später doch noch im portugiesischen Tor. Dennoch war klar, dass Zerbe nun übernehmen würde.
„Als der nächste Siebenmeter gepfiffen wurde, hatten wir kurz Kontakt, und da habe ich gesagt, er solle gerne werfen. Er hatte auch ein gutes Spiel, er hatte eine super Quote und hat dementsprechend wohl auch ein besseres Gefühl gehabt.“ Die Entscheidung sollte sich auszahlen, Zerbe gab sich bei zwei Versuchen keine Blöße mehr.
Deutscher Star erst selbstlos, dann Wortführer
Aber auch ohne Verantwortung aus sieben Metern war es erstaunlich, wie dominant der 23-Jährige auftrat, als die Partie Spitz auf Knopf stand. Lichtlein stand in der Crunchtime auf dem Feld und trat auch daneben in Erscheinung.
Beim Stand von 30:29 leitete er den deutschen Angriff an und war mit dafür verantwortlich, dass der Ball letztlich in den Händen von Zerbe landete, der 38 Sekunden vor Schluss den spielentscheidenden Treffer aus sieben Metern erzielte.
17 Sekunden zuvor hatte Nationaltrainer Gislason zu einer letzten Auszeit gegriffen – und nach seinen einleitenden Worten war es Lichtlein, der eine taktische Ansage an seine Kollegen machte.
Widerworte gab es keine, lediglich eine Mahnung von Gislason, nicht zu offensiv vorzugehen.
Über den überragenden Miro Schluroff und Renars Uscins landete der Ball schließlich wieder bei Lichtlein, der mit einem perfekten Anspiel Lukas Mertens am Kreis fand. Dieser war nur durch ein Foulspiel zu stoppen. Auftritt Zerbe, 31:29, Sieg Deutschland!
Deutschland siegt mit 32:30 gegen Portugal. Dennoch ist Bundestrainer Alfred Gislason nicht vollumfänglich zufrieden.
Nachdem der angeschlagene Lichtlein in den ersten beiden EM-Partien nicht zum Spieltagkader gezählt und auch im Endspiel in der Vorrunde gegen Spanien keine große Rolle gespielt hatte, scheint er nun im Turnier angekommen. Sein Talent ist über jeden Zweifel erhaben, das Lob von Gislason häufig groß. Für eine dauerhafte Rolle in der ersten Reihe hat es bisher nicht gereicht.
Gut möglich, dass im weiteren Turnierverlauf die Spielanteile in der deutschen Offensive wieder mehr auf Knorr und Köster fallen werden.
Einen Lichtlein in der Hinterhand zu haben, der zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird, ist jedoch sicherlich ein Luxusproblem, das Gislason gerne haben wird.