„Ich bin Justus.“ Erst als Justus Fischer danach gefragt wurde, wie es um seine Spanisch-Fähigkeiten bestellt ist, geriet er ein wenig ins Straucheln. Zwar habe der Kreisläufer versucht, seinen mithilfe einer Sprach-App erworbenen Wortschatz im entscheidenden Gruppenspiel bei der Handball-EM anzuwenden und ein paar Nettigkeiten auszutauschen. Vollends zufrieden war er mit seiner „Leistung“ in diesem Bereich allerdings nicht.
„Ich glaube, das hat nicht so ganz funktioniert“, scherzte er nach dem 34:32-Sieg in der ARD. Den Gegenspielern lediglich seinen Namen mitzuteilen, komme schließlich „nicht so gefährlich“.
Ganz anders hatte sich die Situation in den vorherigen 60 Minuten in sportlicher Hinsicht verhalten. Von Unsicherheit oder Zögern keine Spur – und das, nachdem der Youngster von der TSG Hannover-Burgdorf in den ersten beiden Gruppenspielen noch keine Rolle gespielt hatte.
Gislason reagiert – und bringt Bundesliga-Star
Dabei spielt Fischer eine starke Bundesliga-Saison und hat wenig überraschend großes Interesse auf sich gezogen. Das Rennen macht 2027 nun offenbar der THW Kiel. Fischer ist offensiv wie defensiv flexibel einsetzbar und könnte insbesondere für Vielspieler und Kapitän Johannes Golla eine wertvolle Entlastung darstellen.
So lautete einer der zahlreichen Kritikpunkte, die nach der sensationellen Niederlage gegen Serbien auf Trainer Alfred Gislason einprasselten, dass Golla überspielt sei und es genügend hochkarätige Alternativen gebe.
Gislason hatte sich diese Worte offenbar zu Herzen genommen: Gegen Spanien war der Druck auf die deutsche Mannschaft immens, trotz der Schützenhilfe von Österreich im Spiel zuvor war gegen die Iberer zumindest noch ein Remis notwendig, um in die Hauptrunde einzuziehen.
Bereits Mitte der ersten Hälfte erhielt Fischer erste Spielminuten und besorgte mit zwei Treffern mit ebenso vielen Würfen die erste deutsche Drei-Tore-Führung der Partie. Eine Zwei-Minuten-Strafe zwang ihn danach vom Feld, positiven Eindruck hatte er trotzdem hinterlassen.
Bestleistung für Deutschland im entscheidenden Moment
In der Crunch Time – Spanien hatte sich bis auf ein Tor herangearbeitet – sollte Fischer diesen Eindruck nochmals bestätigen – und wie! Julian Köster fand ihn mit einem starken Anspiel am Kreis zum 26:24, zwei Minuten später kam es erneut zu diesem Zusammenspiel.
Seinen größten Auftritt hatte der Hannoveraner gut sechs Minuten vor Schluss. Beim Stand von 31:29 schnappte er sich nach einem Pfostenwurf von Juri Knorr den Abpraller. Fünftes Tor mit dem fünften Wurf! Im Anschluss sollte der Sieg nicht mehr in Gefahr geraten.
„Fischi hat, glaube ich, sein bestes Spiel im Nationalmannschaftsdress gezeigt“, schwärmte DHB-Star Andreas Wolff danach: „Er hat genau in dem Moment, in dem wir ihn brauchten, gezeigt, warum er so ein begehrter und guter Spieler ist und hat uns wirklich weitergeholfen.“
Zum Spieler des Spiels wurde zwar Renars Uscins gewählt, geht es nach Ex-Nationalspieler Michael Kraus, hätte es Fischer jedoch genauso verdient gehabt.
Handball-EM: „Phänomenales Spiel“ gegen Spanien
Außerdem verriet Gislason, dass er von seinem eigentlichen Plan mit Fischer im Laufe des Spiels abgewichen sei. Dieser hätte jeweils in der Mitte der Halbzeit für zehn Minuten Golla entlasten sollen. „Aber dann hat Fischi so gut gespielt, dass er bis zum Ende gespielt hat. Er hat ein phänomenales Spiel gemacht“, schwärmte der Isländer im ZDF.
Während auch Dyn-Experte Stefan Kretzschmar die „richtigen Emotionsraster“ von Fischer lobend hervorhob und als mitentscheidend für den Sieg ausmachte, ordnete der Spieler selbst seine Leistung nüchterner ein: „Es war ein brutal wichtiges Spiel und ich wusste, ich muss performen, wenn ich reingeworfen werde.“ Es gehöre schließlich zu seinem Spiel, „dass ich, wenn ich eine gute Aktion habe, versuche, die Halle und die Mannschaft mitzunehmen“.
Was seine Rolle im weiteren Turnierverlauf angeht, hielt sich Fischer zurück. Stattdessen sprang mit EM-Neuling Tom Kiesler ein Kollege in die Bresche und sprach sich für weitere Einsatzzeiten aus. „Er steht Johannes Golla in nichts nach. Er ist ein genauso guter Innenblockspieler, vorne hat er seine Sache auch super gemacht. Das ist wirklich kein Leistungsabfall“, schwärmte der Gummersbacher Abwehrspezialist auf SPORT1-Nachfrage und verwies auf dringend notwendige Pausen für Golla. „Die Belastung wird nicht weniger, die Spiele immer intensiver und hitziger.“
In der Tat kommen auf die deutsche Mannschaft, die mit der perfekten Ausbeute von zwei Punkten in die Hauptrunde startet, in den kommenden Tagen „Schlag auf Schlag brutale Bretter“ zu, wie es Fischer formulierte. Am Donnerstag geht es zunächst gegen Portugal, ehe nach dem Duell mit Norwegen noch die Kracherspiele gegen Dänemark und Frankreich warten. Mit einem Justus Fischer in Spanien-Form dürften sich die Erfolgsaussichten sicherlich erhöhen.