Renars Uscins grinste übers ganze Gesicht, als das Kopfkino losging. Die Bilder vom legendären Olympia-Viertelfinale gegen Frankreich, seinem persönlichen Jahrhundertspiel, sind in seinem Kopf noch immer präsent.

Natürlich sind sie das. Ob das Video als letzte Motivationsspritze vor dem EM-Showdown mit den Franzosen noch einmal hervorgekramt wird?

Renars Uscins hat besondere Erinnerungen an das Duell mit Frankreich
Renars Uscins hat besondere Erinnerungen an das Duell mit FrankreichRenars Uscins hat besondere Erinnerungen an das Duell mit Frankreich

„Das werde ich nicht machen“, sagte der Torjäger der DHB-Auswahl vor dem Alles-oder-Nichts-Spiel gegen den Titelverteidiger. „Das entscheidet Alfred mit seiner Video-Vorbereitung.“

Wieder ein „Endspiel“ gegen Frankreich

Wieder geht es gegen Frankreich, wieder geht es ums Halbfinale – und so erklärte die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason das Duell mit dem Europameister kurzerhand zu ihrem ersten echten K.o.-Spiel dieses Turniers.

„Wir freuen uns auf dieses Viertelfinale“, sagte Kapitän Johannes Golla vor dem Hauptrundenabschluss am Mittwoch (18.00 Uhr) in der Jyske Bank Boxen in Herning.

Ein kleiner Vorteil liegt beim ersten Aufeinandertreffen seit dem Olympia-Wahnsinn von Lille auf deutscher Seite: Ein Unentschieden würde Uscins und Co. bereits reichen, um sicher das Ticket für das Halbfinale zu lösen. Eine Niederlage bedeutet dagegen, dass das DHB-Team am Freitag nur noch um Platz fünf spielt.

„Jetzt haben wir eine zweite Chance gegen Frankreich. Es ist eine Mannschaft, die nicht weit weg ist von der Qualität der Dänen“, sagte Gislason am Tag nach dem 26:31 gegen Weltmeister Dänemark im deutschen EM-Quartier in Silkeborg. „Es ist ein absolutes 50:50-Spiel und ein Endspiel ums Halbfinale.“

Erinnerungen an Olympia

Der vergebene Matchball gegen den Olympiasieger – inklusive mehrerer Würfe an Pfosten und Latte – war im deutschen Lager schnell abgehakt. Auch bei Uscins.

„Wir freuen uns riesig auf das Spiel“, sagte der Linkshänder vor dem brisanten Wiedersehen mit den Franzosen: „Für mich ist es ein Viertelfinale. Da wird die Bedeutung eines Do-or-Die-Spiels einfach noch sichtbarer.“ Dabei konnte er sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen.

Deutschland reicht bei der EM-Hauptrunde ein Remis gegen Frankreich. Die DHB-Stars fiebern dem Duell entgegen.

Deutschland reicht bei der EM-Hauptrunde ein Remis gegen Frankreich. Die DHB-Stars fiebern dem Duell entgegen.

Vor anderthalb Jahren lieferte Uscins genau auf dieser Bühne eine seiner größten Vorstellungen im DHB-Trikot ab. Unvergessen ist sein Gala-Auftritt im Viertelfinale vor 27.000 lärmenden Zuschauern in Lille.

Mit einem Tor in der letzten Sekunde bringt Uscins die DHB-Auswahl nach einem kapitalen Fehlpass von Frankreichs Starspieler Dika Mem in die Verlängerung und wird dort endgültig zum Helden. Am Ende stehen 14 Tore auf seinem Konto, Deutschland gewinnt 35:34 gegen Frankreich – und holt vier Tage später Silber.

„Natürlich erinnert man sich an das Spiel, aber das wird nicht noch mal so vorkommen“, sagte Uscins: „Das wird ein ganz anderes Spiel, ein richtig heißer Fight.“ Die Partie sei zwar „ein wichtiger Meilenstein“ für das DHB-Team gewesen, meinte Gislason am Dienstag. Doch: „Diese letzte Begegnung zählt gar nichts. Das, was wir morgen machen, ist das, was zählt.“

DHB: Torwartfrage als Luxusproblem

Auf der Torhüterposition ist das DHB-Team hervorragend aufgestellt. Gislason dürfte gegen Frankreich wieder auf Andreas Wolff setzen. Gegen Dänemark hatte für viele überraschend fast die gesamte Spielzeit David Späth (9 Paraden) zwischen den Pfosten gestanden.

Man habe „beweisen können, dass wir zwei Weltklasse-Torhüter haben“, sagte Gislason: „Das ist fast egal, wer von beiden spielt.“

Wie schon im Vorrundenfinale gegen Spanien, als nach dem Serbien-Schock sogar das Vorrunden-Aus drohte, muss die DHB-Auswahl (6:2 Punkte) nun wieder auf den Punkt abliefern. „Wir müssen bis zur letzten Sekunde voll alles investieren, um den Traum am Leben zu erhalten. Aber das hätten wir vor dem Turnier so genommen“, sagte Golla.

Die Franzosen (4:4) zeigten bislang zwei Gesichter bei der EM: Ihrem Rekordauftritt gegen Portugal (46:38) folgte am Montag eine verdiente Pleite gegen die bereits ausgeschiedenen Spanier (26:32).

Die „zweitstärkste Mannschaft des Turniers“ (Gislason) würde bei einer Pleite oder einem Remis gegen Deutschland leer ausgehen – und die Geschichte von Lille könnte ein neues Kapitel bekommen.

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