Es war ein Abend, der sich ins kollektive und taktische Fußballgedächtnis einbrannte. Neun Treffer, ein irrsinniges Tempo, kaum Atempausen: Der Pariser Prinzenpark wurde zur Bühne eines Spektakels, das taktische Kontrollmechanismen außer Kraft und möglicherweise Maßstäbe für den modernen Fußball setzte.

Am Ende war es sogar verwunderlich, dass „nur“ neun Treffer auf der Anzeigetafel standen. Dabei bedeuteten diese bereits den historischen Rekord für die meisten Tore in einem Champions-League-Halbfinale. Für Fans von defensiven Grundstrukturen und Bewunderer des italienischen „Catenaccio“ ein Albtraum, für die Mehrzahl an Fußballfans ein Augenschmaus. Es stellt sich die Frage: Sieht so der Fußball der Zukunft aus?

Michael Olise wusste viel mit dem sich bietenden Platz anzufangen
Michael Olise wusste viel mit dem sich bietenden Platz anzufangenMichael Olise wusste viel mit dem sich bietenden Platz anzufangen© IMAGO/MIS

FC Bayern: Kalkuliertes Risiko statt Chaos

Vermutlich hat jeder Trainer, der etwas auf sich hält, das Spektakel am Dienstagabend am Bildschirm verfolgt. Sie sahen augenscheinlich offensiven Power-Fußball, losgelöst von jeglichen defensiven Fesseln. Bei näherer Betrachtung zeigte das Geschehen jedoch auch defensive Strukturen. Was phasenweise wie Chaos wirkte, war kalkuliertes Risiko.

Im Vergleich zum Duell in der Ligaphase lauerten beide Mannschaften eine Viertelstunde lang phasenweise abwartend auf den ersten Fehler des Gegners und stellten die defensive Grundstruktur in den Fokus. Ab der Bayern-Führung knackten jedoch fortan beide Mannschaften konsequent jegliche taktische Ketten des Gegners.

Fortan erinnerte es in weiten Teilen an die phasenweise berauschende erste Halbzeit aus dem Duell in der Ligaphase. Beide Teams verteidigten extrem mannorientiert, pressten aggressiv und nahmen weite Räume in Kauf. Die Folge: Anspielstationen im Mittelfeld waren kaum existent und lange Bälle häuften sich.

„Segen für die Flügelspieler“

Die Schlussmänner Keeper Matwei Safonow und Manuel Neuer schlugen häufig direkt in die Spitze – auch, weil beide Teams das Mittelfeld komplett zustellten. Nicht verwunderlich, dass deshalb Vitinha und Joao Neves auf PSG-Seite sowie Joshua Kimmich bei den Gästen kaum auffielen und der Spielaufbau an ihnen meist vorbeilief – ganz entgegen der Natur der Taktiken der beiden europäischen Schwergewichte.

Der Grund: Dem Gegner genug Zeit und Raum für einen koordinierten Spielaufbau zu geben und sich zurückzuziehen, wollte keiner der beiden Trainer akzeptieren. Zu viel Angst hatten sowohl Luis Enrique als auch Vincent Kompany vor den fußballerischen Fähigkeiten des Gegners mit dem Ball am Fuß.

Die Folge: „Ein Segen für die Flügelspieler“, beschrieb L’Équipe. Tatsächlich profitierten von diesem Ansatz vor allem die ohnehin individuell herausragenden Flügelspieler auf beiden Seiten. Durch das hohe Pressing, das Aufrücken der Defensivketten und die ständigen Positionswechsel der Angreifer wurden ständig große Räume generiert.

Champions League: Platz und Raum statt intensivem Doppeln

Dadurch verfügten Michael Olise und Luis Díaz aufseiten der Bayern sowie Desiré Doué und Khvicha Kvaratskhelia bei den Parisern über sehr viel Platz und die Möglichkeit, immer wieder in Eins-gegen-Eins-Duelle in den Halbräumen und auf dem Flügel zu kommen.

Aus defensiver Sicht war dies jedoch ein Trugschluss, da die individuelle Qualität der Offensivkünstler eigentlich ein Doppeln des heranfliegenden Außenstürmers erforderte – zu stark sind die Fähigkeiten, ein Eins-gegen-Eins aufzulösen. Es war also nicht verwunderlich, dass vor allem PSG über die Flügel zu Tormöglichkeiten kam und durch Kvaratskhelia zweimal traf.

Es war ein taktischer Ansatz, den beide Trainer bewusst gewählt hatten. Dieses defensive Risiko ist stetig einkalkuliert, um das Offensivpotenzial der auf beiden Seiten herausragenden Flügelstürmer zur Entfaltung kommen zu lassen. Dies bestätigte auch Kompany bei Amazon Prime: „Du hast nur zwei Wege. Entweder du gehst voll drauf oder du ziehst dich komplett zurück. Das Dazwischen funktioniert gegen Spieler dieses Niveaus nicht.“

Auch Luis Diaz kam durch den taktischen Ansatz immer wieder in Eins-gegen-Eins-Duelle gegen Innenverteidiger wie Marquinhos
Auch Luis Diaz kam durch den taktischen Ansatz immer wieder in Eins-gegen-Eins-Duelle gegen Innenverteidiger wie Marquinhos Auch Luis Diaz kam durch den taktischen Ansatz immer wieder in Eins-gegen-Eins-Duelle gegen Innenverteidiger wie Marquinhos © IMAGO/DeFodi Images

PSG: Doués Laufwege als Paradebeispiele die Bayern zu entblößen

Hinzu kam die beeindruckende Aggressivität beider Mannschaften gegen den Ball, gepaart mit der Bereitschaft, ohne Restabsicherung zu verteidigen. Was den Bayern nach der Pause bis zum 2:5 aus ihrer Sicht um die Ohren flog, als die Münchener Defensive minutenlang Konter um Konter hinterherlaufen musste, nachdem die Pariser durch teilweise frühe Balleroberungen die Bayern-Hintermannschaft konsequent entblößt hatten.

Eine weitere Folge waren die stetigen Positionswechsel und entscheidenden Laufwege der PSG-Angreifer, um Räume zu öffnen und die Münchner Hintermannschaft bei ihrem Drang, nach vorne zu verteidigen, auszuhebeln.

Beispiele hierfür waren zwei Laufwege von Doué: Beim zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich lockte er Dayot Upamecano aus der Defensivreihe, um Platz für seinen Pass in den Lauf von Kvaratskhelia zu generieren. Beim Treffer zum 5:2 zog er diesmal Konrad Laimer von seiner Position weg, wodurch Hakimi auf dem rechten Flügel völlig frei enteilen und die Vorlage geben konnte.

„Radikale aus Pragmatismus“, benannte L’Équipe diesen Ansatz beider Mannschaften. Es bleibt nun erst einmal abzuwarten, ob die beiden Trainer mit ihren Mannschaften den Offensivstandard im Spitzenfußball neu definiert haben. Festzuhalten ist jedoch: Setzen beide Übungsleiter auch im Rückspiel auf diesen taktischen Ansatz, kann es nur ähnlich spektakulär werden.