Der Ärger über den späten und heftig diskutierten Elfmeter, der Bayer Leverkusen am Mittwoch im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Arsenal (1:1) um den Sieg brachte, hing noch spürbar in der Luft, als die Mannschaft in den Innenraum zurückkehrte. Mindestens ein Spieler verkörperte an diesem Abend aber etwas anderes, etwas viel Wichtigeres als Frust. Nämlich mächtigen Stolz. In den Katakomben hallte es beinahe aus jeder Ecke: „Kofi, Kofi, Kofi.“
Eingangs der Kabine wartete zunächst der verletzte Lucas Vázquez, der Christian Kofane als Erster zu seinem Auftritt beglückwünschte. Exequiel Palacios gesellte sich kurz darauf dazu und fand, wie viele andere, lobende Worte für den erst 19-Jährigen. Wenige Meter weiter folgte die nächste Gratulation – diesmal von höchster Stelle. Als sich der Aufzug öffnete, trat Geschäftsführer Fernando Carro heraus, lief direkt auf seinen Schützling zu und nahm ihn ebenfalls in den Arm.
Alle wollten sie zu dem jungen Mann, der gegen die Londoner so viele überrascht hatte. Selbst der Dopingkontrolleur. Gerade als Kofane zur Mannschaftsbesprechung gehen wollte, wurde er gestoppt. Und nach kurzer Klärung stand fest: Doch keine Teamansprache für den Kameruner, stattdessen ging es auf direktem Weg in den Testraum. Als er zurückkehrte, musste er gar nicht mehr viel sagen. Andere übernahmen das Reden und gerieten über den heimlichen Helden des Mittwochs einmal mehr ins Schwärmen.
Kofane? „Es war eine großartige Partie von ihm“
„Bei so einer eigenen Leistung darf man den Gegner nicht vergessen. Er hatte zwei der besten Innenverteidiger Europas vor sich gehabt, die enorme Physis und Körperlichkeit mitbringen. Trotzdem hat er sie immer wieder vor große Probleme gestellt“, erzählte Geschäftsführer Simon Rolfes über seinen Youngster und fügte an: „Man hat das auch gemerkt, als sie ihn zu Beginn ein paar Mal abräumen wollten und das nicht wirklich funktioniert hat. Es war eine großartige Partie von ihm.“
Gemeint waren die unzähligen Zweikämpfe Kofanes mit William Saliba und Gabriel Magalhaes. Zwar gelang ihm weder ein Tor noch eine Vorlage – doch wie der Angreifer sich immer wieder behauptete, Bälle festmachte und die beiden Verteidiger mit seiner Dynamik sowie seinem Laufverhalten beschäftigte, hinterließ mächtig Eindruck. Sein großes Potenzial deutete er in der Bundesliga inzwischen mehrfach an. Am Mittwochabend zeigte er, wie weit ihn dieses Talent selbst auf der internationalen Bühne der Champions League schon tragen kann.
Der Offensivspieler besitze „eine hohe Spielintelligenz, gerade in seinen Laufwegen und in der Box, und ein außergewöhnliches Gespür für Situationen“. Deshalb habe man schon früh gemerkt, dass hier etwas Besonderes heranwachsen könne, erinnerte sich Rolfes an den Transfer im vergangenen Sommer, als Kofane, damals eine große Unbekannte, für etwas mehr als fünf Millionen Euro aus der zweiten spanischen Liga zum Vizemeister kam. Und an ein Fußballmärchen, das offenbar längst nicht zu Ende erzählt ist.
Das Märchen von Bayer-Neuzugang Kofane
Noch bis November 2024 spielte Kofane in seiner Heimat beim AS Nylon in Douala, bevor er den Schritt nach Europa wagte. Erst schloss er sich der U19 von Albacete Balompié an und machte schnell auf sich aufmerksam. So schnell, dass er bereits Anfang 2025 zu den Profis der Spanier aufrückte – und sich dort ebenfalls als echter Senkrechtstarter präsentierte: Sein erstes Tor erzielte er nach nur 114 Sekunden. Am Ende seiner Debütsaison standen acht Treffer in 20 Einsätzen zu Buche. Auch in Leverkusen setzte sich dieser Reifeprozess nahezu nahtlos fort.
Im Sommer zunächst nur als dritter Stürmer vorgesehen, kam Kofane deutlich häufiger zum Einsatz als ursprünglich geplant. Hintergrund war die Leihe von Victor Boniface an Werder Bremen sowie kleinere Verletzungen von Patrik Schick. Mittlerweile stehen für ihn 36 Pflichtspiele mit sieben Toren und acht Vorlagen zu Buche. Beim Afrika-Cup im Dezember bestritt Kofane seine ersten vier Länderspiele für Kamerun und traf dabei gleich zweimal. Zuletzt konnte er dann seinen kleinen Formknick zu Jahresbeginn überwinden: In der Bundesliga netzte er nach seinem Siegtor in Hamburg (1:0) in Freiburg (3:3) wieder ein.
Mit welchem rasanten Tempo sich der Neuzugang steigert, fasziniert auch seinen Trainer. „Ich muss sagen, es ist bemerkenswert. Er kam erst im vergangenen Jahr nach Europa und ist im Sommer 2025 hierher gewechselt – und seitdem hat er eine enorme Entwicklung genommen. Die Art, wie er arbeitet, wie er sich anpasst und ständig lernen will“, lobte Kasper Hjulmand, den vor allem die Haltung des Angreifers imponiert: „Manchmal kritisiere ich ihn im Training. Am nächsten Tag kommt er zu mir und sagt: ,Ich möchte mehr Kritik, ich will lernen.‘“
Kofane nennt Eto’o als großes Vorbild
Blickt Kofane auf seinen Weg zurück, wirkt er selbst ein wenig überrascht von der Geschwindigkeit der Ereignisse, die er in den letzten rund 16 Monaten erlebt hat. „Im Moment passiert alles sehr schnell“, betonte er. Als Kind habe er davon geträumt, eines Tages im großen Profifußball anzukommen – schon jetzt ist er mittendrin. Dabei bekommt er auch von Samuel Eto’o Rückhalt, dem früheren Weltklasse-Stürmer und heutigen Präsidenten des kamerunischen Verbands. „Er ist mein Idol. Er hat mir gezeigt, dass man groß denken darf“, verriet der Torjäger.
Wer ihn kennt, weiß aber sofort: Kofane träumt nicht nur von großen Zielen, er arbeitet auch mit auffälliger Akribie daran, sie zu erreichen. Ein Nachweis dafür: Zu Saisonbeginn sagte er mehrere Einladungen von Kameruns Nationalmannschaft ab, um sich vollständig auf seine Eingewöhnung bei Bayer zu konzentrieren. Der Plan ging auf und brachte ihm große Anerkennung ein. Wenn Leverkusen am Dienstag im Rückspiel gegen Arsenal um das kleine Wunder kämpft, zählt Kofane erneut zu den Hoffnungsträgern.