Thomas Tuchel brauchte nur wenige Wochen, um dieses Problem zu erkennen.

Der Spieler, den der Trainer im vergangenen Sommer mit Prio eins zum FC Bayern holen wollte, war nicht Harry Kane, sondern Declan Rice. Einen zweikampfstarken Stabilisator, der für Balance, Kontrolle und Disziplin im Mittelfeld sorgt. Jemanden, der Bälle giftig erobern, aber auch unaufgeregt verteilen kann.

Joshua Kimmich kann grundsätzlich beides. Doch Tuchel sieht ihn eher offensiver, nicht als alleinigen Sechser. Denn in Kombination mit Leon Goretzka und auch Neuzugang Konrad Laimer entstehen dem Coach zu große Lücken.

Bayern-Mittelfeld wackelt auch in Istanbul

Das war in den vergangenen Wochen, insbesondere aber in der ersten Halbzeit des Champions-League-Auswärtsspiels bei Galatasaray Istanbul zu sehen.

Auch wenn das Spiel mit 3:1 für die seit dem Supercup im August ungeschlagenen Münchner endete: Tuchel dürfte sich nach diesem Abend in seiner Einschätzung nochmals bestätigt fühlen, nachdem er den Verantwortlichen über den gesamten Sommer hinweg immer wieder klar gemacht hatte, Mittelfeld-Verstärkung im großen Stile zu benötigen.

„Wir haben gegen den Ball nicht den Zugriff gefunden, sind nicht wirklich in die Zweikämpfe gekommen“, räumte Kapitän Kimmich mit Blick auf die schwache erste Hälfte ein, monierte aber auch Schwächen bei eigenem Ballbesitz.

Vor allem sein Nebenmann Laimer stand neben sich, kam mit dem Pressing der Türken überhaupt nicht zurecht und brachte nur knapp die Hälfte seiner Pässe an seine Mitspieler.

Kimmich selbst konnte allerdings auch von Glück reden, dass ein haarsträubender Ballverlust kurz vor der Pause am eigenen Strafraum unbestraft blieb. Zuvor hatte er schon den Elfmeter verschuldet, der zum 1:1 durch Mauro Icardi führte.

Sammer liefert spannenden Vergleich

Bayerns Herzstück wackelt! Für Matthias Sammer die drängendste Baustelle im Kader. „Sie müssen sich stabilisieren, sie müssen sich finden“, hielt der frühere Sportvorstand nach der Partie bei Prime Video fest. „Das größte Problem in meinen Augen ist, dass sie nach wie vor keine Achse haben, die dieses Innenleben in wichtigen Phasen stabilisiert.“

Sammer weiter: „Im Moment wird Sané gelobt, Musiala gelobt, Kane gelobt. Das erinnert mich an 2011/2012. Da wurde Arjen Robben gelobt, Ribéry gelobt. Aber irgendwas fehlte. Ich hab das Gefühl, es gibt Parallelen, und das müssen sie analysieren – von innen heraus, über das Hierarchische, das sich auch stärkt. Nicht nur von außen.“

Nach der Saison 2011/12 kamen die damaligen Bayern-Bosse auf Drängen von Ex-Coach Jupp Heynckes zu der Ansicht, das Mittelfeld verstärken müssen. Javi Martínez wurde verpflichtet. Das fehlende Puzzleteil zum Triple-Sieg. Und im Prinzip genau der Spielertyp, den Tuchel sich wünscht. Bestenfalls schon im Januar. Allein auch deshalb, um numerisch mehr Optionen zu haben und auch die Kräfte seiner Spieler besser verteilen zu können.

Denn zur Bewertung des Gala-Spiels gehört auch: Laimer wird ständig von Position zu Position geschoben, musste zuletzt häufiger auf der rechten Abwehrseite ran. Automatismen sind auf diese Art und Weise schwierig zu finden – zumal Kimmich rund um die Länderspiele noch mit einer Grippe flachlag und in den zwei Spielen danach jeweils 90 Minuten ran musste. Optimal ist es etwas anderes!