Seit 60 Jahren gibt es – mit kurzen Unterbrechungen – das Borussen-Derby in der Bundesliga. Mönchengladbach gegen Dortmund (ab 17.30 Uhr im LIVETICKER), ein West-Derby mit Geschichte. Auch wer 1978 noch nicht gelebt hat, weiß, dass es in dieser Paarung das höchste Ergebnis aller Zeiten in der Bundesliga gab (12:0) – SPORT1 erinnerte am Jahrestag am 29. April erst wieder daran.
Beinahe vergessen ist allerdings ein anderer Rekord, den es gleich bei der Bundesliga-Premiere gab, als sich ein Schiedsrichter seinen Platz in den Rekordchroniken sicherte. Herbert Lutz aus Bremen veranstaltete in einem spektakulären Spiel die Elfmeter-Orgie vom Bökelberg.
Am 11. September 1965 sahen die 34.000 Zuschauer ein denkwürdiges Spiel zwischen dem Aufsteiger und dem Pokalsieger. Die jungen Gladbacher Fohlen unter Trainer Hennes Weisweiler bestritten erst ihr fünftes Bundesliga-Spiel, verloren hatten sie noch nicht.
BVB siegt in wildem Spiel mit fünf Elfmetern
Der BVB, am Anfang seiner großen Saison, die im Europapokal-Sieg 1966 gipfelte, war dennoch Favorit. Dieser Rolle wurde er gerecht, aber das Ergebnis von 4:5 hatte wohl niemand getippt und schon gar nicht, dass an diesem Tag fünf Elfmeter gepfiffen werden würden.
Aus heutiger Sicht verwunderlich ist auch, dass es darüber kaum Aufregung gab. Das Sport Magazin titelte lapidar „Auch ein Rekord: Fünf Elfmeter“ und bescheinigte Lutz, sie seien allesamt berechtigt gewesen.
Die Trainer empörten sich auch nicht, Dortmunds Fred Multhaup betonte nur, was niemanden überraschte: „Fünf Elfmeter in einem Spiel habe ich noch nie erlebt!“
Wie auch? Bis heute ist das Rekord für ein Bundesliga-Spiel, dabei übersah Lutz noch ein Handspiel des Dortmunders Theo Redder (29. Minute), sonst wäre das halbe Dutzend voll gewesen. Dennoch gab es schon vor der Pause für beide Borussias jeweils einen Elfmeter, und sowohl Lothar Emmerich (BVB) als auch Egon Milder behielten die Nerven.
Dann fielen fünf „normale“ Tore, darunter ein Freistoß von Günter Netzer und ein Kopfball von Emmerich, ehe Lutz nach 70 Minuten beim Stand von 3:4 wieder auf den Punkt zeigte.
Nun trat für Gladbach Netzer an und der ließ sich die Chance zum Ausgleich nicht entgehen. Das Elfmeterfestival nahm jetzt richtig Fahrt auf, binnen sieben Minuten verhängte „der leicht abgemagerte Engel mit dem Flammenschwert“ (Rheinische Post) drei Elfmeter.
Milder lässt Ausgleich für Gladbach liegen
In der 73. Minute durften die Gäste wieder ran, und Emmerich donnerte mit seiner linken „Klebe“ auch seinen zweiten Elfmeter ins Tor. Kein Torhüter hatte bis dahin eine Chance gehabt, und als Gladbachs Milder in Minute 77 ebenfalls seine zweite Chance erhielt, bekam Dortmunds Hans Tilkowski die Finger wieder nicht an den Ball. Musste er aber auch nicht, Milder traf die Latte und vergab das mögliche 5:5.
Besonders erleichtert über das Resultat war BVB-Kapitän Wolfgang Paul, der alle drei Gladbacher Elfmeter verursacht hatte – auch das ein Bundesliga-Rekord, der noch steht. Auf Gladbacher Seite war Heinz Lowin mit zwei Fouls alleiniger Sünder.
Weisweiler, Trainer des Verlierers, kommentierte: „Das Elfmeter-Duell hat entschieden. Ich bin der Meinung, ein Unentschieden wäre das gerechtere Ergebnis gewesen.“ Seine Mannschaft hatte die Chance dazu, schließlich war sie bei der Elfmeterlotterie ja bevorzugt worden und hatte einen Strafstoß mehr bekommen.
Angesichts von bereits 25 Elfmetern nach fünf Spieltagen kommentierte der kicker damals: „Die hohe Zahl der Elfmeter spricht für die Schiedsrichter. Gegen die Schiedsrichter allerdings spricht das Missverhältnis von 18 Elfmetern für die Platzvereine und lediglich sieben für die Gäste.“
Lutz: 35 Elfmeter in 77 Spielen
Lutz war gewiss kein Heimschiedsrichter, schon bei seinem Bundesliga-Debüt gab er 1963 dem 1. FC Köln bei 1860 München zwei Elfmeter. 1973 pfiff er bei Schalke-Bayern übrigens drei binnen sechs Minuten und kam ins Guinness-Buch der Rekorde, und auch seine letzte Entscheidung als Bundesliga-Schiri 1977 bei RW Essen-Frankfurt in der Schlussminute lautete Elfmeter!
In 77 Spielen zeigte er 35 Mal auf den Kreidepunkt, prozentual gab es nur zwei Schiedsrichter mit einem noch größeren Hang zum Strafstoß. Nie aber hatte Lutz sein Faible mehr ausgelebt als beim ersten Borussen-Derby in der Bundesliga vor nunmehr 60 Jahren.
Als er 2009 im Alter von 79 Jahren von der Neuen Osnabrücker Zeitung auf das Spiel angesprochen wurde, sagte er: „Ich hätte auch noch den sechsten Elfmeter gegeben. Foul ist Foul, egal wann und wo.“ Jedenfalls Recht behalten hat er bis heute mit seiner Prognose: „Ich glaube nicht, dass den Rekord noch mal jemand knackt!“