Es kam so, wie es kommen musste. Als Nico Schlotterbeck um 15:24 Uhr noch im Spielertunnel stand und Stadionsprecher Nobby Dickel die Mannschaftsaufstellung präsentierte, dürfte auch der Innenverteidiger kurz geschluckt haben. Beim Verlesen der „Nummer vier“ und dem Zusatz der Vertragsverlängerung bis 2031 gab es für den 26-Jährigen ein gellendes Pfeifkonzert.
Auch während des Spiels gab es immer wieder Pfiffe gegen Schlotterbeck – ein eindeutiger Denkzettel für den wochenlang zögernden Innenverteidiger. Auch die ominöse Ausstiegsklausel, die bereits in diesem Sommer greift, schmeckt den BVB-Fans nicht. Schlotterbecks Reaktion spricht eine eindeutige Sprache. Ganz nach dem Motto: Schweigen ist Gold.
Trotz Verlängerung – Pfiffe gegen Schlotterbeck
Eigentlich sollte diese Vertragsverlängerung ein Festtag für Borussia Dortmund werden. Denn das Gesicht des Vereins bleibt dem Verein erhalten. Doch die Umstände des Deals dämpfen die Euphorie gewaltig.
Beim Einlaufen führte Vize-Kapitän Nico Schlotterbeck die Mannschaft wie gewohnt aufs Feld, blickte mit fokussiertem Blick Richtung Südtribüne. Dorthin, wo die Anhänger mit einer beeindruckenden und emotionalen Choreo eines verstorbenen Fanprojekt-Mitarbeiters gedachten. Zu diesem Zeitpunkt dürfte Schlotterbeck nur gehofft haben, dass er an diesem Nachmittag nicht im Fokus stehen würde – trotz seiner Verlängerung.
Doch auch während des Spiels wurden seine Ballkontakte mit Pfiffen quittiert – nicht mehr so energisch und laut wie beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung, dennoch waren sie unüberhörbar. Auch aufgrund des medizinischen Notfalls in der zweiten Hälfte, nach dem beide Fanlager ihren Support einstellten, waren sie über das ganze Spiel hinweg wahrnehmbar.
Für die BVB-Verantwortlichen ein Unding. Egal ob es die Geschäftsführer Lars Ricken und Carsten Cramer, Sportdirektor Ole Book, Trainer Niko Kovac oder Mitspieler waren: Alle verurteilten die Reaktion der Anhänger, zeigten keinerlei Verständnis für die Pfiffe und stellten sich hinter Schlotterbeck.
„Spieler im Trikot von Borussia Dortmund verdienen mit Betreten des Rasens die Unterstützung der Fans“, so Cramer. „Ich finde das nicht in Ordnung“, meinte Book. Ricken wies auf das Entgegenkommen Schlotterbecks in den Gesprächen hin, Waldemar Anton wurde deutlich: „Ein Unding“, betonte Schlotterbecks Innenverteidiger-Kollege.
Kovac spielte die Pfiffe herunter, sah die pfeifenden Fans klar in der Unterzahl und unterstrich viel mehr den sportlichen Umgang von Schlotterbeck mit der Kritik: „Ich denke, er hat ein sehr gutes Spiel gemacht.“
Schlotterbeck wählt besonderen Ausgang
Und Schlotterbeck? Der ließ sich davon nicht beeindrucken. Lediglich zu Beginn konnte man ihm die Verunsicherung etwas anmerken, spielte in der Folge absolut abgeklärt. Er ackerte, kämpfte und schaltete sich immer wieder offensiv mit ein. Einige Fans dürften sich bei gleich mehreren seiner tollen Grätschen an diesem Nachmittag bewusst zurückgehalten haben, um nicht aufzustehen und ihm tobenden Beifall zu spenden – eine starke Reaktion auf die Pfiffe.
Von Interviews oder weiteren Liebeserklärungen für den Verein sah Schlotterbeck gestern ab. Nachvollziehbar: Denn die emotionalisierten Anhänger hätten ihm das ohnehin nur schwer abgenommen. Schlotterbeck verließ den Signal Iduna Park nicht wie sonst über die Mixed Zone mit den für die Spieler bereitgestellten Shuttles, sondern wählte einen anderen Weg, um Interviewanfragen und womöglich auch kritischen Blicken zu entgehen.
Und genau das dürfte auch in den nächsten Wochen seine Marschroute sein: Mit guter Leistung verlorengegangene Sympathien zurückerkämpfen. Und das, ohne große Töne zu spucken.