Ein Wochenend-Ausflug nach München voller Pleiten, Pech und Pannen: Borussia Dortmund trat am Samstagabend selbstbewusst beim FC Bayern an, fing sich aber bei der 2:4-Pleite seine übliche Abreibung ein – die nächste Enttäuschung nach dem Achtelfinal-Ausscheiden in der Champions League gegen Chelsea.
Für den BVB war es nicht nur die neunte Liga-Pleite in München in Folge, auch die mühsam eroberte Tabellenführung mussten die Dortmunder wieder den Bayern überlassen.
Ein herber Rückschlag im Kampf um die Deutsche Meisterschaft! Auch für Niklas Süle, der im vergangenen Sommer überraschenderweise München verlassen hatte, um mit Dortmund die jahrelange Bayern-Dominanz zu durchbrechen, nachdem er in fünf Jahren beim Rekordmeister 14 Titel gesammelt hatte.
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BVB lacht sich bei Süle-Verpflichtung ins Fäustchen
Für den BVB war die ablösefreie Verpflichtung von Süle wie ein Sechser im Lotto: Ein deutscher Nationalspieler, ausgestattet mit dem Sieger-Gen der Bayern und mit dem Anspruch, ein Führungsspieler zu sein, entschied sich gegen eine Vertragsverlängerung beim FCB, um stattdessen seinem Ex-Verein ein Schnippchen zu schlagen.
Während Bayerns Vorstandvorsitzender Oliver Kahn Süles Abgang als „Wechsel aus unerfindlichen Gründen“ bezeichnet hatte, war er für den Verteidiger offenbar alternativlos, fehlte ihm doch seitens der Klub-Führung des Rekordmeisters die Wertschätzung.
Die hatte er bei den Gesprächen mit den BVB-Verantwortlichen dagegen sofort gespürt. „Die Art und Weise wie sie sich um mich bemüht haben, hat mir imponiert, so dass ich schnell wusste, wo ich künftig spielen werde“, hatte Süle bereits im Februar 2022 der Bild gesagt.
„Er hat verstanden, was wir von ihm erwarten, und wird durch seine eigene Art und Weise jemand sein, der das Team mit anführen soll“, betonte Dortmunds Sportdirektor Sebastian Kehl im Sommer im kicker. „Auch er möchte diesen nächsten Schritt in seiner Entwicklung gehen.“
Abwehrspieler will Ex-Klub Bayern „attackieren“
Süle habe sofort beeindruckt, „was der BVB in den nächsten vier Jahren – für die ich unterschrieben habe – vorhat. Dortmund will den nächsten Schritt gehen, und genau das will ich auch.“
Dieser nächste Schritt war klar definiert: „Natürlich glaube ich daran, dass ich mit Dortmund Meister werden kann“, sagte der 27-Jährige seinerzeit. „Ich habe die Entscheidung im vollen Bewusstsein und der Überzeugung getroffen, dass wir mit dem BVB im Kampf um die Meisterschaft richtig attackieren werden.“
Davon war in München aber nicht viel zu sehen, vor allem nach dem ersten Gegentor, als der BVB bis zur Halbzeitpause kein Bein auf den Boden brachte. „Da gab es von keinem so richtig ein Aufbäumen“, zeigte sich SPORT1-Chefreporter Patrick Berger in “Die Dortmund-Woche“, dem SPORT1 Podcast zum BVB, vor allem enttäuscht von Führungsspielern wie Süle, der zumindest die besten Zweikampf- und Passwerte aller BVB-Abwehrspieler hatte.
- „Die Dortmund-Woche“, der SPORT1 Podcast zum BVB: Alle Infos rund um Borussia Dortmund – immer dienstags bei SPORT1, auf meinsportpodcast.de, bei Spotify, Apple Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt
Süle sei nach Dortmund gekommen, „um Führungsaufgaben zu übernehmen, davon war nicht viel zu erkennen bei ihm“, fügte SPORT1-Reporter Oliver Müller im Podcast hinzu, „obwohl ich ihn wirklich sehr, sehr schätze. Ich halte ihn für den besten deutschen Innenverteidiger.“
Anlaufschwierigkeiten für Süle in Dortmund
Der Abwehrspieler ist nicht umsonst deutscher Nationalspieler, aber ist er wirklich ein Führungsspieler, stellt er das in Dortmund unter Beweis? Denn von seinem Naturell her ist er kein Lautsprecher, keiner, der die großen Reden schwingt, eher ein ruhiger Vertreter, der lieber auf dem Rasen Taten sprechen lassen will.
Sein Start beim BVB war jedenfalls von Anlaufproblemen geprägt. Nach dem Sommerurlaub soll er sich mit Übergewicht in Dortmund vorgestellt haben. Zu Saisonbeginn war er verletzt, dann musste er hinten rechts aushelfen. Doch 2023, als er Mats Hummels aus dem Abwehrzentrum verdrängen konnte, war Süle eine Bank und ein Garant für den Aufschwung, der Dortmund zwischenzeitlich bis an die Tabellenspitze geführt hatte.
Was auffällt: Der 27-Jährige hat enorme Qualitäten im Passspiel, brachte in der Bundesliga 92 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler, was ein BVB-Bestwert ist und kein großer Unterschied zu seiner Zeit bei den Bayern (93 Prozent). Zudem ist er viel in das Dortmunder Spiel eingebunden und war im Schnitt 86-mal pro 90 Minuten am Ball (92-mal bei den Bayern).
Er gewann beim BVB starke 62 Prozent seiner Zweikämpfe, doch auch bei diesem Wert war er bei den Bayern mit 65 Prozent etwas erfolgreicher. Verbessert hat sich Süle jedoch bei den Toren und Torvorlagen: In Dortmund war er bereits an vier Toren – ein Tor und drei Vorlagen – beteiligt, bei den Bayern waren es in fünf Jahren gerade mal zehn direkte Torbeteiligungen (sechs Tore und vier Vorlagen).
Der englische Guardian verglich den bulligen, zweikampfstarken Verteidiger jüngst mit einem „Dreisitzersofa, das man in ein Fußballtrikot gepresst hat“, das aber trotz seiner Statur mit einem Topspeed von 35 km/h zu den schnellsten Innenverteidigern der Liga zählt.
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nCAPTION: Nach Topspiel-Blamage: Dortmund hat Meisterschaft nicht aufgegeben
nDESCRIPTION: Borussia Dortmund muss nach nur einem Spiel die Tabellenführung wieder abgeben. Trotz der Blamage im Topspiel gibt der BVB die Meisterschaft aber nicht auf.
Zudem ist er extrem fair und beging in dieser Saison gerade mal sechs Fouls. Er sah erst eine Gelbe Karte, in seinen fünf Jahren bei den Bayern waren es nur acht – in seiner Bundesliga-Karriere war er noch nie gesperrt.
In München blieb Süle den Beweis schuldig, ein Führungsspieler zu sein, doch seine Werte belegen eindeutig, dass er für Dortmund eine Verstärkung ist. Ob es schon für den anvisierten Meistertitel reichen wird, ist nach der BVB-Leistung im Topspiel allerdings fraglich.