Vor dem Gang ins TV-Studio musste Roger Schmidt erst mal das Oberteil wechseln. Das weiße Maßhemd war dermaßen durchgeschwitzt, als hätte der 47-Jährige selbst auf dem Platz gestanden.
Auch für Schmidt war der fünfte Sieg im fünften Pflichtspiel mit Bayer Leverkusen ein hartes Stück Arbeit gewesen.
Schmidt: Sieg „extrem wertvoll“
Nicht nur deshalb bezeichnete Bundesliga-Neuling Schmidt das 4:2 (0:1) gegen Hertha BSC als „extrem wertvoll“.
In den ersten vier Partien hatte Bayer ein regelmäßiger Blitzstart in die Karten gespielt. Diesmal mussten die Rheinländer nach zweimaligem Rückstand Moral und Kampfgeist zeigen.
Sie gewannen schließlich dank zweier Teenager – und eines Spielers, den sie fast schon ausgemustert hatten.
Bellarabi blüht auf
Denn als Karim Bellarabi nach Ablauf des Leihgeschäfts mit Eintracht Braunschweig vor der Saison auf der Matte stand, habe man sich laut Sportchef Rudi Völler durchaus gefragt: „Was machen wir mit Karim?“
Der hatte in seinen ersten beiden Jahren viel Pech mit Verletzungen gehabt (Sprunggelenk, Schambeinentzündung) und sich auch die ein oder andere Disziplinlosigkeit erlaubt.
Dass er nach seinem Treffer beim FC Barcelona von „einem großen Moment für mich“ sprach, obwohl es das 1:7 in der Nachspielzeit war, stieß damals manchem bitter auf.
In Braunschweig wurde er im Vorjahr sogar mal suspendiert.
„Bellarabi für uns unentbehrlich“
Nun ist Bellarabi der große Durchstarter.
Am ersten Spieltag bei Borussia Dortmund (2:0) schoss er nach nur neun Sekunden das schnellste Tor der Bundesliga-Geschichte.
Nun war er mit der Vorlage zum 3:2 von Julian Brandt (74.) und dem Traumtor zum 4:2 (86.) der Matchwinner.
„Es gab im Vorfeld unterschiedliche Meinungen über ihn“, sagte Michael Schade.
Auch Schmidt begeistert
Nun ist der Klubchef mehr denn je überzeugt, dass die letztlich gefällte Entscheidung die richtige war: „In diesem System ist er für uns unentbehrlich.“
Genauso sah es auch Schmidt.
„Ich weiß gar nicht, was ich mit dem gemacht habe“, sagte der Coach schmunzelnd auf eine entsprechende Frage.
„Aber er ist ein Wahnsinns-Spieler, und er hat unser System zu seinem gemacht. Wenn er seine Leistung konstant bringt, kann er mit Mitte 20 noch mal einen großen Sprung machen.“
Traum von Nationalmannschaft
Vielleicht bis hinein in die Nationalmannschaft – fragt sich nur für welche.
Bellarabi ist ein in Berlin geborenen Sohn einer Marokkanerin und eines Ghanaers.
Vor allem in der Breite zeigten die Leverkusener gegen Hertha aber, dass mit ihnen in dieser Saison zu rechnen sein wird.
Stefan Kießling ging nach neun Toren in vier Spielen diesmal leer aus, verteidigte aber wie ein Beserker im eigenen Strafraum.
Jedvaj zeigt „kroatisches Herz“
Und vorne sprangen andere ein: Bellarabi, Hakan Calhanoglu, der nach schwacher erster Halbzeit die Tore von Emir Spahic (62.) und Bellarabi vorbereitete – und zwei „Küken“.
Der 18-Jährige Tin Jedvaj, der nach einem Eigentor (24.) „kroatisches Herz“ (Schmidt) zeigte und selbst den Ausgleich erzielte (50.).
Schieber bleibt gefährlich
Hertha spielte eine Halbzeit lang sehr kompakt, hatte in Julian Schieber -der Ex-Dortmunder hat nach seinem dritten Saisontor (60. ) in zwei Spielen so viele Tore erzielt wie in zwei Jahren beim BVB – einen echten Torjäger, aber im Endeffekt doch weniger individuelle Klasse.
„60 Minuten lang haben wir vieles richtig gemacht. Aber 90 Minuten lang kann man diese Jungs nicht abmelden“, stellte Trainer Jos Luhukay konsterniert fest.