Vom Hamburger SV berichtet Andreas Reiners

Für Marcell Jansen zählt die Vergangenheit nicht mehr.

Der Blick geht nach vorne. In die Zukunft. Die besser werden soll. Mit mehr Erfolgen. Und viel weniger Skandalen.

Denn die waren in der vergangenen Saison ständiger Begleiter des Hamburger SV.

Der Bundesliga-Dino mutierte zum Chaos-Klub, stand sportlich und finanziell am Abgrund, hatte drei Trainer verschlissen und mit Dauer-Streitigkeiten hinter und vor den Kulissen zu kämpfen.

Alles soll besser werden

Den leidgeprüften Fans wolle man etwas zurückgeben. Und dafür wolle man Gas geben, hatte die Vereinsführung unter dem neuen Boss Dietmar Beiersdorfer für die neue Saison angekündigt. 

Es sollte mal wieder alles besser werden. Einen ersten Schritt hat der HSV am ersten Spieltag zumindest sportlich vollzogen. Auch wenn das 0:0 beim 1. FC Köln nur ein kleiner war.

„Das war ein erster, minimaler Schritt. Alle versuchen jetzt, ihren Job viel, viel besser zu machen. Man darf nicht mehr in der Vergangenheit leben, weil die negativ belagert ist und zudem irgendwelche Prognosen abgeben. Das ist alles Schwachsinn“, sagte der Nationalspieler im Gespräch mit SPORT1.

Beiersdorfer sagte zu SPORT1: „In Köln kann man unentschieden spielen. Die Mannschaft hat sich sehr solide präsentiert, darauf kann man aufbauen.“

Und der 50-Jährige fügte hinzu: „Die großen Herausforderungen kommen natürlich erst. So naiv sind wir auch nicht, dass es jetzt alles so schön weiter geht. Geschlossen zu sein als Klub, als Führung, als Team: dann kann es auch sehr positiv laufen.“

HSV bleibt eine Wundertüte

Eine Erkenntnis vom Saisonauftakt bleibt aber: Sportlich ist und bleibt der HSV eine Wundertüte. Das Team von Trainer Mirko Slomka spielt konzentrierter, kompakter und mit einer ganz anderen Körpersprache.

Das liegt unter anderem an Neuzugang Valon Behrami, der im defensiven Mittelfeld für Stabilität sorgt.

Dafür funktionierte das geplante Umschaltspiel noch nicht so wie gewollt, im Spiel nach vorne waren die Hamburger nicht effektiv genug.

„Wir waren gut vorbereitet, haben ein bisschen besser gestanden, gut gearbeitet und uns gut bewegt. Es ist wichtig, als Mannschaft gerade jetzt die Ruhe zu bewahren und kompakt zu verteidigen. Wir waren sehr griffig in den Zweikämpfen“, sagte Jansen.

Abstiegskandidaten verlieren solche Spiele wie das in Köln. So wie der HSV es wohl auch in der vergangenen Saison verloren hätte. Spitzenteams fahren bei einem typischen 0:0 aber auch gerne mal einen dreckigen Sieg ein.

Was nimmt der HSV also mit nach den ersten 90 Minuten Bundesliga?

Realistisch bleiben

„Wir wollen jetzt nicht in eine riesige Euphorie ausbrechen. Wichtiger ist, dass wir realistisch bleiben und weiter gut arbeiten. Dass wir das alles gut einzuordnen wissen“, sagte Jansen.

„Wir müssen die positiven Dinge mitnehmen, die Zeit jetzt gut nutzen und dürfen keinen Zentimeter nachlassen. Das andere kommt dann auch im Spiel.“

Jansen weiß schließlich, wovon er spricht. Auch wenn „es uns allen nicht schlecht täte, mal ein bisschen nach vorne zu gucken“ – der Hohn und Spott nach dem überaus glücklichen Klassenerhalt in der Relegation gegen die SpVgg Greuther Fürth (0:0, 1:1) nur aufgrund des Auswärtstores ist gerade erst verhallt.

Als sich Jansen während des Eröffnungsspiels der WM nach der Schwalbe des Brasilianers Fred via Facebook über fehlende Gerechtigkeit im Fußball aufregte, schrieb ein User: „Wenn Fußball fair wäre, würdest du jetzt in der 2. Liga kicken.“ 

Jansens Vertrag läuft aus

Wie lange der dienstälteste HSV-Profi überhaupt noch in der Hansestadt kickt? Offen. Sein Vertrag läuft nach dieser Saison aus.

Nicht wenige vermuteten, dass die Verpflichtung von Matthias Ostrzolek ein Fingerzeig auf einen vorzeitigen Abschied Jansens sei. Doch der 28-Jährige, der in seiner siebten Saison beim HSV spielt, stand beim FC in der Anfangsformation.

Und bewies, dass er auch seine eigene Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Dass Jansen die WM im Sommer nur als Zuschauer erlebte? Abgehakt. Den WM-Triumph verfolgte er aus dem Urlaub. Ohne ein weinendes Auge.

„Man muss gönnen können“

„Man muss gönnen können, das habe ich als Rheinländer gelernt. Wir haben den Titel. Ich glaube, das ist das, was zählt, und nicht die einzelne Person“, sagte der gebürtiger Gladbacher.

Jansen war von Bundestrainer Joachim Löw nach seinem Bänderriss im Sprunggelenk zwar in den 30er-Kader berufen, wegen seines Fitnesszustands aber letztendlich wieder aus dem endgültigen WM-Kader gestrichen worden.

„Ich war im 30-Kader, da kann man auch stolz drauf sein“, bekräftigte er.

Zurück zur Nationalmannschaft?

Das Thema Nationalmannschaft könnte für Jansen in dieser Woche aber wieder ganz schnell aktuell werden. Nämlich dann, wenn Löw den Kader für die Länderspiele gegen Argentinien und Schottland am 3. und 7. September nominiert.

„Das wird man sehen. Keine Ahnung, was da geplant ist. Wir haben jetzt erst mal ein wichtiges Heimspiel und eine wichtige Woche vor uns. Und dann sehen wir weiter.“

Ganz so weit in die Zukunft will Jansen dann auch nicht schauen.